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Bürolandschaften: Das Ende der Legebatterien

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Büro-Einrichtung Die Mauer muss weg

Büromöbelhersteller haben einst Wände zwischen Schreibtischen eingezogen und Büroräume in kleine Zellen unterteilt. Jetzt werden die Legebatterien wieder aufgebrochen, offene Büros gelten als effektiver.
Von Ben Kesling und James R. Hagerty

Die Rezession hat die Büromöbelhersteller hart getroffen. Nun wollen sie den Unternehmen zeigen, dass offene Büros die Zusammenarbeit fördern und Firmen dadurch sogar Platz und Kosten einsparen können. Das amerikanische Unternehmen Herman Miller gehört zu den Herstellern, die diesen Trend vorantreiben. In den vergangenen zwei Jahren sind die Umsätze der Firma dank Großaufträgen von Kunden wie Microsoft um fast ein Drittel gestiegen.

Der Software-Hersteller hat Berater von Herman Miller angeheuert, die auswerten sollten, wie der Platz in seinen Büros wirklich genutzt wird. Diese fanden unter anderem heraus, dass Konferenzräume, die Platz für 20 Mitarbeiter bieten, oft nur von zwei oder drei Angestellten auf einmal genutzt werden. Also hat Microsoft kleinere "Fokusräume" gebaut, wo sich zwei bis vier Menschen treffen können. "Viel Arbeit wird in kleineren Teams erledigt", sagt Martha Clarkson, Arbeitsplatzstrategin bei Microsoft.

Offene Büroräume kamen vor etwa zehn Jahren in Mode. Niedrigere oder gar keine Trennwände sowie spezielle Gesprächsbereiche sollen zu mehr Kommunikation unter Kollegen führen, wodurch sie auch spontan Probleme lösen sollen.

Viele Unternehmen zeigten Interesse an diesem Konzept. Jedoch schoben die meisten von ihnen Ausgaben für eine neue Büroausstattung während der Rezession auf. Der Büromöbelmarkt schrumpfte dadurch 2009 um 26 Prozent, zeigen Daten des Marktforschungsunternehmens Ibis World.

Steigende Aktienkurse und der wachsende Optimismus in der Wirtschaft hätten jüngst jedoch viele Projekte wieder auf die Tagesordnung gebracht, die "mehrere Jahre im Winterschlaf lagen", sagt Franco Bianchi, CEO von Haworth, einem der größten Büromöbelhersteller der USA.

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Auch deshalb rechnet Ibis World damit, dass 2013 das wachstumsstärkste Jahr der Branche seit einem Jahrzehnt werden könnte. Die Firma schätzt, dass Büromöbelhersteller dieses Jahr etwa 21,5 Milliarden US-Dollar umsetzen werden - über vier Prozent mehr als 2012, jedoch immer noch 26 Prozent weniger als zum Höhepunkt im Jahr 2006.

Bianchi bietet seinen Kunden heute mehr Service und Design-Beratung, um ihnen die Entscheidung für neue Büromöbel zu erleichtern. Haworth habe etwa 20 neue Berater eingestellt, die zusammen mit Kunden eine effektive neue Arbeitsumgebung entwickeln. Das Unternehmen habe seine Umsätze von 2009 bis 2012 um 18 Prozent auf 1,31 Milliarden Dollar gesteigert.

Büroangestellte brauchen immer weniger Platz

Herman Miller ist mit dafür verantwortlich, dass Großraumbüros in den Sechzigern zunehmend in kleine Einzelzellen unterteilt wurden. Dieser Trend basierte darauf, dass Einzelbüros ein Zeichen von Rang und Prestige waren und auch die Arbeitsplätze der einfachen Arbeiter daran angelehnt werden sollten.

Doch während seit einigen Jahren Papier zunehmend aus Büros verschwindet und große PCs durch schlanke Laptops ersetzt werden, brauchen Büroarbeiter immer weniger Platz. Viele Angestellte fühlen sich außerdem hinter Trennwänden isoliert.

Viele Kunden verlangen harte Daten, die beweisen, wie sich Produktivität und Motivation mit der Raumgestaltung steigern lassen, sagt Tracy Brower, die Kunden von Herman Miller berät. Das Unternehmen hat dazu eine eigene Forschungssparte etabliert, die mit High-Tech-Methoden die Nutzung von Büros auswertet. Zum Beispiel installiert die Firma Sensoren unter Stühlen, die aufzeichnen, wie oft sie benutzt werden.

Die Forscher fanden heraus, dass viele Arbeitsplätze nur etwa ein Drittel des Arbeitstags lang benutzt werden und Einzelbüros teilweise bis zu 80 Prozent der Zeit leerstehen.

Neue Möbelreihen für veränderte Ansprüche

Teils basierend auf diesen Ergebnissen hat das Unternehmen die Möbelreihe Avive entwickelt: schmale, freistehende Tische, die als Schreibtische dienen können oder zusammengeschoben zu Gruppenarbeitsplätzen werden.

Vergangenen Monat hat Herman Miller einen Gewinn für das dritte Quartal bis Anfang März von 16,5 Millionen Dollar ausgewiesen. Das sind elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz ist um 5,9 Prozent auf 423,5 Millionen Dollar gestiegen. Im Haushaltsjahr bis Juni 2012 stieg der Umsatz des Unternehmens um 4,5 Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar, nach einer Steigerung von 25 Prozent im Jahr davor.

Viele neue Trends im Bereich der Büroeinrichtung stammen aus dem Silicon Valley, wo die Tech-Firmen für ihre futuristischen Büros bekannt sind. "Der wichtigste Trend, der gerade aus Silicon Valley kommt, sind flexible Arbeitsplätze - die Fähigkeit, eine Arbeitsstation ständig der Situation anpassen zu können", sagt Jonathan Webb von Krueger International, einem Hersteller von Büromöbeln.

Das Unternehmen hat seinen Umsatz mit Schreibtischen, die sich elektronisch von einem Stehtisch in einen klassischen Schreibtisch verwandeln lassen, in drei Jahren mehr als verdoppelt. Webb sagt, Angestellte hätten dadurch mehr Freiheit zu entscheiden, wie sie arbeiten wollen, ohne extrem hohe Kosten zu verursachen.

Basierend auf Ratschlägen von Herman Miller hat der amerikanische Lebensmittelhersteller Campbell Soup jüngst seine 55 Jahre alte Zentrale renoviert. Jetzt gibt es dort mehr Gruppenräume, darunter auch kleine Konferenzräume für zwei bis vier Personen.

"Die Leute arbeiten jetzt besser zusammen, da sie nicht mehr durch Wände getrennt sind", sagt Beth Jolly, Sprecherin für Campbell.

Einige der Manager haben immer noch Einzelbüros, doch diese sind einheitlich nur noch elf Quadratmeter groß. Dadurch bleibt mehr Platz für offene Flächen. Außerdem ist es einfacher geworden, Arbeitsplätze zu verlegen, da die Verteilung nicht mehr auf der Ranghöhe der Angestellten basiert. Gilt das auch für den CEO? "Dazu kommen wir noch", sagt Jolly.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland 

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