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Maren Hoffmann

Ende der Homeoffice-Pflicht Macht die Arbeitswelt endlich erwachsen!

Maren Hoffmann
Ein Kommentar von Maren Hoffmann
Ein Kommentar von Maren Hoffmann
Die Homeoffice-Pflicht läuft aus. Und jetzt? Fürchten sich viele Unternehmen davor, ihren Mitarbeitenden die freie Wahl zu lassen. Dabei wäre das eine große Chance.
Neue Freiheit: Flexible Arbeitsorte sind eine große Chance

Neue Freiheit: Flexible Arbeitsorte sind eine große Chance

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We Are / Getty Images

Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor zwei Jahren Radfahren gelernt. Seitdem sind Sie sicher unterwegs. Jetzt aber läuft Ihnen auf einmal jemand hinterher, der Sie am Gepäckträger festhält, ausbremst und unbedingt Stützräder an Ihrem Fahrrad anbringen möchte. Klingt absurd, oder? Aber dieser Tage ist genau das in vielen Unternehmen Realität: Morgen endet die Homeoffice-Pflicht . Arbeitgeber müssen dann nicht mehr allen Mitarbeitenden nach Möglichkeit diese Option anbieten.

In vielen Firmen heißt es dann: zurück ins Büro . Vielerorts gibt es mittlerweile Betriebsvereinbarungen, die den Anteil von Homeoffice- und Präsenztagen regeln. Das ist schon mal eine deutliche Verbesserung gegenüber den Zeiten vor der Pandemie, in denen viele Unternehmen Homeoffice einfach kategorisch ablehnten.

Aber leider haben sich viele dabei für die uninspirierteste Lösung entschieden: fifty-fifty oder auch nur ein paar Tage Homeoffice im Monat für alle.

Das mag versicherungstechnisch einfach sein, weil sich dann niemand Gedanken über Telearbeitsplätze, Arbeitsstättenverordnungen und Feiertagsregelungen für Dienstorte  machen muss. Solche bürokratischen Hürden können auch wirklich lästig sein, aber sie verhindern in der Regel nichts, was Unternehmen ernsthaft auf die Schiene bringen wollen.

Erwachsene brauchen keine stetige Hilfestellung und Anleitung

In der Weigerung der meisten Arbeitgeber, einen Anspruch auf Homeoffice zu befürworten, wie ihn etwa die Niederlande oder Portugal längst gesetzlich festgelegt haben, zeigt sich vor allem eines: ein Menschenbild, das Angestellte nicht als Erwachsene behandelt, sondern als Personen, die steter Hilfestellung und Anleitung bedürfen.

Das Problem ist nur: Wenn man Leute so behandelt, dann verhalten sie sich auch so. Wem man noch nicht einmal zutraut, selbst beurteilen zu können, von wo aus er oder sie die eigene Leistung am besten auf die Kette kriegt, wird sich auch sonst nicht als souveräner Problemlöser verhalten. Genau das ist aber eine Schlüsselqualifikation in fast jedem Job, in fast jedem Unternehmen, in einer Welt, die sich ständig schneller dreht.

Kontrollfreudige Arbeitgeber, bei denen ein Teil der Belegschaft gar nicht anders als vor Ort arbeiten kann, bringen gern das Gerechtigkeitsargument. Sie wittern Unfrieden: Wenn die Kolleginnen und Kollegen in der Produktion jeden Tag antanzen müssen, könnten sie doch völlig zu Recht Neid auf die entwickeln, die sich zu Hause im Bademantel den ersten Kaffee gönnen, während die Schichtarbeiterin schon im Frühbus sitzt. Ja, das könnten sie.

Aber was bringt es der Schichtarbeiterin, wenn nebenan in der Verwaltung jemand schlecht gelaunt am Schreibtisch sitzt, der genauso gut zu Hause sein könnte?

Angst vor der neuen Freiheit?

Unternehmen haben ohnehin eine Vielzahl an Asymmetrien, die in der Regel nicht problematisiert werden: Jobs sind verschieden, Gehälter sind unterschiedlich hoch. Warum muss dann beim Arbeitsort Gleichheit herrschen?

Wer Angst vor der neuen Freiheit hat, sagt seinen Leuten: Wir wissen besser als du, wie und wo du gut arbeiten kannst. Sprich: Wir haben dich zwar eingestellt, weil wir glaubten, dass du deinen Job machen kannst, und du hast das gut genug gemacht, um die Probezeit zu bestehen – aber gaaaaaanz sicher sind wir uns bei dir immer noch nicht. Besser, wir sehen dir auf die Finger. Wer solche Signale sendet, züchtet sich ein Motivationsproblem heran.

Manche Menschen arbeiten lieber im Büro, weil sie zu Hause keine guten Arbeitsbedingungen oder schlicht keine Lust haben, ihr privates Umfeld mit der Arbeit zu verweben. Andere arbeiten lieber zu Hause, weil sie da ungestört sind, sich besser konzentrieren können oder einfach keine Lust auf den Pendelverkehr haben.

Der Großteil, das zeigen Umfragen immer wieder, würde es gern von Fall zu Fall entscheiden – je nach der jeweiligen Tätigkeit des Tages und abhängig davon, ob man gerade allein oder im Team schafft. Montags und freitags sind die meisten lieber zu Hause. Na und?

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Wir sollten endlich anfangen, eine Arbeitswelt zu bauen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass Leute in der Regel selbst wissen, was sie wollen und was sie können.

Im Idealfall funktioniert das wie beim Augenoptiker, der beim Anpassen der neuen Brille fragt: Ist es so besser? Oder doch eher so? Und so lange zwischen den verschiedenen Gläsern hin- und herwechselt, bis man herausgefunden hat, welches am besten funktioniert. Das muss man natürlich von Zeit zu Zeit überprüfen. Aber am besten macht das immer noch derjenige, der die Brille dann tragen soll.