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Gerechtere Bezahlung von Frauen Viele Betriebe ignorieren das Entgelttransparenzgesetz

Per Gesetz wollte die Bundesregierung die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern vorantreiben. Doch zwei Drittel der Betriebe halten sich nicht daran.

Ein gut funktionierendes Gesetz geht anders: Das Entgelttransparenzgesetz, seit gut einem Jahr in Kraft, hat in zahlreichen Unternehmen "keine spürbaren Effekte gezeigt". In zwei Dritteln aller Betriebe ab 20 Beschäftigten wurden keinerlei Maßnahmen für eine gerechtere Bezahlung von Frauen ergriffen. Transparenz in den Gehaltsstrukturen ist für Chefs kaum ein Thema.

Das ist das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt. "Offenbar fühlte sich nur ein kleiner Teil der Betriebe von der Aufforderung angesprochen, im Betrieb für Entgeltgleichheit zu sorgen", schreiben die Autoren.

Eine aktuelle Umfrage des ifo-Instituts unter mehreren hundert Personalchefs kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach verlangten Mitarbeiter in nicht einmal jeder zehnten Firma Auskunft über die Gehaltsstruktur - und da, wo sie es taten, gab es diese Anfragen oft nur vereinzelt. Lediglich jede siebte Anfrage führte dazu, dass die Bezahlung angepasst wurde.

Das Gesetz habe "in den meisten Betrieben keine Aktivitäten" ausgelöst, schreiben nun die WSI-Forscher. In ihre Befragung flossen Daten aus knapp 2300 Betrieben ein. So seien in gerade mal zwölf Prozent der Unternehmen mit Betriebsräten die Geschäftsführungen von sich aus aktiv geworden und hätten sich um größere Transparenz bei den Gehältern und bei der finanziellen Gleichstellung von Frauen und Männern bemüht.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Drei Viertel der Großbetriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern (74 Prozent) ignorieren bisher das Entgelttransparenzgesetz - obwohl sie eigentlich regelmäßig ihre Gehaltsstruktur überprüfen müssten.
  • Bei mittelgroßen Unternehmen mit 200 bis 500 Angestellten ist der Wert mit 72 Prozent ähnlich hoch.
  • Den größten Erfolg hat das Gesetz in bestimmten Branchen: Bei Informations- und Kommunikationsunternehmen sowie in der Finanz- und Versicherungsbranche haben 28 Prozent der Betriebe auf das Gesetz reagiert - überdurchschnittlich viele, aber trotzdem noch nicht einmal ein Drittel der Unternehmen.
  • Besonders aktiv zeigen sich Firmen außerdem, wenn sie eine überdurchschnittlich junge Belegschaft haben.

Einzelheiten zur Studie

Die Bundesregierung hatte das Entgelttransparenzgesetz verabschiedet, um den Gender Pay Gap, die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern, zu schließen. Das Gesetz gibt Angestellten das Recht, Auskunft über die Gehälter von Kollegen in vergleichbaren Positionen zu erhalten - allerdings nur dann, wenn der Betrieb mindestens 200 Beschäftigte hat.

Damit, so heißt es in der Studie, seien nur 0,7 Prozent der Betriebe und 32 Prozent der Beschäftigten von dem Gesetz betroffen. Vielleicht einer der Gründe dafür, dass das Gesetz und der Auskunftsanspruch so gut wie keine Rolle im Arbeitsalltag spielen.

"Eine Novellierung des Gesetzes ist also angeraten", schreiben die WSI-Forscher. Sie fordern, dass die Überprüfung von Gehaltsstrukturen für alle Betriebe verpflichtend gemacht wird. Außerdem müsse der Auskunftsanspruch auch für Angestellte in kleineren Betrieben gelten - und den Unternehmen, die sich nicht an das Gesetz halten, müsse mit echten Konsequenzen gedroht werden: "Nötig sind strengere Auflagen und spürbare Sanktionen."

Zu befürchten haben Betriebe, die das Gesetz ignorieren, bislang nämlich: nichts.

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