In Kooperation mit

Job & Karriere

Andreas Monning

Fachkräftemangel Lasst endlich die Menschen mit Behinderung ran

Andreas Monning
Ein Kommentar von Andreas Monning
Ein Kommentar von Andreas Monning
Der Fachkräftemangel ist eine Katastrophe. Und gleichzeitig ist er ein Segen – denn er könnte endlich für eine angemessene Beteiligung von Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt sorgen.
Foto: Angelina Bambina / iStockphoto / Getty

Ein knappes Zehntel der Deutschen ist schwerbehindert. Nur gut die Hälfte von ihnen hat einen Job. Bei den Nichtbehinderten sind es über 80 Prozent . Was läuft da schief?

Viele Unternehmen tun sich noch immer schwer, Mitarbeiter mit Handicap zu integrieren. Dabei wären sie gesetzlich dazu verpflichtet. Jedes Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitenden muss fünf Prozent Schwerbehinderte einstellen . Aber viele tun es nicht – und zahlen lieber Ausgleichsabgaben von bis zu 320 Euro pro unbesetztem Pflichtplatz, als einem Menschen mit Behinderung einen Job zu geben.

Doch es gibt Hoffnung: Was alle Inklusionsbeauftragten und Diversity-Fördertöpfe nicht geschafft haben, kann jetzt der Fachkräftemangel schaffen. Der wächst rasant und wird für die Unternehmen immer schmerzhafter. Ältere Mitarbeiter der Babyboomer-Generation gehen in diesen und den kommenden Jahren scharenweise in Rente. Gleichzeitig sind durch die nachfolgenden geburtenschwachen Jahrgänge viel zu wenige junge Bewerber da, um die Lücke zu füllen.

Diese Lücke habe sich im Jahresverlauf mehr als verdoppelt , berichtete das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (Kofa) des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Zahl der offenen Stellen, für die es rechnerisch bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen gab, stieg demnach von rund 213.000 im Januar 2021 auf gut 465.000 im Dezember. »Fachkräftemangel ist einer der größten Bremsklötze für die deutsche Wirtschaft«, kommentierte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger die veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen . So sind bei Siemens heute bei sehr guter Auftragslage über 1500 Stellen unbesetzt. Und auch der Verband der Familienunternehmer schlug Alarm: Die größte Sorge der Mitglieder sei nicht die Coronakrise mit ihren Lieferengpässen und höheren Rohstoffpreisen. Zwei Drittel der Betriebe sorgen sich am meisten, dass sie nicht genug qualifizierte Leute finden .

Immerhin ein Gutes hat diese schlimme Situation: Endlich kommen die Unternehmen mal auf die Idee, auch Leute mit Behinderungen einzustellen. Das hat auch der Arbeitgeberverband erkannt. Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter drückt es so aus: »Bei gleichzeitig zunehmendem Fachkräftemangel zeigt sich bereits seit einigen Jahren ein deutlicher Aufwärtstrend bei der Zahl der schwerbehinderten Menschen in Beschäftigung. Die Unternehmen haben erkannt: Wirtschaft sind wir alle. Die Gruppe der Menschen mit Behinderungen ist ein enormes Fachkräftepotenzial.«

Und es bleibt diesmal nicht bei Lippenbekenntnissen: Passend zu der wachsenden Bereitschaft der Unternehmen, jetzt auch das vernachlässigte Potenzial der Menschen mit Handicap zu erschließen, haben sich zu den bekannten Karriereplattformen wie Monster, Stepstone oder Indeed zuletzt zwei neue Internetdienste gesellt. Speziell für die Zielgruppe Menschen mit Behinderung bieten enableme  und myability  Jobs und Coachings. Die Unternehmen, die hier ihre Jobs inserieren, sind mindestens offen für Menschen mit Behinderung, laden Bewerber mit Handicap oft aber ganz ausdrücklich ein.

Bringt das was? Es sieht so aus. Der jüngste Teilhabebericht  des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) dokumentiert, dass tatsächlich mehr Menschen mit Behinderung eingestellt werden: Der Anteil der Menschen mit Beeinträchtigungen im erwerbsfähigen Alter mit Job ist von 2009 bis 2017 um vier Prozent gestiegen. Natürlich erhöht sich in einer alternden Belegschaft die Quote der Mitarbeiter mit Beeinträchtigung durch das steigende Alter schon von allein, ohne dass ein gehandicapter Mensch neu eingestellt worden wäre. Aber auch wenn das den Quotenanstieg etwas relativiert, unter dem Strich bleibt ein deutlich positiver Trend.

Welche Unternehmen stehen hinter diesem Wandel? Die Jobbörsen für Menschen mit Behinderung liefern Hinweise. Hier inserieren vor allem große Unternehmen mit Tausenden und Zehntausenden von Mitarbeitern, die sich für Inklusion öffnen: Mit beeindruckend vielen Anzeigen fallen auf den neuen Plattformen vor allem der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim auf, der Technologieriese Siemens und die Kreditbank für Wiederaufbau (KfW). Konzerne sind tendenziell eher bereit als kleine und mittlere Unternehmen (KMU), mehr Mitarbeiter mit Beeinträchtigung und oft besonderen Bedürfnissen zu beschäftigen, weil sie über mehr personelle und finanzielle Ressourcen verfügen. Die investieren sie in Inklusionsteams, räumliche Umbauten wie behindertengerechte Toiletten oder Aufzüge oder Arbeitserleichterungen wie höhenverstellbare Tische. Oder wie bei Boehringer Ingelheim: in Kantinenroboter, die Mitarbeitern mit Gehbehinderung das Essen tragen.

Technologieunternehmen haben schon seit Jahren die besonderen Begabungen von Autisten erkannt und sich zunutze gemacht. Die Beratungsfirma Auticon  vermittelt nur IT-Consultants im Autismus-Spektrum. Jeder Bewerber muss eine »Autismus-Diagnose oder Attest« mitbringen. Frei nach dem Motto: »Autismus ist kein Systemfehler, sondern ein anderes Betriebssystem.«

Die Veränderung hin zu einem inklusiveren Arbeitsmarkt und letztlich einer inklusiveren Gesellschaft findet statt. Vom Thema Frauenförderung wissen wir: Sozialer oder gesellschaftlicher Wandel und Fortschritt kann langsam und zäh sein, auf viele Widerstände stoßen und mühsam und schmerzlich für die Betroffenen sein.

Aber wenn der Prozess einmal begonnen hat, dann ist die Veränderung auf dem Weg. Die Behindertenverbände jedenfalls sind hoffnungsfroh, dass der Wandel nachhaltig einsetzt. Denn wenn es an Fachkräften mangelt, denkt selbst die deutsche Wirtschaft um.