In Kooperation mit

Job & Karriere

Existenzgründung Frauen in der Familienfalle

Selbständige können sehr familienfreundlich arbeiten. Theoretisch. Tatsächlich bauen viele Frauen ihr Unternehmen in Teilzeit auf, aus Rücksicht auf die Kinder. Dadurch reicht oft das Geld nicht - oder der Mut, eine Gründungsidee durchzuboxen.
Von Eva-Maria Hommel
Stefanie Jarantowski und ihr "Eventsofa": "Kenne kaum andere selbständige Frauen"

Stefanie Jarantowski und ihr "Eventsofa": "Kenne kaum andere selbständige Frauen"

Foto: Eva-Maria Simon

Am Anfang hatten alle nur Bedenken. Besonders die Frauen. Wenn Stefanie Jarantowski im Freundeskreis von ihrer Geschäftsidee erzählte, erntete sie verständnislose Blicke. Kannst du davon leben? Schaffst du das? Diese Fragen hat sie sich auch selbst oft gestellt. Schon, als sie noch Kommunikations- und Politikwissenschaften studierte: "Mir fehlte einfach der Mut." So hat sie erst einmal bei einer PR-Agentur gearbeitet.

Jetzt ist Jarantowski 29 Jahre alt und hat es endlich gewagt: Anfang 2012 ist ihr Internetportal "Eventsofa " online gegangen. Geschäftssitz Berlin, Erreichbarkeit überall. Auf der Seite können Nutzer einen Ort suchen für Veranstaltungen von der Gartenparty bis zum Kongress. Sie können Bewertungen abgeben; besonders eifrige User werden zu "Location-Scouts" und testen die Orte. "Ich bin froh, dass ich mich jetzt getraut habe", sagt Stefanie Jarantowski. Doch wenn sie zu Messen geht oder zum Unternehmertreffen, begegnet sie selten anderen Frauen: "Das finde ich schade."

Im Jahr 2011 war nur ein Drittel aller Einzelunternehmer, die neu gegründet haben, weiblich, so das Institut für Mittelstandsforschung Bonn. Das liegt zum einen daran, dass Selbständigkeit in typischen Männerberufen eher verbreitet ist als in Frauenberufen. Zum anderen trauen sich Frauen weniger zu. Das größte Hindernis aber ist für viele die Familie - egal, ob sie ein Technologieunternehmen mit mehreren Mitarbeitern aufbauen wollen oder einen Eine-Frau-Betrieb als Altenpflegerin oder Webdesignerin. Die Forschung hat zwar gezeigt, dass Selbständige Kinder und Job besser miteinander vereinbaren können als Angestellte. Doch oft betreiben diese Frauen ihr Unternehmen nur nebenbei und verdienen entsprechend wenig.

Microsite Koop mit Xing startup-pioniere.de Sie haben eine originelle und innovative Geschäftsidee mit exzellenten Erfolgsaussichten? Dann machen Sie mit beim Gründer-Wettbewerb von manager magazin und Xing. Reichen Sie Ihre Bewerbung bis zum 20. Mai 2012 in digitaler Form ein.Microsite Koop mit Xing startup-pioniere.de 

Immerhin: Die Frauen holen auf. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und die Uni Jena haben Selbständigkeit in Deutschland zwischen 1991 und 2009 untersucht. Dazu haben sie den Mikrozensus ausgewertet, eine repräsentative Befragung von 820.000 Personen. Ein Ergebnis: Der Selbständigenanteil unter den Frauen ist stetig gestiegen, von etwa fünf Prozent im Jahr 1991 auf mehr als sieben Prozent im Jahr 2009. Doch bei den Männern sind es 14 Prozent. Frauen hinken immer noch hinterher.

Kinderbetreuung ist für Männer kein Thema

Warum tun sie sich beim Gründen so schwer? Birgitt Wählisch berät seit vielen Jahren Existenzgründer. Und sieht die Unterschiede stets deutlich vor sich: "In Kursen für Gründerinnen kommt immer ganz schnell das Problem der Kinderbetreuung zur Sprache. Für Männer ist das fast nie ein Thema."

Das bestätigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2006, für die das Bundeswirtschaftsministerium mehrere Studien ausgewertet hat: Für 15 Prozent aller Frauen ist demnach fehlende Kinderbetreuung ein großes Hindernis. Und: "Nicht selten müssen junge Unternehmerinnen die Erfahrung machen, dass sich die Familie schnell vernachlässigt fühlt und rebelliert."

Wenn der Staat also Unternehmerinnen fördern will, muss er bei der Familienpolitik anfangen - so sieht es auch das Deutsche Gründerinnen-Forum. Der Verband verlangt Reformen beim Elterngeld: Selbständige sollen es auch dann bekommen, wenn sie mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten; bislang ist das die Grenze, ab der es gestrichen wird. Das betreffe meistens Mütter: Sie müssen ihr Geschäft ruhen lassen und laufen Gefahr, später nicht mehr in den Markt zu kommen.

Dabei passen Familie und eigenes Unternehmen eigentlich perfekt zusammen. Darauf deutet jedenfalls eine Studie der Universität Mannheim aus dem vergangenen Jahr hin. Die Wissenschaftler haben Familien untersucht, in denen beide Partner Karriere machen. Das Ergebnis: Paare, von denen einer selbständig ist, haben öfter Kinder als jene, die abhängig beschäftigt sind. Allerdings ist das besonders oft der Fall, wenn die Frau selbständig ist. Offenbar kümmern sich also auch in diesen Familien eher die Mütter um die Kinder.

Selbständigkeit ist familienfreundlich - eigentlich

Wer selbständig ist, kann allein entscheiden, wann und wie viel er arbeitet - das gilt vielen Frauen als Vorteil. Doch es kann auch zur Falle werden. Nämlich dann, wenn sie sich aus Rücksicht auf die Familie nur in Teilzeit selbständig machen und kaum Geld damit verdienen. Dieses Phänomen haben Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zumindest bei den inzwischen abgeschafften Ich-AGs nachgewiesen, also bei geförderten Gründungen aus der Arbeitslosigkeit.

In Haushalten mit Kind und mittlerem oder hohem Einkommen verdienen selbständige Frauen demnach weniger pro Monat als in Ein- oder Zwei-Personen-Haushalten. "Offenbar sind sie Zuverdienerinnen, und das Rollenmuster des männlichen Ernährers herrscht immer noch vor", schreiben die Wissenschaftler.

Für diese Frauen ist jedoch die Selbständigkeit oft die einzige Möglichkeit, überhaupt erwerbstätig zu bleiben, betont Frank Wießner vom IAB, einer der Autoren: "Es ist fraglich, ob sie in Teilzeit eine Anstellung finden würden, die sich so gut mit der Familie vereinbaren lässt." So ist das eigene Teilzeit-Unternehmen für Mütter oft der einzige Weg, überhaupt im Beruf zu bleiben. Doch ein Ausweg aus der klassischen Frauenrolle ist es kaum.

Das hängt auch mit der Berufswahl zusammen. Beraterin Birgitt Wählisch hat beobachtet: "Viele Frauen machen sich in Pflege- und Gesundheitsberufen oder der Gastronomie selbständig. Da sind keine großen Einkommen zu erwarten." Und das Wirtschaftsministerium stellt in seiner Untersuchung fest: "Die von Frauen bevorzugten Schul- und Berufsausbildungs-'Karrieren' rüsten für eine berufliche Selbständigkeit eher schlecht aus." Sie machen zum Beispiel seltener eine Meister- oder Technikerausbildung.

Frauen ermutigen, Männer auf den Boden zurückholen

Bundesbildungsministerin Annette Schavan will das ändern, mit dem Aktionsprogramm "Power für Gründerinnen". Etwa 40 Projekte werden mit Geld vom Bund und der EU gefördert, viele in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen.

Die Ergebnisse werden sich wohl nur langsam zeigen. Denn oft geht es erst mal darum, Frauen das nötige Selbstvertrauen beizubringen. Sie unterschätzen ihre unternehmerischen Fähigkeiten oft, so die Experten vom Wirtschaftsministerium. Der Dachverband der Industrie- und Handelskammern (DIHK) stellt in seinem aktuellen Gründerreport fest, dass der Anteil der Frauen in der IHK-Gründungsberatung zwar gestiegen ist, von 31 Prozent im Jahr 2004 auf 41 Prozent im Jahr 2011. Doch die Gründerinnenzahlen sind nicht entsprechend gewachsen. "Offensichtlich nehmen mehr Frauen als Männer nach dem ersten Anlauf von einer Gründung Abstand", so der Report.

Beraterin Birgitt Wählisch sagt: "Frauen muss man eher ermutigen, Männer eher auf den Boden zurückholen." Letztere seien oft so eingenommen von ihrer Idee, dass sie ihre Chancen nicht realistisch einschätzten. So gesehen habe das Zögern der Frauen auch etwas für sich.

Stefanie Jarantowski aus Berlin ist froh, dass sie nicht länger gezögert hat. Anderen Frauen mit Gründungsideen empfiehlt sie, sich früh zu vernetzen. Und sich nicht entmutigen zu lassen. Ihr Geschäft sei gut angelaufen; 740 Veranstaltungsorte hätten sich schon registriert. "Und was mich am meisten freut", sagt Jarantowski: "Diejenigen, die vorher die größten Bedenken hatten, sind jetzt die eifrigsten Nutzer."

Eva-Maria Simon (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.