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Fotografieren am Nordpol »So kalt, dass einem die Tränen kommen«

Die Fotografin Esther Horvath hat eine spektakuläre Expedition begleitet: Drei Monate war sie auf dem Forschungsschiff »Polarstern«, eingefroren im Eis. Erst hinterher fiel ihr auf, wie viel Angst sie hatte.
Ein Interview von Claudia Apel und Matthias Kaufmann
Wissenschaftler im Sturm auf ihrer Scholle: Auch in der Polarnacht gab es genug zu fotografieren

Wissenschaftler im Sturm auf ihrer Scholle: Auch in der Polarnacht gab es genug zu fotografieren

Foto: Esther Horvath

Hunderte Forscher von 70 Instituten aus 20 Ländern: Die Mosaic-Expedition war ein Unternehmen der Superlative. Mit dem Schiff »Polarstern« fuhren die Forscher an den Polarkreis, ließen das Schiff im Eis festfrieren und erforschten so den Lebenszyklus der Schollen über ein Jahr. Sie haben dabei massenweise Daten über die Eisschmelze am Nordpol und über Klimaveränderungen gewonnen. Die Fotografin Esther Horvath war dabei.

SPIEGEL: Frau Horvath, auf dem Eisbrecher »Polarstern« waren Sie drei Monate lang am Nordpol. Das Schiff hat man an einer Eisscholle festfrieren lassen, um dort zahlreiche Forschungsstationen zu errichten und mit der Scholle mitzudriften. Sie haben als Fotografin das Abenteuer dokumentiert, für ein Foto der Expedition wurden sie mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Wie fotografiert man in der Dunkelheit der Polarnacht?

Horvath: Das macht das Fotografieren sehr anspruchsvoll. Zu sehen gibt es dennoch genug: Die Forschungsstationen etwa sind beleuchtet, das Schiff auch, und bei der Arbeit haben alle Lampen bei sich. Viel problematischer ist die Kälte.

SPIEGEL: Weil man sich so warm einpacken muss, dass man sich kaum bewegen kann?

Zur Person
Foto: Harold Jager

Esther Horvath, Jahrgang 1979, ist in Ungarn aufgewachsen und hat zunächst Wirtschaftswissenschaften studiert. Mit 25 bekam sie eine Kamera geschenkt und nahm ab 2005 an internationalen Fotowettbewerben teil. Ab 2010 lebte sie in New York, wurde mehrfach mit Fotopreisen ausgezeichnet und arbeitete vor allem als Dokumentarfotografin für Magazine wie »Time«, »National Geographic«, »Stern« oder »Wall Street Journal«. Sie will mit ihren Fotos den Klimawandel in Arktis und Antarktis dokumentieren.

Horvath: Das auch. Die Kälte macht nicht zuletzt der Technik zu schaffen. Wenn ich bei der Expedition lange draußen war, konnte es passieren, dass die Spiegelmechanik der Kamera klemmte. Das hat sich erst in der Wärme des Schiffes wieder gelöst.

SPIEGEL: Wie gut funktionieren die Akkus der Kamera bei krassen Minusgraden? Die meisten von uns kennen Handys, die im Winter überraschend ausgehen.

Horvath: Ich hatte immer zehn geladene Ersatzakkus bei mir, ohne geht es nicht. Was tatsächlich ein Problem ist: der Wechsel. Auf unserer Eisscholle war es oft minus 35 Grad kalt, im Wind konnten es minus 55 Grad werden. Der Akkuwechsel erfordert spitze Finger, den kann man nicht mit den dicken Handschuhen machen, die ich dort getragen habe.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich beholfen?

Horvath: Ich musste immer in zwei Schritten vorgehen, und ich hatte unter den dicken Handschuhen noch mal dünne an. Im ersten Schritt habe ich die dicken Handschuhe ausgezogen und den entladenen Akku aus der Kamera genommen. Dann musste ich die Hände erst aufwärmen, bevor ich, wieder nur mit dünnen Handschuhen, den geladenen Akku einlegen konnte. Da die Kamera aus Metall ist, wird sie bei diesen Temperaturen wahnsinnig kalt. Es war oft so schmerzhaft, dass einem unwillkürlich die Tränen kommen.

SPIEGEL: Klingt auch sehr umständlich.

Horvath: Das ist mit vielen Dingen so, wenn man am Nordpol ist. Ich war immer wieder überrascht, wie lange Tätigkeiten dauern, die zu Hause ganz einfach sind: Man muss sich vor der Kälte schützen – anziehen, ausziehen. Im Schnee ist außerdem vieles anstrengender. Und weil sich unsere Scholle jeden Tag veränderte, mussten wir stets aufpassen, wo wir hintreten. Wenn man die Hände nicht mehr spürt, ist es zu kalt geworden, und man muss sich aufwärmen. All das kostet Zeit.

Fotostrecke

Esther Horvath: Fotos vom Pol, wie er nie wieder sein wird

Foto: Esther Horvath

SPIEGEL: Wie kam es, dass Sie an der Expedition teilgenommen haben?

Horvath: 2015 habe ich in den USA gelebt und war für ein amerikanisches Magazin zwei Wochen lang auf einem Schiff der amerikanischen Küstenwache in der Arktis unterwegs. Da stand schnell für mich fest, dass ich in diesem Teil der Welt wieder arbeiten möchte. Wenig später habe ich Karin Lochte kennengelernt, die damalige Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts, das die Mosaic-Expedition durchgeführt hat. Seit 2016 habe ich freiberuflich mehrere Expeditionen des Instituts begleitet. Und seit 2018 arbeite ich fest für das Institut und bin gefragt worden, ob ich dabei sein will.

SPIEGEL: Änderte die Festanstellung ihr Verhältnis zu den Wissenschaftlern, deren Arbeit Sie dokumentieren?

Horvath: Ich glaube nicht. Ich verhalte mich stets so, dass ich schnell Teil des Teams werde. Was allerdings einen Unterschied macht, ist die regelmäßige Zusammenarbeit. Seit 2016 besuche ich jedes Jahr die Station Nord, eine militärische und Forschungsstation in Grönland für Messungen der Meereisdicke im Arktischen Ozean. Da lebt man sehr eng zusammen, wir sind ein kleines, festes Team. So etwas hilft mir sehr.

SPIEGEL: Inwiefern hilft das?

Horvath: Ich wollte viele Fotos von dem Alltag dieses außergewöhnlichen Projekts machen. Nur wer den Alltag kennt, kann ihn dokumentieren, und dazu braucht es gemeinsame Zeit. Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis sich ein gestandener Kapitän beim Haareschneiden fotografieren lässt (lacht)! Wäre ich nur einen oder zwei Tage auf dem Schiff, käme es nie im Leben dazu.

SPIEGEL: Sie sind erfahren mit der Arbeit in Schnee und Eis.

Horvath: Ja, schon in den USA habe ich diverse Aufträge am Polarkreis gehabt, zum Beispiel war ich mit Greenpeace in der Antarktis für »Time Magazine«. Diese Erfahrungen waren auch nötig für die Mosaic-Expedition.

SPIEGEL: Was ändert sich mit der Erfahrung?

Horvath: Wenn einem die Verhältnisse ganz neu sind, ist man vor allem mit den technischen Problemen beschäftigt. Und dann wird es fotografisch nicht so gut.

SPIEGEL: Drei Monate jeden Tag dabei – wie organisieren Sie Ihre Arbeit? Nehmen Sie sich bestimmte Motive für einen Arbeitstag vor?

Horvath: Ich wusste, dass ich Eisbären fotografieren möchte. Allerdings weiß man nicht, wann die vorbeikommen. Es sollte jede wissenschaftliche Station dokumentiert werden, da habe ich mich nach den Absprachen der Wissenschaftler gerichtet. Deswegen habe ich täglich um 18:30 Uhr am Tagesmeeting teilgenommen und meine Shooting List erstellt. Dabei muss man immer flexibel bleiben: Ein Sturm warf oft den Plan um, oder ein Eisabbruch von der Scholle.

Preisgekrönt: Eisbären inspizieren eine Forschungsstation der Mosaic-Expedition. Für das Foto wurde Horvath mit dem World Press Photo Award in der Kategorie »Umwelt« ausgezeichnet

Preisgekrönt: Eisbären inspizieren eine Forschungsstation der Mosaic-Expedition. Für das Foto wurde Horvath mit dem World Press Photo Award in der Kategorie »Umwelt« ausgezeichnet

Foto: Esther Horvath

SPIEGEL: Wie oft waren Sie draußen?

Horvath: In meinen dreieinhalb Monaten auf dem Schiff war ich vielleicht an fünf Tagen nicht draußen. Ich wollte ja nichts verpassen. Außerdem ist es für Fotografen großartig: Jeden Tag bietet sich eine andere Kulisse.

SPIEGEL: Wie sah der Tagesablauf aus?

Horvath: Ich war meist von morgens um 9 Uhr bis zum Abendessen draußen, nur unterbrochen von der Mittagspause gegen 12 Uhr. Nach dem großen Meeting gab es oft mehrere Gruppentreffen, die ich teils begleitet habe. So etwa ab 20 Uhr habe ich das Leben auf dem Schiff fotografiert. Ein bis zweimal pro Woche musste ich einen Podcast für die Öffentlichkeitsarbeit der Expedition produzieren. Danach habe ich mich um die Fotos des Tages gekümmert: Sortieren, bearbeiten, verschlagworten, beschriften. Jeden Tag haben wir dann abends einen Blogpost verschickt, immer mit einem Foto. Und schließlich kamen noch Aufträge für internationale Medien dazu, etwa für Artikel in Magazinen.

SPIEGEL: Das klingt nicht nach einem Acht-Stunden-Tag.

Horvath: Wahnsinn, oder? Als ich zurückgekommen bin, habe ich mich selbst gefragt: Wie habe ich das geschafft? Die Tage waren extrem dicht und anstrengend, aber auch gleichzeitig sehr spannend, was mir viel Energie gegeben hat.

SPIEGEL: Und? Wie haben Sie es geschafft?

Horvath: Schwer zu erklären. Das Projekt ist einfach ein so großes Erlebnis, dass ich dadurch die Kraft hatte. Meine größte Sorge vor Ort war, dass ich etwas verpassen könnte. Das treibt sehr an.

SPIEGEL: Wie nahe sind Sie den Eisbären gekommen?

Horvath: Nicht so nah, dass ich große Angst gehabt hätte.

SPIEGEL: Und bei dem prämierten Foto mit den zwei Eisbären?

Horvath: Da waren die Bären ungefähr 20 bis 30 Meter entfernt.

SPIEGEL: Für uns wäre das schon innerhalb der eigenen Komfortzone!

Horvath: Ja, aber ich habe das zum Glück als nicht so nah erlebt. Ich war dabei ja auf dem Schiff.

SPIEGEL: Hatten Sie irgendwann Angst?

Horvath: Erst nach dem Ende meines Aufenthalts am Pol fiel mir auf, dass ich dort immer mit großer Vorsicht unterwegs war. Man hat eine unbewusste Grundangst, dass man einen Fehler macht, der sich als gefährlich herausstellt: ein Fehltritt, ein Sturz, ein Eisbär, den man zu spät sieht. Als ich nach der Rückreise aus dem Flugzeug stieg, wurde mir plötzlich klar, dass ich diese Angst jetzt nicht mehr haben muss.

SPIEGEL: Wie viel Raum blieb Ihnen zur Entspannung oder zum privaten Austausch mit den anderen Forschungsreisenden?

Horvath: Nicht so viel. Den anderen ging es ja wie mir: Sie hatten viel zu tun und haben oft bis spät in die Nacht gearbeitet. Die Expedition ist für diese Wissenschaftler die Chance ihres Lebens. Andererseits erlebt man viel gemeinsam, weil jeder überall mit anpackt. Das schweißt zusammen.

SPIEGEL: Wo sind Sie derzeit unterwegs?

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Esther Horvath

Expedition Arktis: Die größte Forschungsreise aller Zeiten. Bildband zum ARD-Film

Herausgeber: Prestel Verlag
Seitenzahl: 288
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Horvath: Ich bin auf Helgoland, um dort die Arbeit von Klimaforschern zu dokumentieren. Ich fahre jeden Tag mit einem kleinen Kutter raus. Es gibt eine Zeitreihe, beginnend im Jahr 1962, für ozeanografische Messungen. Jeden Tag wird von diesem kleinen Schiff aus gemessen. Die See um Helgoland ist in den letzten 54 Jahren um 1,9 Grad wärmer geworden – etwa doppelt so viel wie die globale Ozeanerwärmung. Gerade so etwas wie Klimaänderungen verstehen wir nur, wenn Wissenschaftler langfristige Beobachtungen machen. Ich finde das beeindruckend, wenn Menschen fünfzig Jahre lang jeden Tag so etwas machen.

SPIEGEL: Fotografie dagegen ist ein Medium, das in Sekundenbruchteilen entsteht.

Horvath: Technisch gesehen: ja. Aber ich selbst arbeite eher langsam, ich bin keine tagesaktuelle Reporterin. Ich mache langfristige Dokumentationen und brauche Zeit, um tief in ein Thema einzutauchen – allerdings ist da nicht die Rede von Jahrzehnten.

SPIEGEL: Mit ein wenig Abstand betrachtet: Womit lässt sich die Mosaic-Expedition am ehesten vergleichen?

Horvath: Wir haben das Leben dort immer mit der Raumstation ISS verglichen. Die ist auch isoliert, die Umgebung ist fremd und dunkel. Auf der Eisscholle hatte ich oft das Gefühl: Das könnte jetzt genauso gut die Mondoberfläche sein. Andererseits: Wenn es auf der ISS einen Notfall gibt, dann können die Astronauten in wenigen Stunden wieder zu Hause sein. Bei uns hätte das Wochen gedauert.