Spediteure ohne Personal "Wir suchen Fahrer ab 6 Uhr - das ist vielen zu früh"

Zwei von drei Lkw-Fahrern gehen in den nächsten 15 Jahren in Rente. Die Branche sucht verzweifelt Nachwuchs - vor allem für kurze Strecken.

Autos und Lkw auf der A2 bei Hannover-Bothfeld (Niedersachsen)
DPA

Autos und Lkw auf der A2 bei Hannover-Bothfeld (Niedersachsen)


Wenn demnächst wieder viele Firmen Sommerfeste veranstalten, bedeutet das für Huseyin Bozkurt Hochkonjunktur. Der Berliner leitet einen mittelständischen Catering-Betrieb, Bärlifood Business Catering.

Zehn Transporter hat der Betrieb - aber nur acht Fahrer. Gerade hat Bozkurt wieder eine Stelle ausgeschrieben. Fünf Bewerber meldeten sich in zwei Wochen, vier sagten gleich wieder ab. Grund: "Wir suchen Fahrer ab 6 Uhr - denen war das zu früh."

Bozkurt ist kein Einzelfall. Laut der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der offenen Stellen für Berufskraftfahrer in den vergangenen fünf Jahren bundesweit um 44 Prozent auf zuletzt knapp 16.000 im Juni 2016. Zugleich ging die Zahl der Arbeitssuchenden für diese Stellen um rund 30 Prozent zurück.

"Es ist ein demografischer Prozess", sagt Dirk Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). "Immer weniger junge Leute wollen Kraftfahrer werden und die jetzigen gehen nach und nach in Rente."

Eine Million Fahrer sind über 45 Jahre alt

Markus Olligschläger, Experte für Straßengüterverkehr beim Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV), rechnet vor: Laut Kraftfahrt-Bundesamt hatten 2016 gut 1,5 Millionen Menschen in Deutschland eine Fahrerkarte zur Überwachung der Lenk- und Ruhezeiten, die für alle gewerblichen Personen- oder Gütertransporte nötig ist. Etwas über eine Million von ihnen waren 45 Jahre oder älter. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei Fahrern liege bei 60 Jahren, sagt Olligschläger. "Das heißt: Zwei Drittel der heutigen Fahrer gehen in den nächsten 15 Jahren in Rente."

Der Beruf des Kraftfahrers sei für junge Menschen unattraktiv, sie wollen lieber studieren oder einen höher ausgebildeten Beruf, so Engelhardt. Früher hätten außerdem viele Männer ihren Wehrdienst dazu genutzt, einen Lkw-Führerschein zu machen. "Die Bundeswehr hat jedes Jahr rund 15.000 Lkw-Fahrer ausgebildet." Mit dem Führerschein in der Tasche habe es nähergelegen, Kraftfahrer zu werden. Mit Ende der Wehrpflicht fehle dieser Nachwuchs nun.

Auch die Bezahlung sei ein Thema. Viele Unternehmen würden ihren Fahrern gern mehr zahlen, könnten das aber nicht, sagt Engelhardt. Durch die Liberalisierung des Transportgeschäfts und die EU-Osterweiterung 2004 seien Unternehmen aus Osteuropa auf den Markt gedrängt, die ihre Dienste billiger anbieten könnten. Das setze die Fuhrunternehmen unter Druck.

Osteuropäische Fahrer beherrschen internationalen Verkehr

Daten des Bundesamts für Güterverkehr (BAG) zeigen: Eigentlich gibt es nicht weniger Berufskraftfahrer in Deutschland, sondern mehr - nur eben aus dem Ausland. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in dem Beruf stieg zuletzt um 1,6 Prozent gemessen am Vorjahr. "Rückgänge deutscher Beschäftigter wurden 2015 wiederholt durch Zugänge ausländischer Beschäftigter überkompensiert", so das BAG.

"Der grenzüberschreitende Verkehr ist fest in der Hand von osteuropäischen Fahrern", sagt Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung Berlin-Brandenburg. Große Speditionen würden ihre Fahrer dort anwerben oder setzten osteuropäische Subunternehmer ein. Im Regionalverkehr sei die Situation aber anders: "Die Regionalen sind auf das Personal angewiesen, das sie vor Ort rekrutieren können."

Vor allem Fahrer im Nahverkehr fehlen

Laut einer Studie der Dekra werden in fast 60 Prozent aller Stellenanzeigen Fahrer im Nahverkehr gesucht. Beim grenzüberschreitenden Verkehr fehlten dagegen kaum Fahrer.

Es vergehe keine Woche, in der nicht mindestens ein Unternehmen bei der Innung anrufe und um Rat frage, wo er Fahrer finden könne, sagt Geschäftsführer Bretschneider. Viele Fuhrunternehmen könnten zwei bis vier Fahrzeuge mehr einsetzen, wenn sie das Personal hätten, ist er überzeugt.

Huseyin Bozkurt greift auf selbstständige Fahrer oder externe Kurierdienste zurück, um sein Essen zu liefern und allzu viele Überstunden seiner Fahrer zu vermeiden. Ob er demnächst einen neuen Fahrer findet? "Das hoffen wir", sagt er.

von Bastian Benrath/dpa/koe

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