Jungunternehmer Einwanderer gründen besonders eifrig

Jeder fünfte Firmengründer hat ausländische Wurzeln. Das hört sich nach einer Erfolgsmeldung an, doch viele gründen aus der Not heraus - in ihrem Beruf finden sie keine Anstellung. Vom Gründungseifer der Einwanderer profitieren viele: Sie schaffen mehr Arbeitsplätze als Deutsche.

Von Eva-Maria Hommel


Manchmal fragt sie sich, warum sie es nicht schon vor zehn Jahren gewagt hat. Endlich hat Narges Maghmoumi, 42, ihr eigenes Unternehmen gegründet. Vor 20 Jahren kam die Architektin aus dem Iran nach Deutschland, seit 2010 arbeitet sie von zu Hause aus als Architektur- und Energieberaterin. Jetzt konnte sie ein Büro im Interkulturellen Frauenwirtschaftszentrum eröffnen, das im Hamburger Stadtteil St. Pauli liegt. "Das war schon immer mein großer Wunsch", sagt sie.

Jeder fünfte Firmengründer hat wie Maghmoumi ausländische Wurzeln. Die Selbstständigenquote der Einwanderer hat sich in 20 Jahren fast verdoppelt, sie haben sogar die Einheimischen überholt. Nach Zahlen der staatlichen KfW-Bankengruppe hatten im vergangenen Jahr 184.000 Menschen und damit 22 Prozent aller Unternehmensgründer in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das sind 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei ging die Gesamtzahl der Gründungen um elf Prozent zurück.

"Wenn jemand bereits in ein anderes Land gegangen ist, spricht das für eine höhere Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen", sagt Alexander Kritikos, Forschungsdirektor für Entrepreneurship am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Außerdem sei Selbständigkeit in anderen Ländern verbreiteter. Narges Maghmoumi zum Beispiel hat fünf Geschwister, vier von ihnen sind selbstständig: "Sie sind immer meine Vorbilder gewesen", sagt sie.

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Vier Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Und doch fällt ein Schatten aufs Gründerparadies: In Deutschland machen sich besonders viele Menschen selbständig, weil sie keine andere Möglichkeit sehen. Knapp jeder vierte Gründer in Deutschland war laut DIW im Jahr vorher arbeitslos.

Viele Ausländer ohne anerkannten Abschluss hätten nicht in gleichem Maße von den guten Arbeitsbedingungen profitiert wie Deutsche, sagt KfW-Direktorin Margarita Tchouvakhina: "Sie lassen sich aber nicht entmutigen, sondern nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und wagen den Schritt in die Selbstständigkeit."

Auch Architektin Narges Maghmoumi hat lange keinen Job gefunden, trotz Diplomnote 1,0: "Die erste Frage war immer: Woher kommen Sie? Selbstständigkeit war die einzige Möglichkeit, endlich in meinem Beruf zu arbeiten." Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) macht deutlich: Unter den Migranten liegt der Anteil derer, die aus Mangel an Alternativen gegründet haben, bei mehr als 30 Prozent. Unter Deutschen sind es nur 25 Prozent.

Einwanderer schaffen mehr Arbeitsplätze

Mehr als jeder dritte Existenzgründer mit ausländischen Wurzeln macht sich als Dienstleister selbstständig, etwa als Friseur oder Fotograf. Aber auch Handel und Gastronomie sind beliebt. "Bei Dienstleistungsberufen sind die Eintrittsbarrieren nicht so hoch", sagt Kritikos. Gründer müssen keine Maschinen kaufen und brauchen keinen Meisterbrief.

Allerdings werden auch innovative Geschäftsideen von Ausländern deutlich häufiger umgesetzt als von Deutschen. Im Schnitt der Jahre 2008 bis 2011 lag der Anteil der innovativen Gründer bei Einwanderern bei 24 Prozent, bei Deutschen nur bei elf Prozent, so die KfW-Bank. Auch stellten Migranten bei Unternehmensgründung deutlich häufiger schon Mitarbeiter ein. Mehr als 70 Prozent beschäftigen gleich nach der Gründung einen Mitarbeiter oder beabsichtigen das; bei den Einheimischen sind es nur knapp 50 Prozent, fanden Forscher des DIW heraus. Auch Narges Maghmoumi bezahlt inzwischen schon einen Mitarbeiter auf Honorarbasis.

Insgesamt ist die Zahl der Selbständigen in Deutschland von 1991 bis 2009 stark gestiegen: von 3,0 auf 4,2 Millionen. Im internationalen Vergleich liegt das Land dennoch nur im Mittelfeld. Der "Global Entrepreneurship Monitor" der Leibniz Universität Hannover und des IAB misst regelmäßig, welcher Anteil der erwachsenen Bevölkerung gerade eine Existenz aufbaut. Im Jahr 2010 kam Deutschland auf 2,5 Prozent und belegt damit unter 22 vergleichbaren Industrieländern nur Platz zehn.

Den DIW-Experten Kritikos stört das nicht; für ihn ist Qualität wichtiger als Quantität: "Wir haben festgestellt, dass die Zahl der Gründungen über viele Jahre größer war als die Zahl der Marktaustritte." Die Unternehmen seien also nachhaltig. Erfreulich sei auch, dass die Wahrscheinlichkeit, selbständig zu sein, linear mit dem Bildungsstand ansteigt. Und noch eine frohe Botschaft haben die Forscher: Gründen lohnt sich. Bei Selbständigen kommt es deutlich seltener vor, dass sie weniger als 1100 Euro netto verdienen als bei Angestellten.

Und Narges Maghmoumi bekommt jetzt die Anerkennung, die sie lange vermisst hat: "Für meine Kunden ist nicht meine Herkunft wichtig, sondern meine Berufserfahrung."

  • Eva-Maria Simon (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

insgesamt 6 Beiträge
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kritiker111 05.07.2012
1. Viele Gründungen sind sehr fragwürdig...
Wenn man sich gerade bei den Dönershops, Friseuren und ähnlichen Neugründungen umschaut, dann fragt man sich, wo von leben sie? Da schleichen sich schonmanche Zweifel ein, wofür solche Läden, die so gut wie keine Kunden haben, dienen und wie sieüberhaupt existieren können! Oder, wie es oft schon der Fall war, "leben" diese Läden, bis das Finanzamt Druck macht - dann sind sie erst einmal zu und werden vom nächsten Verwandten weiter geführt, bis.....
Katzenzunge 05.07.2012
2.
Zitat von sysopJeder fünfte Firmengründer hat ausländische Wurzeln. Das hört sich nach einer Erfolgsmeldung an, doch viele gründen aus der Not heraus - in ihrem Beruf finden sie keine Anstellung. Vom Gründungseifer der Einwanderer profitieren viele: Sie schaffen mehr Arbeitsplätze als Deutsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,842618,00.html
Fragen Sie doch mal im Finanzamt Berlin-Neukölln nach. Da werden täglich etwa zwanzig neue Firmen von Roma und Sinti gegründet. Hauptsächlicher Unternehmensgegenstand: Renovierungsarbeiten und Schuttabfuhr. Als Büro dient die zu zehnt bewohnte 2-Raumwohnung im Hinterhof. Ob diese "Unternehmen" jemals Schutt abfahren? Nein. Warum nicht? Weil es vom deutschen Staat für diese Leute nach "Unternehmensgründung" nämlich reichlich Kindergeld für die sehr reichlich vorhandenen Kinder gibt. Neben der normalen Stütze, versteht sich. Das der deutsche Michel von dieser Praxis möglichst nichts erfahren sollte, versteht sich auch. Schönen Tag allerseits!
hauptsachemalwassagen 06.07.2012
3. neugründungen
ich bin gründungsberaterin in einer grossen sparkasse. zum einen ist festzustellen das sehr häufig einnahmen nicht korrekt angegeben werden und zum anderen ist anzumerken das ,im gegensatz zu deutschen existenzgründern, in der anfangsphase, häufig kein hohes einkommen erwartet wird. die vorredner sollten aufhören vom hörensagen zu berichten, wenn man etwas nicht weiss sollte man besser hin und wieder seine klappe halten als unsinn zu verzapfen.
TvanH 06.07.2012
4. Re; Viele Gründungen sind sehr fragwürdig...
Eine Sparkassenmitarbeiterin hat erzählt, in diese Läden wird unter anderem Geld gewaschen. Dort werden dann auf einmal hohe Summen an einem Tag verbucht und umgesetzt. Der kleine Laden eine Strasse weiter, wo nur Ramsch und sonstige Centware ausgelegt war, hatte alle paar Tage für ein paar Stunden mal geöffnet, ohne Kundschaft. Nach zwei Monaten wird dort jetzt geräumt. Davor hat auch jemand der sich nicht blicken ließ, nach kurzer Zeit das Geschäft welches wenig geöffnet, ohne Kundenfrequenz und düster war, geschlossen. Das ist zu faszinierend das so was überhaupt möglich ist. Und überhaupt so "mutig" zu sein dieses Wagnis einzugehen.
zerr-spiegel 06.07.2012
5.
Meine Frau hat mal auf der Gerwerbemeldestelle gearbeitet. 90% der Ausländer melden ihr "Gewerbe" innerhalb von 4 Wochen wieder ab. Beispiel: Es kommen 5 Polen, melden "Trockenbau" an und einige Tage später wieder ab. 3 davon und zwei andere kommen nach einer Woche wieder und melden wieder "Trockenbau" an und nach einigen Tagen wieder ab. So ging das viele Monate lang (auch Rumänen mit Abfall sammeln, Türken mit Dönerbude oder Handyladen, etc.). Die vielen Anmeldungen sollte man immer gegen die vielen Abmeldungen sehen. "Premiere" hat auch immer nur die Neukunden genannt, die Zahl der Kündigungen blieb dagegen geheim.
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