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Erreichbarkeit nach Dienstschluss Deutsche Konzerne kämpfen gegen den Handy-Wahn

BMW rechnet Dienstmails in der Freizeit aufs Stundenkonto. Volkswagen knipst den Mailserver abends aus. Daimler löscht Korrespondenz, die im Urlaub eintrifft. Viele Konzerne gehen gegen die digitale Flut vor. Doch am Ende ist etwas ganz anderes entscheidend.
Nicht jetzt, Boss: Was tun, um der Informationsflut Herr zu werden?

Nicht jetzt, Boss: Was tun, um der Informationsflut Herr zu werden?

Foto: Corbis

Die eigentliche Nachricht ist ja, dass immer mehr Chefs das Problem verstehen. Früher sagten viele einfach: Warum ist das Stress für meine Mitarbeiter, wenn ich am Sonntagmorgen eine Mail schreibe? Die können sie doch bearbeiten, wann sie wollen!

Aber das ist blanke Theorie. Das Handy brummt, auf dem Display erscheint der Name des Abteilungsleiters - die Mehrheit der Arbeitnehmer will dann wissen, was der gerade will. Man entschuldigt sich kurz, geht vom Esstisch weg, schreibt schnell eine Antwort, zwei Kollegen in CC. Und so weiter. Thomas Sattelberger bekannte: "Ich war früher auch einer von denen, die zu unnatürlichsten Zeiten E-Mails verschickt haben." Doch dann setzte er als damaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom durch, dass keiner nach Feierabend, am Wochenende und während des Urlaubs seine E-Mails lesen muss.

Auch BMW tritt nun bei der ständigen Erreichbarkeit der Mitarbeiter auf die Bremse. Eine neue Betriebsvereinbarung sieht dazu zweierlei vor: Erstens kann jeder mit seinem Vorgesetzten Zeiten festlegen, in denen er zu Hause erreichbar ist. Zweitens - und das ist ungewöhnlich - können mobile Tätigkeiten in der Freizeit im Stundenkonto erfasst werden. Damit wird aus "Mal eben schnell die Mails checken" eine handfeste Überstunde, die man abbummeln kann. Die zusätzliche Zeit wird einfach auf einer eigenen Seite im Intranet eingetragen.

Riecht's schon brenzlig?

In den vergangenen Jahren haben eine Reihe bekannter Unternehmen versucht, dem Informations-Overkill Herr zu werden. Die prominentesten Beispiele:

  • Seit Ende 2011 gilt bei Volkswagen eine E-Mail-Pause. Eine halbe Stunde nach Dienstende wird der Mail-Server für alle Smartphones ausgeschaltet, er fährt erst eine halbe Stunde vor Beginn wieder hoch. So lange geht technisch nichts. Allerdings betrifft die Regelung nur einen kleinen Teil der Belegschaft, nämlich solche mit Tarifvertrag und Diensthandy. Das sind gut 3500 Mitarbeiter, von weltweit rund 570.000.
  • Daimler geht seit 2013 mit Mails noch aggressiver um: Alle Nachrichten, die eintreffen, während ein Mitarbeiter seine Abwesenheitsschaltung aktiviert hat, werden gelöscht. Der Absender muss sie noch einmal schreiben.
  • Die Telekom beschloss den E-Mail-Verzicht in der Freizeit bereits im Jahr 2010, technische Gegenmaßnahmen gibt es aber nicht. Der Vorstand war aufgeschreckt durch Berichte über den Wettbewerber France Télécom. Dort hatten sich viele Beschäftigte das Leben genommen und in Abschiedsbriefen über eine Atmosphäre von Stress und Angst auf der Arbeit geklagt.
  • Viele andere Firmen, etwa Bayer oder E.on, erklären explizit, dass in der Freizeit keine Mails bearbeitet werden müssen oder sollen. Klingt eigentlich selbstverständlich, aber die Erklärung macht oft für das Arbeitsklima einen großen Unterschied.
  • Auch bei Henkel muss niemand nach Dienstschluss E-Mails lesen. Während solche Regeln bei vielen Firmen oft nicht fürs obere Management gelten, hat Vorstandschef Kasper Rorsted persönlich den Samstag zu seinem E-Mail-freien Tag erklärt und den Vorstandskollegen verboten, ihn zwischen Weihnachten und Neujahr zu kontaktieren.

Wie so oft, kommt es auf die Anwendung solcher Statements im Alltag an. Eine plötzliche Mail vom Chef dürfte die meisten auch dann von der Couch holen, wenn sie regulär nicht antworten müssen, schon aus Neugier. Der Vorgesetzte muss sich also selbst im Griff haben, wenn seine eigenen Regeln fruchten sollen.

"In vielen Unternehmen gehört das zur Karriere"

Aus der VW-Regelung gibt es kein Entkommen, der Mail-Server ist halt ausgeschaltet. "Am Anfang gab es große Bedenken bei manchen Abteilungsleitern", erinnert sich Jörg Köther, Sprecher des Konzernbetriebsrats. Inzwischen seien sich alle einig, dass die Regelung ein Vorteil sei. Auf höheren Hierarchieebenen gilt die nicht, aber inzwischen würde sich das mancher Manager insgeheim wünschen, sagt Köther.

Bei BMW gibt es keine technische Sperre. "Wir hätten uns sonst um die Vorteile flexibler Arbeit gebracht", glaubt Sprecher Jochen Frey. Am Ende zählt die Absprache in der jeweiligen Abteilung. Aber immerhin gibt es nun einen Kodex, den Arbeitnehmer leicht einfordern können.

Gesetzlich ist die Erreichbarkeit nach Dienstschluss nicht eindeutig geregelt. "Das ist eine riesige rechtliche Grauzone", sagt der Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer. Grundsätzlich kann zwar kein Chef vom Arbeitnehmer verlangen, nach Feierabend erreichbar zu sein. "In vielen Unternehmen wird das aber gerade im gehobenen Management vorausgesetzt, vor allem, wenn man Karriere machen will." Schon deshalb ist es gut, wenn sich ein Unternehmen selbst klare Regeln auferlegt.

Bei BMW kann jeder Arbeitnehmer nun stärker selbst entscheiden, wie er seine Arbeitszeit legen will: Heimarbeit wird als reguläre Arbeitszeit verbucht, "auf Vertrauensbasis", so BMW-Mann Frey. Allerdings kann das dazu führen, dass Einzelne erst recht spät nachts ihren Mailstau abarbeiten und damit andere Kollegen aufscheuchen. Bleibt zu hoffen, dass sich dann alle an die vereinbarten Erreichbarkeitszeiten halten.

Mitarbeit: Anja Tiedge

Foto: Jeannette Corbeau

Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur.

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