Der SPIEGEL

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19. Juli 2016, 00:00 Uhr

Extrempendler

Wenn zwischen Job und Familie ein Kontinent liegt

Von manager-magazin-Reporter

Das Büro in Shanghai, die Familie in Hagen: Manche Manager fliegen Tausende Kilometer hin und her, weil der Job dort, Frau und Kinder aber hier sind. Wie hält man eine solche Tortur aus?

Der Mann, der da am frühen Samstagmorgen aus Shanghai gelandet ist, sieht irgendwie verdächtig aus. Der deutsche Zollbeamte am Frankfurter Flughafen fischt ihn aus der Traube der Reisenden heraus. Das hätte er sich sparen können: Bilgin Güngörmüs' (42) Koffer ist fast leer. Der Schwabe mit den türkischen Wurzeln grinst den verdutzten Beamten an: "Den fülle ich mit meinen Wochenendeinkäufen auf." Mit Waren von Aldi und mit seiner geliebten Sucuk, der türkischen Knoblauchwurst. Denn am Montag fliegt Güngörmüs schon wieder zurück nach Shanghai.

Güngörmüs' Frau und Kind leben in Kiel, die Eltern im schwäbischen Welzheim, er arbeitet seit Jahren in Shanghai für den Versicherungskonzern Allianz, als Head of International Business. Kiel, Welzheim, Shanghai -– in diesem Dreieck zwischen der ganz großen und der ganz kleinen Welt bewegt sich der Manager.

Güngörmüs ist einer jener Nomaden, die ihren dauernden Bewegungsdrang der Globalisierung zu verdanken haben. Sie pendeln nicht täglich mit Auto, Bus oder Bahn von daheim ins Büro, sie fliegen –- oft mehrmals im Monat, Tausende von Kilometern zwischen den Kontinenten, weil sie in Europa leben und in Asien, Afrika oder Amerika arbeiten.

Diese Nomaden gehören nicht zur privilegierten Kaste der Vorstandschefs, die bequem in den Ledersesseln ihrer Firmenjets um die Welt düsen. Sie fliegen Linie, nicht selten sogar Holzklasse.

Dirk Eilers (61) ist an diesem Dienstagmorgen um kurz vor sechs Uhr mit Singapore Airlines in München gelandet, kurz heimgefahren, dann im Forstenrieder Park eine Runde gelaufen und sitzt jetzt frisch geduscht in seinem Münchener Büro in der Vorstandsetage des Tüv Süd. Eilers ist einer der wenigen deutschen Vorstände, die fern ihrer Zentrale im Dauereinsatz sind. Seit Oktober 2010 leitet er von Singapur aus die Region Asien-Pazifik, seine Familie lebt teils in München, teils in Singapur.

Jeden zweiten Dienstag um neun Uhr kommt der Vorstand zu seiner regulären Sitzung zusammen, in der bayerischen Zentrale. Eilers bleibt meist nur zwei Tage, werden es mehr, rebelliert sein Körper: "Das Schlimmste sind fünf Tage", sagt er.

Binnen der ersten 48 Stunden stelle sich der Organismus noch nicht um, sagt auch Rodger Novak (49), Mediziner und CEO des aufstrebenden Biotech-Unternehmens Crispr Therapeutics. Er pendelt fast jedes Wochenende zwischen Boston (Arbeit) und Basel (Freundin und Wohnort) hin und her. 35 Transatlantikflüge hat er 2015 absolviert. Die Frequenz sei seither "leider nicht geringer geworden". Businessclassflüge und First-Class-Lounges machen ihm das Reisen angenehmer. Aber ob ihm sein Körper die Extrempendelei auf Dauer verzeiht?

Das ständige Jetten durch Klima- und Zeitzonen ist ein permanenter Schlauch - physisch wie psychisch, selbst für robuste und austrainierte Naturen. Novak hält sich fit, geht seit Jahren regelmäßig drei- bis viermal die Woche gegen fünf Uhr morgens laufen. Ohne das Training hätten ihn die Wochenendstrapazen längst erledigt.

Hartes Los für die Familie

Eine besondere Form des Pendelns lebt Christian Wessels (42) –- er ist weder in der einen noch der anderen Stadt zu Hause. Seine Frau und die drei Kinder wohnen in Dubai, weil es dort sicherer ist als im nigerianischen Moloch Lagos, wo Wessels sein Geld verdient. Er ist Vizechef der TGI Group, ein Nahrungsmittelkonzern, der mit seinen rund 10.000 Mitarbeitern fast ganz Afrika beliefert -– vor allem mit Erfrischungsgetränken.

Zuvor war er als Consultant für Bain und Berger in Afrika unterwegs, der Mann ist ständig auf Achse. Er liebt seinen Job, er liebt den Schwarzen Kontinent und er liebt seine Familie. Dubai ist für ihn der perfekte Kompromiss -– sicher, international und gut angebunden.

Das Modell Wessels funktioniert allerdings nicht immer. In Zeiten von Doppelverdienerhaushalten und Patchworkfamilien lassen sich die Partner nicht mehr so ohne Weiteres mitverpflanzen. "Die jüngere Generation zieht einfach nicht mehr um", stöhnt der CEO eines deutschen Autobauers. Also geht eben nur einer –- so wie Steffen Raschka (38). Der Manager des Autozulieferers Bilstein sitzt nach einem langen Arbeitstag oft noch in seinem Apartment im Shanghaier Stadtteil Pudong, vor ihm auf dem Laptop flimmern die Hausaufgaben des ältesten Sohnes. Fast jeden Abend versucht er, mit ihm und seiner Frau in Hagen per WeChat zu telefonieren. Und simuliert so Normalität.

Der Zweitälteste verweigert die Kommunikation inzwischen. Im Kindergarten sagte er kürzlich: "Mein Papi ist nicht tot, er arbeitet in China." Ein Satz, der Raschka nachdenklich macht. Einmal pro Monat fliegt er heim zur Familie, zumeist für ein langes Wochenende. Die Tage sind dann vollgepackt mit all den Dingen, die seine Kinder sonst ohne ihn machen müssen: Monopoly spielen, Kettcar fahren, das Bohnenexperiment im Garten beobachten.

Seit über drei Jahren läuft das nun schon so. Auf Dauer kann Raschka die Pendelei zwischen Fernost und Westfalen nicht durchhalten, Ende des Jahres soll Schluss sein. Das ist er auch seiner Frau schuldig. Besonders nervt ihn, dass er in Shanghai hilflos zusehen muss, wenn eines der drei Kinder krank ist und seine Frau sich ganz allein kümmern muss.

Die Partner von Extrempendlern haben ein hartes Los gezogen. "Ein solches Leben erfordert eine besondere Frau. Eine, die Opfer bringen kann", sagt Wolfgang Müller-Wittig (56). Der Fraunhofer-Forscher sitzt in einem kleinen Straßenrestaurant in Little India in Singapur vor einem Teller mit Chicken Tikka Masala. Sein Standardgericht.

Seit Anfang 2001 lebt Müller-Wittig in dem südostasiatischen Stadtstaat. Er baute dort für Fraunhofer ein Projektzentrum für interaktive digitale Medien auf, das nun zum Institut geadelt werden soll. In den ersten sieben Jahren war seine Frau noch dabei, alle drei Kinder wurden in Singapur geboren. 2008 zog die Familie dann nach Darmstadt, weil das erste Kind in die Schule kam und weil Kristina Wittig wieder als Stadtplanerin arbeiten wollte.

Ihr Mann blieb, das Forschungszentrum war sein Baby, es wuchs, die Kooperation zwischen Singapur und Deutschland wurde ausgebaut. Seither pendelt er. Lange Zeit flog er nur Economyclass, weil die Reisekostenrichtlinien das so vorsehen. Für die goldene Senator-Karte der Lufthansa reichte es trotzdem.

Inzwischen nimmt er alters- und statusbedingt auch häufiger mal in der Businessclass Platz. Er lebe zu 50 Prozent in Singapur, zu 50 Prozent in Darmstadt und zu 10 Prozent in der Luft, rechnet Müller-Wittig augenzwinkernd vor.

Die Rituale der Extrempendler

Flugzeuge sind die dritte Heimat der Extrempendler. Sie wissen in der Regel alles über Airlines und Lounges, HONs und Hubs, Preise und Zeiten, Beinfreiheiten und Schönheiten (die Stewardessen von Aeroflot!). Und sie haben alle ihre –fast gleichen – Rituale an Bord. Das heißt: kein Alkohol, stattdessen viel Wasser, wenig essen, viel schlafen, zumindest auf den Nachtflügen. "Augenbinde auf, Stöpsel ins Ohr", beschreibt Steffen Raschka seine routinemäßigen Handgriffe während der ersten Flugminuten, "dann noch etwas Musik hören und einschlafen".

Bilgin Güngörmüs hilft beim Wegsacken in der Regel medikamentös nach. Er lässt sich von seiner Frau, einer Anästhesistin, zeitgenau einstellen. "Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht schon in der Lounge einschlafe."

Flugangst hat keiner der transkontinentalen Vielflieger. Im Gegenteil, so mancher hat den Aufenthalt an Bord längst in sein Biosystem integriert. Turbulenzen am Himmel? Sind für Tüv-Vorstand Eilers die perfekte Schlafschaukel.

Wer so viel in der Luft unterwegs ist, eingezwängt zwischen engen Stuhlreihen, der muss sich wenigstens am Boden viel bewegen. Und so treiben die Extrempendler alle regelmäßig Sport. Christian Wessels hat stets seine Laufschuhe dabei und joggt möglichst gleich nach der Landung, egal wo. Eilers läuft und schwimmt, Müller-Wittig strampelt auf dem Hometrainer, Raschka spielt Fußball, ebenso wie Güngörmüs. Der leidenschaftliche Fußballfan war lange Zeit sogar Spielertrainer der Shanghai Krauts, dem Team der deutschen Expats, bis ihn eine Knieverletzung zwang kürzerzutreten.

Sport, Familie, Job und Reisen – die globalen Nomaden führen ein rastloses Leben, immer auf dem Sprung. Als Kompensation für die Strapazen hat so jeder sein eigenes Trostmittel: Raschka packt auf dem Rückflug nach Shanghai stets einen Vorrat an Schokocrossies ein, Müller-Wittig importiert Müsli und –- ja! -– Kondensmilch. Eilers hat meist ein Glas Nutella im Gepäck ("weil das in Singapur erhältliche anders schmeckt") und im Mai kiloweise Spargel.

Der anatolische Schwabe Bilgin Güngörmüs neigt eher der schärferen Kost zu. Was schon mal zum Problem werden kann. Als sich zuletzt auch der chinesische Zoll für seinen Koffer interessierte, konfiszierten die strengen Beamten sogleich die Wurst. Pendeln kann so hart sein.

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