Ex-Wella-Vorstand über Babypause "Mit dir sind wir in einem Jahr fertig"

"Null Bock" auf eine Frau hatten die Kollegen von Elke Benning-Rohnke, als diese nach der Geburt ihres Sohnes wieder arbeiten ging. Das war vor über 20 Jahren. Später schaffte sie es in den Vorstand.

Elke Benning-Rohnke, Management-Beraterin, saß im Vorstand von Wella
FidAR

Elke Benning-Rohnke, Management-Beraterin, saß im Vorstand von Wella


Zwölf Top-Managerinnen, ein Dutzend Geschichten: Hier zeichnen erfolgreiche Frauen ihren Weg nach oben nach - und berichten, worauf es ankommt. Heute: Management-Beraterin Elke Benning-Rohnke.

"Niemand würde heutzutage eine Frau im ersten Personalgespräch wissen lassen, dass sie keine Chance auf eine Karriere hat. Auch werden Stellenbewertungen (vermutlich) nicht mehr nach unten korrigiert, wenn eine Frau dorthin befördert wird. Ganz klar: Die Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft hat in den letzten Jahren deutlich an Gender Political Correctness gewonnen.

"Wir sind doch auf sehr gutem Weg", sagte neulich ein ehemaliger Vorsitzender des DCGK (Deutscher Corporate Governance Kodex) zu mir, gleich verbunden mit der Mahnung, nicht noch mehr Forderungen zum Thema Frauen in der Wirtschaft zu stellen.

Aber sind wir tatsächlich auf gutem Weg? Oder verdeckt die Political Correctness lediglich die Mythen, die sich in Deutschland über Frauen in der Wirtschaft seit langen Jahren halten?

Mit Blick auf viele der sogenannten Frauen(be)förderprogramme, die geringe Anzahl und Wirksamkeit weiblicher Vorstände sowie die aufgeregte Diskussion um die Quote für Aufsichtsräte, gefördert von FidAR (Frauen in die Aufsichtsräte e.V.) und vielen politischen Parteien, scheinen mir die Mythen noch immer Bestand zu haben. Sie drehen sich um die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, die angeblich fehlende Verfügbarkeit und den Mangel an Kompetenzen. Die Abschaffung dieser Mythen ist überfällig, denn sie bringen uns alle nicht weiter.

Plötzlich neue Kompetenzen gefragt

Zweimal hatte ich das große Glück, in Konstellationen zu arbeiten, in denen diese Mythen keine Rolle spielten. Es wird nicht wundern, dass ich dabei sehr wirksam, sehr erfolgreich und sehr froh und heiter war.

In einem Fall entschied ich mich nach der Geburt unseres zweiten Sohnes, ein neues Geschäftsfeld kennenzulernen. Umgehend wurde die Stelle in der Bewertung nach unten angepasst und mein Gehalt gegenüber dem meines Vorgängers auch; und das obwohl ich bereits hier wie auch in meinem vorherigen Unternehmen, einem US-Konzern, große Erfolge vorzuweisen hatte. Meine neuen Kollegen, die nichts anderes als nur diesen Bereich kannten, begrüßten mich dennoch mit einem geraunten "Mit dir sind wir in einem Jahr fertig".

"Null Bock" auf die Frau und das, was ich einbringen wollte. Doch dann wendete sich das Umfeld durch den Verkauf des Unternehmens an einen großen amerikanischen Konzern und die Aufgabe, die Integration zu bewältigen.

Plötzlich hingen die Karrieren an ganz neuen Kompetenzen. Wer kann Englisch? Wer kann amerikanischen Konzern? Wer kann überhaupt die Aufgabe der Integration bewältigen? In Nullkommanix war ich zur neuen Allzweckwaffe geworden. Mein internationaler Managementbackground war jetzt heiß begehrt. Meine Aufgabe war, die Integration hinzubekommen und die Positionen meiner Kollegen zu sichern.

Warum Gender-Diskussionen überkommen sind

Kein Wort mehr, dass ich als Frau vom Business keine Ahnung habe, kein Wort mehr, dass ich besser bei meinem Neugeborenen aufgehoben sei. Im Gegenteil: Ich bekam alle erdenkliche Unterstützung und Zuwendung. Manch ein Meeting wurde mit Blick auf die Uhr und den Worten beendet: "Wir müssen Schluss machen. Die Kinderfrau von Frau Benning-Rohnke hat heute Gymnastik, da muss sie pünktlich zu Hause sein".

Paradiesische Zustände für eine Frau - und das vor mehr als zwanzig Jahren in Deutschland, als in manchen Meetings noch Zigarren geraucht wurden.

Schnell geht der Wandel dann in den Köpfen der konservativsten und frauenskeptischsten Männer, wenn die eigene Karriere dadurch gefördert wird. Dann spielen alte Mythen plötzlich keine Rolle mehr. Diese Erkenntnis wünsche ich mir stärker in den vielen Unternehmensprogrammen berücksichtigt, die zum Ziel haben, den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen.

Es ist keine Utopie sich vorzustellen, dass Gender-Diskussionen, wie wir sie heute in Deutschland immer noch führen, überkommen sind. In Kanada war es bereits Ende der Achtzigerjahre Usus, dass Frauen bis hin zur General Managerin Führungspositionen innehatten. Es war normal, dass Familie die gemeinsame Verantwortung der berufstätigen Väter und Mütter war und beide ihre Karriere verfolgten.

Unter meinen Kollegen dort konnte niemand meine Frage verstehen, ob es nicht schädlich sei, wenn die Kinder fremdbetreut aufwachsen. Dieser Moment gehört zu den wichtigsten in meinem Leben. Seitdem prüfe ich genau, ob vermeintliche Glaubenssätze einfach nur überkommene Mythen sind.

Das kanadische Familienmodell haben mein Mann und ich dann nach Deutschland importiert und leben es seit nunmehr über 25 Jahren. Es hat uns und unseren beiden Söhnen die Voraussetzung gegeben, die eigenen Talente zu entfalten und Ambitionen zu leben. Diese gelebte Selbstverständlichkeit in der Gleichstellung scheint mir ein guter Weg. Dies im privaten Bereich herzustellen, ist auch Aufgabe der Frauen selbst."

Anm. d. Red.: In einer früheren Fassung des Artikels entstand der Eindruck, Frau Benning-Rohnke sei aktuell immer noch im Vorstand von Wella. Das ist nicht richtig. Der Fehler wurde korrigiert, wir bitten um Entschuldigung.

Protokolliert von Gisela Maria Freisinger

insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
janne2109 15.12.2014
1. unnötig
ich als Frau halte diese Diskussion für unnötig, wer nach oben will schafft es auch, bin ein Beispiel dafür
Susi64 15.12.2014
2. Genau das ist es!
"Schnell geht der Wandel dann in den Köpfen der konservativsten und frauenskeptischsten Männer, wenn die eigene Karriere dadurch gefördert wird. Dann spielen alte Mythen plötzlich keine Rolle mehr. " Frauen werden vorallem als vermeintlich leicht auszubootende Konkurrenz angesehen, die Welt ist halt nicht mehr in Ordnung, wenn Frauen und vorallem Mütter Chefs sind.
Europa! 15.12.2014
3. Gefällt mir, und
Am besten gefällt mir, dass diese schöne Geschichte von einer Mutter mit zwei Kindern erzählt wird. Wenn der Respekt vor Müttern in unserer Arbeitswelt etwas größer wäre, könnte noch alles gut werden. Aber leider haben Mütter ja meistens gleich zwei Feinde: gedankenlose Männer und (was noch schlimmer ist) die kinderlosen Frauen, die fest daran glauben, frau dürfe nicht "alles haben".
kangootom 15.12.2014
4. Babypause ist leider immer noch Karrierekiller
Zitat von janne2109ich als Frau halte diese Diskussion für unnötig, wer nach oben will schafft es auch, bin ein Beispiel dafür
Zitati janne2109:ich als Frau halte diese Diskussion für unnötig, wer nach oben will schafft es auch, bin ein Beispiel dafür Schön, dass Sie als Enzelbeispiel für die komplette Gesellschaft stehen. Mal im Ernst. Selbst bei meinem aktuellen Arbeitgeber, einem traditionellen Familienunternehmen sind in den letzten 4 Jahren 3 Frauen nach ihrere Babypause in unterirdische Jobs geschoben worden, dass sie sich freiwillig woanders beworben haben. Meine Frau und ich werden ständig angegiftet, weil wir die Kinder schon nach dem 3.Monat in die Kita gegeben haben. Schuld ist ein Herr A.Hitler, der das Ideal der Mutter geschaffen hat, die zu Hause bleiben muss. Deutschland und Österreich sind leider immer noch die einzigen Industrieländer, in denen eine Mehrjährige Auszeit der Mutter normal ist. In allen anderen ist die wiederaufnahme der Arbeit nach 3 Monaten normal, bzw. man wird nicht als Rabenmutter tituliert, wenn man so "früh" wieder arbeiten geht. (Abgesehen von der Ironie, dass Raben sehr soziale Tiere sind)
a-mole 15.12.2014
5.
so ein familienfreundlicher wandel sollte doch auch bei männern die nicht nur "ernährer" sondern auch vater sein wollen auf große zustimmung stoßen :)
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