In Kooperation mit

Job & Karriere

Fachkräftemangel 500 Euro, wenn Sie zum Bewerbungsgespräch kommen!

Ein Versicherungsunternehmen will 55 neue Stellen besetzen. Gute Fachkräfte sind Mangelware - deshalb gibt es für jeden, der es zum Bewerbungsgespräch schafft, 500 Euro. Ein Anruf beim Chef.
Ein Interview von Maren Hoffmann
Deal? 500 Euro für Sie, wenn wir Sie einladen und Sie auch kommen

Deal? 500 Euro für Sie, wenn wir Sie einladen und Sie auch kommen

Foto: PeopleImages/ E+/ Getty Images

Die Deutsche Familienversicherung (DFV) in Frankfurt am Main ist nach eigenen Angaben das erste börsennotierte, voll digitalisierte Versicherungsunternehmen Europas. Sie hat 116 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und will wachsen - deshalb gibt es eine neue Recruiting-Offensive: Unter dem Motto "Weil du mehr verdienst" bietet das Unternehmen Bewerbern 500 Euro bei Teilnahme am Bewerbungsgespräch, 1000 Euro bei Teilnahme am Assessment-Center und 5000 Euro bei einer Einstellung. CEO Stefan M. Knoll erklärt im Interview, was er sich dabei gedacht hat.

Zur Person
Stefan M. Knoll ist promovierter Jurist, Gründer und CEO der DFV Deutsche Familienversicherung AG, die er 2018 an die Börse brachte.

Stefan M. Knoll ist promovierter Jurist, Gründer und CEO der DFV Deutsche Familienversicherung AG, die er 2018 an die Börse brachte.

Foto: Andreas Varnhorn

SPIEGEL: Herr Dr. Knoll, Sie zahlen Bewerbern schon Geld fürs Vorstellungsgespräch - sind Sie sehr verzweifelt?

Knoll: Überhaupt nicht. Ich habe es einfach satt, auf eine ausgeschriebene Stelle nur ein oder zwei Bewerbungen zu bekommen und dann Kompromisse eingehen zu müssen, die eigentlich nicht nötig wären. Jetzt bekommen wir auf eine Stelle rund 20 Bewerbungen und können uns die besten Leute aussuchen.

SPIEGEL: Die besten oder die gierigsten?

Knoll: Wir stellen ja nicht danach ein, wer als Erstes kommt, sondern laden nach Aktenlage ein. Wir haben viel Erfahrung damit, zu beurteilen, wer wirklich geeignet ist.

SPIEGEL: Sie haben derzeit 55 Stellen ausgeschrieben, von der IT-Fachkraft bis zum Werkstudenten. Wie viele Bewerbungen haben Sie schon bekommen?

Knoll: Unsere Kampagne läuft jetzt seit rund zwei Wochen. Wir haben bisher über 1700 Bewerber. Da sind natürlich auch einige dabei, die sich nur wegen der 500 Euro gemeldet haben, aber nicht den Anforderungen entsprechen. Wir haben aber schon rund hundert Erstgespräche geführt, und das geht nächste Woche so weiter. Insgesamt rechnen wir mit rund 10.000 Bewerbungen. Und das sind alles qualifizierte Jobs, keine Hilfstätigkeiten.

SPIEGEL: Bekommt auch der Werkstudent die Prämie?

Knoll: Ja, denn letztlich macht es mehr Arbeit, das je nach Stelle auszudifferenzieren als einfach alle gleich zu behandeln. Und außerdem: Unsere Werkstudenten arbeiten ja hier genauso mit. Wir haben da schon wirkliche Talente gehabt, die wir hier im Haus weiterentwickeln können.

SPIEGEL: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Knoll: Die ist mir einfach eingefallen. Es ist ja so: Bis wir einen Bewerber einstellen, zahlen wir etwa 30 bis 40 Prozent des Jahresgehalts. Personalberater kassieren Suchprämien und Auswahlprämien, aber haben nicht von vornherein eine hinreichende Selektion nach Qualität - denn die haben ja auch zu wenige Bewerber. Da haben wir uns gesagt: Warum geben wir nicht demjenigen das Geld, der sich bewirbt? Denn der muss ja auch das Risiko tragen - und seinen alten Arbeitgeber verlassen. Bei den 500 Euro sind die Reisekosten mit drin, das erspart uns außerdem umständliche Abrechnungen. Unsere Bewerber kommen in der Regel ohnehin aus Frankfurt, da ist das sehr attraktiv.

SPIEGEL: Wollen Sie bei diesem Modell bleiben?

Knoll: Wenn unsere Methode erfolgreich ist, und im Moment sieht es sehr danach aus, wird das in Zukunft der Usus sein beim Recruiting. Es wird nicht mehr anders funktionieren. Was wir da tun, ist für die Branche der Personalberater gefährlich - Headhunter für Top-Positionen wird es weiterhin geben, aber Vermittler für Fachkräfte braucht man eigentlich nicht mehr.

SPIEGEL: In Ihren Anzeigen sind sehr klare Anforderungen gelistet: Entwickler müssen ein Hochschulstudium oder eine abgeschlossene Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung nachweisen. Mögen Sie keine Quereinsteiger?

Knoll: Wir müssen verhindern, dass wir Menschen einladen, die vor allem durch eine blumige Darstellung ihrer bisherigen Leistungen jede Hürde nehmen. Bei Juristen etwa können wir über Examensnoten gut aussortieren, aber wir haben es auch viel mit Berufen zu tun, für die es noch gar keine normierten Beschreibungen gibt: Was etwa ein Data Analyst macht, darüber gibt es verschiedene Auffassungen. Ein abgeschlossenes Studium ist immerhin ein Indiz, dass die Person denken gelernt hat.

SPIEGEL: Darf man das Geld behalten, wenn man in der Probezeit kündigt?

Knoll: Nein, das holen wir uns dann zurück. Und ich gebe sehr klar die Devise aus: Wir kündigen bei leisesten Zweifeln in der Probezeit. Wenn sich jemand da nicht zusammenreißen kann, dann wird er es auch nachher nicht schaffen. Wir sind ja nicht nur ein Unternehmen. Wir sind eine Geisteshaltung. Als wir uns 2007 gegründet haben, gab es ja schon genug Versicherungen. Jetzt zählen wir in Deutschland zu den zehn am schnellsten wachsenden Versicherungsunternehmen. Das geht nur, wenn man Leute mit Leidenschaft hat.

SPIEGEL: Wie ist die Resonanz aus dem eigenen Unternehmen auf den Geldsegen für die Neuen? Gibt es Neid?

Knoll: Wir machen jedes Quartal eine Mitarbeiterversammlung, bei der die Vorstände berichten, was wir erreicht haben und was wir planen. Wir haben die Job-Offensive da offen kommuniziert, niemand ist davon überrascht worden. Und ich habe unseren Leuten spaßhaft gesagt: "Ihr habt alle den Vorteil, dass ihr die Probezeit schon geschafft habt!" Es gab grundsätzlich Verständnis dafür, dass wir jetzt diesen Weg gehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.