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Junge Reeder: "Eigene Schiffe - das ist phantastisch"

Foto: Helge Stroemer

Jung-Reeder auf Erfolgskurs Krise? Hurra, wir kaufen Schiffe

Die Schifffahrtsbranche ächzt unter Konkursen, die Frachtraten purzeln, Reeder schauen in den Abgrund. Und was machen zwei junge Hamburger? Sie gründen eine Reederei. Mitten in der Krise ersteigern sie drei Schiffe. Erst lächelten die Banker, dann klappte es doch mit dem Kapital.
Von Helge Stroemer

In das Büro im Herzen der Hansestadt passen gerade mal zwei große Schreibtische. Auf einer großen Weltkarte an der Wand haften drei rote Magnete: vor Singapur, nahe St. Petersburg, vor Houston. Sie zeigen, wo die drei Frachter von Auerbach Schifffahrt unterwegs sind, die "Maple Ingrid", die "Maple Lotta" und die "Maple Lea".

Alexander Tebbe, 30, und Lucius Bunk, 33, teilen sich ihr Büro mit zwei Trainees. Es liegt in guter Nachbarschaft: Direkt nebenan, am Ballindamm an der Hamburger Binnenalster, residiert die Traditionsreederei Hapag-Lloyd, deren Flotte 150 Schiffe umfasst. Dagegen kommen sich Tebbe und Bunk mit ihren drei Schiffen richtig klein vor. Trotzdem können sie sich ganz groß fühlen. Denn sie nutzten die Krise als Chance.

Während die gesamte Schifffahrtsbranche weltweit unter zu vielen Schiffen und mangelnder Auslastung leidet, gründeten die beiden 2010 eine Reederei. Der Gedanke: Schiffe sind günstig zu haben wie nie - also jetzt kaufen, ein idealer Einstieg in den Markt. Zuvor mussten die beiden Jung-Reeder aber einige Klippen umschiffen.

Tebbe ist gelernter Schifffahrtskaufmann; seine mit Gel gestylten Haare stehen nach oben und zur Seite ab. Er spricht quirlig und spontan, sein Geschäftspartner zurückhaltender. Bei der Frage nach seiner Berufsbezeichnung macht Lucuis Bunk eine lange Pause. Studiert habe er Volkswirtschaft, Philosophie, Chinesisch und sei in die Schifffahrtsbranche als Quereinsteiger gekommen. Bunk wirkt nachdenklich. Vielleicht liegt es daran, dass er sich mit Konfuzius beschäftigt hat. Beide Unternehmer eint bei ihrer Arbeit die Suche nach einem tieferen Sinn.

Herr Auerbach, können wir Ihren Namen borgen?

Da ist zum Beispiel der Firmenname Auerbach Schifffahrt, nach dem Ort, wo Goethe Szenen seines "Faust" spielen ließ: Auerbachs Keller in Leipzig. Zunächst solle der Name auf dem internationalen Markt auf ein deutsches Unternehmen hinweisen, erklärt Tebbe. Auerbach war ihnen so viel wert, dass sie sich ans Telefon klemmten und quer durch Deutschland einen Auerbach als Namensträger suchten - sie brauchten einen passenden Gesellschafter, ansonsten bestehe nach der Gesetzeslage eine Verwechslungsgefahr mit Orten oder anderen Personen. "Es waren die skurrilsten Anrufe meines Lebens", so Bunk. Schließlich fanden sie einen aufgeschlossenen Mann, der seinen Namen hergab.

Hinter der Namensfindung steckte noch mehr. "Es sind auch die Werte, die Goethe maßgeblich für unser gesellschaftliches System mitgeprägt hat und die wir mit dem Namen ausdrücken wollen", sagt Tebbe. In den letzten zehn Jahren seien die angloamerikanischen Einflüsse sehr groß gewesen. Man habe sehr viele Neugründungen gesehen, die das schnelle Reichwerden propagiert hätten. Auerbach Schifffahrt geht es aber um eine langfristige Strategie und um hanseatische Tugenden wie Ruhe bewahren, Nachdenken, Handeln. "Den Abschluss per Hand besiegeln, und dann kann man immer noch sehen, wie man es in eine vertragliche Form gießt - wir durften das schon ein paar Mal auch mit sehr hohen Geldsummen erleben", so Bunk.

Bevor sie das erste Schiff kaufen konnten, brauchten sie ein Geldhaus für die Finanzierung. "Wir waren bei zehn Banken. Wir hatten zehn nette Gespräche, zehnmal bekamen wir warmen Kaffee, zehnmal den Schulterklopfer: Man könne sich zwar vorstellen, das elfte Schiff zu finanzieren, aber bestimmt nicht das erste", erzählt Tebbe. Doch die Zeit drängte, denn sie bekamen einen Frachter aus einer Insolvenz für 10 Millionen Euro angeboten und mussten schnell handeln - fünf Jahre zuvor hatte das Stückgutschiff über 20 Millionen Dollar Neuwert.

Der Banker hat laut gelacht

Die beiden hatten das Glück der Tüchtigen, denn die elfte Bank, eine regionale norddeutsche Bank, sagte ihnen das Geld zu. Tebbe schmunzelt, wenn er an die erste Begegnung denkt: "Als wir hereinkamen, hat der Banker erst mal laut gelacht. Da kommen zwei junge Typen und wollen ihm erzählen, wie Schifffahrt funktioniert." Doch nach dem zweistündigen Gespräch und zwei Tagen Bedenkzeit gab die Bank den Zuschlag für sechs Millionen Euro Fremdkapital. Blieben noch vier Millionen Euro, die Tebbe und Bunk in vier Wochen zusammenbekommen mussten.

Sie knüpften an die zuvor aufgebauten Kontakte an und gewannen tatsächlich acht Investoren. Auch das passte in ihr Konzept: Sie suchten Gesellschafter statt Eigenkapital bei anonymen Privatanlegern über Schiffsfonds einzutreiben, wie sonst häufig üblich. "Wir wollten unternehmerisch denkende Kaufleute an unserer Seite haben", so Bunk.

Im März 2011 übernahmen die Jungreeder das erste Schiff: die "Maple Ingrid", Baujahr 2005, unterwegs mit Stahlplatten und Stahlträgern, mit einfachen Generatoren oder Baumstämmen. Es sind Dinge, die zwischen Schwellenländern transportiert werden. Zuletzt wurden 225.000 Säcke Reis von Montevideo nach Dakar gefahren. Auerbach Schifffahrt setzt nicht auf Containerschiffe, sondern auf Stückgutfrachter, die in Asien, Afrika und Südamerika noch sehr gefragt sind. "Wir transportieren Dinge, die die Menschen in der Welt fürs einfache Leben brauchen. Das ist deutlich weniger abhängig von der Konjunktur", sagt Tebbe.

"Da transportieren eigene Schiffe Ladung - einfach phantastisch"

Auch das zweite und dritte Schiff ihrer kleinen Flotte kosteten jeweils rund zehn Millionen Euro; neu wären sie bis zu 30 Millionen Dollar wert. Diese beiden Schiffe haben stärkere Kräne und können auch schwere Generatoren oder Windmühlenblätter, große Baufahrzeuge oder Jachten transportieren. "In diesem Segment wollen wir weiter wachsen", so Bunk.

Dafür wurde schon ein größeres Büro angemietet, sie planen mit mehr Mitarbeitern und wollen nächstes Jahr eine Zweigstelle in Shanghai eröffnen. Lucius Bunk spricht fließend Chinesisch, er hat in Hong Kong sowie Shanghai studiert und drei Jahre für die Hamburger Reederei Ernst Russ in China gearbeitet.

Das Ziel von Auerbach Schifffahrt ist es, in fünf Jahren zehn Schiffe fahren zu lassen. "Wenn man die Weltkarte sieht, dann sind da eigene Schiffe unterwegs, und die transportieren Ladung von A nach B - das ist einfach phantastisch", sagt Bunk. "Die Ladung hat ja auch eine Geschichte, weil sie irgendwo produziert worden ist. Wenn sie dann über die Weltmeere fährt und konsumiert oder verbaut wird, macht das wahnsinnig viel Freude." Die nächsten sieben roten Magnete liegen schon in der Schublade bereit.

Foto: Rolf Otzipka

KarriereSPIEGEL-Autor Helge Stroemer wurde 1965 nah am Wasser geboren, in Wilhelmshaven nämlich. Bis heute hat er eine Neigung zu maritimen Themen. Als freier Journalist und Musiker in Hamburg betreibt er unter anderem den Strandfreunde-Verlag und hat die Doku "Der Hafen schläft nie" als DVD veröffentlicht.

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