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Erster Arbeitstag "Ähem, wie war Ihr Name noch?"

Fremdes Büro, neue Kollegen: In den ersten Tagen müssen sich Einsteiger unzählige Dinge einprägen. Kein Problem, findet Boris Nikolai Konrad. Der Weltmeister im Namenmerken hat viele Tipps, wie man die Kollegen Meier und Müller unterscheidet - und auch noch ihre Hobbys behält.
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Thomas wie Tomate: Wie man sich Namen leichter merkt

Foto: Enrico Becker/ picture-alliance/ dpa

"Guten Tag, Herr Seifert", "Danke, Herr Seifert", "Auf Wiedersehen, Herr Seifert". Wenn Boris Nikolai Konrad, 27, sich unterhält, nennt er häufig den Namen seines Gegenübers. Das ist keine Masche, er will sich damit nicht anbiedern. Konrad wiederholt, um zu lernen. Es ist Teil der Technik, die ihn zum amtierenden Weltrekordhalter im Namen merken gemacht hat.

Gerade im Arbeitsalltag kann es peinlich werden, wenn man vergessen hat, wie Vorgesetzte, Kunden oder Kollegen heißen. Doch das Namenmerken ist am ersten Arbeitstag nur eine Herausforderung von vielen: Wo geht's zu meinem Büro? Wie bediene ich das neue Computerprogramm - und was ist noch gleich meine Telefonnummer? Wer feste Merkstrategien hat, tut sich leichter.

"Fünf-Sterne-Technik" nennt Konrad die Methode, mit der er sich in einer Viertelstunde 201 Namen einprägen kann (Weltrekord) und die er als Gedächtnistrainer in Seminaren, Büchern und als eigene App unters Volk bringt. "Wer weiß, dass er ein schlechtes Namensgedächtnis hat, konzentriert sich umso mehr darauf, bloß nicht den Namen des Gesprächspartners zu vergessen - und hat ihn dabei schon überhört", sagt Konrad.

Keine Angst vor Nachfragen

Genaues Hinhören sei der erste Schritt: "Ich muss den Namen erst einmal richtig verstehen, um ihn mir zu merken." Was banal klingt, ist gerade in Stresssituationen wie dem ersten Arbeitstag gar nicht so einfach: Gerade dann trauen sich viele nicht nachzufragen, wenn sie den Namen des Kollegen nicht verstanden haben. "Bitten Sie Ihren Gesprächspartner unbedingt, ihn zu wiederholen, wenn Sie sich nicht sicher sind", rät deshalb der Gedächtnistrainer.

Danach solle man den Namen im Gespräch noch einmal laut aussprechen: "Indem Sie den Namen wiederholen, speichern Sie ihn im Arbeitsgedächtnis ab." Doch erst der nächste Schritt ist der Entscheidende: Passend zum Namen denkt man sich ein Bild aus - und verbindet die Bildgeschichte mit der Person.

"Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wie Herr Becker in der Backstube steht und Mehlsäcke schleppt. Frau Schmidt klingt dagegen wie Schmied. Sie schlägt in meinem Bild angestrengt mit einem Hammer auf ein Stück Eisen." Je merkwürdiger die Geschichte, desto besser: "Wer sich die Bilder bewusst vorstellt, merkt sie sich von allein und wird darüber auf den Namen kommen - vor allem, wenn die Geschichte keinen Sinn macht." Wenn zwei Kollegen mit Nachnamen Müller heißen, kann in der Phantasie der eine den Teig kneten, der andere das Brot aus dem Ofen holen. Oder beide schleppen zusammen einen Mehlsack.

Die Bildermethode kann man um Symbole erweitern, die für verschiedene Hierarchieebenen, Aufgaben oder Hobbys stehen. "Wenn Herr Becker der Chef ist, bastelt er sich in der Backstube aus Teig eine Krone und setzt sie sich auf den Kopf", sagt Konrad. "Wenn Frau Steinke mir begeistert von ihrem Motorrad erzählt, baut sie in meiner Vorstellung zuerst einen Turm aus Steinen, schnappt sich danach ein Motorrad und fährt durch den Steinhaufen hindurch." Sich solche Details von Kollegen einzuprägen, sei gerade in der Kennenlernphase sehr nützlich.

Tennis mit Konrad Adenauer

"Ich kann die Person mit dem gleichen Namen auch selbst als Bild einsetzen", sagt Konrad. Bei seinem eigenen Vornamen Boris würden viele an Boris Becker denken. Um sich den Namen zu merken, könne man sich also vorstellen, wie er Tennis spiele. Wenn man ihn dann noch gegen Konrad Adenauer antreten lasse, sei auch der Nachname Konrad gespeichert: "Sie müssen auch nicht befürchten, dass Sie mich nun Boris Adenauer nennen. Dadurch, dass Sie den Namen am Anfang bewusst verstehen und noch einmal laut aussprechen, merken Sie sich die richtige Kombination."

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Grundsätzlich ist die Methode bei Vor- und Nachnamen gleich: "Zum Beispiel denke ich bei Thomas an eine Tomate und stelle mir die Person vor, wie sie gerade kräftig in eine Tomate beißt", erklärt Konrad. "Bei Sabine denke ich an eine Biene, die vor ihrem Gesicht herumschwirrt. Simone beißt dagegen in meiner Phantasie in eine Zitrone und verzieht dabei das Gesicht."

Die beste Phantasie nützt allerdings nichts, wenn man die Namen samt ihrer Bilder abends nicht noch einmal wiederholt. Nur so kann man sie sich langfristig merken: "Sie können nicht steuern, wann Sie jemanden wiedersehen - aber Sie können steuern, wann Sie noch mal über sein Namensbild nachdenken."

Trainieren auf Facebook

Als gutes Training sieht Konrad soziale Netzwerke wie Facebook und Xing. Dort kann man in Ruhe Fotos studieren - und sich Bilder zu den Namen ausdenken. "Selbst wenn man weiß, wie jemand heißt, sollte man sich überlegen, welches Bild man sich gemacht hätte", sagt Konrad. Auch das Fernsehprogramm eigne sich zum Üben: "Versuchen Sie, sich Namen von Talkshowgästen oder Interviewpartnern zu merken. Wenn man das ein paar Mal gemacht hat und merkt, dass es wirklich klappt, muss man sich nicht mehr so sehr überwinden, die Technik in Stresssituationen anzuwenden."

Bildhaftes Denken als Schlüssel zum besseren Gedächtnis - das ist keine neue These. So merkt sich Gedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger Mathe-Formeln, indem sie an kotzende Bären denkt; ihre Kollegin Meike Duch verteilt die Stellen der Zahl Pi auf einen Spaziergang durch Hamburg.

Konrad hat von der Methode zum ersten Mal im Fernsehen gehört, vor knapp zehn Jahren. Damals ging er noch zur Schule. In einer Fernsehshow erklärte ein Gedächtniskünstler, wie er sich viele Dinge binnen kurzer Zeit einprägt - und dass es einfache Techniken gibt, mit deren Hilfe jeder sein Erinnerungsvermögen verbessern kann. "Das hat mich interessiert, zumal ich kurz vor dem Abi stand und für die Prüfungen lernen musste", sagt Konrad. "Wenn man erst mal festgestellt hat, dass es funktioniert, geht es fast wie von selbst."

Konrad nimmt seitdem selbst regelmäßig an Gedächtnissportmeisterschaften teil, zweimal trat er bei "Wetten, dass …?" auf, wo er sich fünf ungelöste Sudokus merkte und sie danach aus 100 gelösten heraussuchte. Heute profitiert er doppelt von seinem Gedächtnis: Neben seiner Arbeit als Trainer und Referent erforscht der studierte Physiker und Informatiker am Max-Planck-Institut die neuronalen Grundlagen von Gedächtnisleistungen.

Seine Namenmerk-Technik funktioniert auch umgekehrt: Der neue Mitarbeiter kann Kollegen oder Vorgesetzten ein Bild anbieten, mit dem sie sich seinen Namen besser merken können. Man könnte etwa sagen: "Ich heiße Winter wie Sommer" oder "Seifert wie Seife", schlägt Konrad vor. "Bei komplizierteren Namen ist das natürlich schwierig. Es hilft aber schon, seinen Namen im Laufe des Gesprächs gelegentlich zu wiederholen."

Foto: Foto: H. Günther

Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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