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Gefragte Ingenieure Was wurde aus dem Fachkräftemangel?

Bis zu 390.000 Ingenieure werden in Deutschland bald fehlen. Davor warnt das Institut der deutschen Wirtschaft jetzt erneut - wie schon so oft. Kommt es wirklich so schlimm? Frühere Prognosen lagen gewaltig daneben.
Wo sind sie hin, die Fachkräfte? Kommen sie wieder? Waren sie je weg?

Wo sind sie hin, die Fachkräfte? Kommen sie wieder? Waren sie je weg?

Foto: Marijan Murat/ picture alliance / dpa

Was das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) prophezeite, klang düster. Sehr düster. Auf einen dramatischen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften steuere das Land zu. Schon 2014 würden 220.000 MINT-Fachleute fehlen, also Mathematiker, Naturwissenschaftler, Techniker, vor allem Ingenieure. Welche Erfindungen nicht gemacht werden, welche Produkte ungefertigt bleiben! Welcher Wohlstand uns verloren geht!

"Es besteht erheblicher Handlungsbedarf, um den Technologiestandort Deutschland fit für die Zukunft zu machen", sagte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös.

Das war 2009.

Jetzt haben wir bereits 2015. Und nach allem, was man weiß, ist der Technologiestandort Deutschland nicht untergegangen. Keine Räder standen still. Pleitewellen wegen fehlender Ingenieure blieben aus, die Lichter an.

Aber schon präsentiert das Institut eine neue Rechnung, diesmal für den Verein Deutscher Ingenieure: Demnach fehlen zusammengerechnet bis 2029 - je nach Szenario - zwischen 84.000 und 390.000 Ingenieure, so die frische Prognose vom Montag (siehe Kasten unten).

Richtig gerechnet und trotzdem daneben?

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Dafür kann man nachschauen, wie gut die der Vergangenheit trafen. Spricht man IW-Forscher Axel Plünnecke heute auf seine Zahlen von 2009 an (die Studie finden Sie hier ), klingt die Antwort paradox: Falsch gerechnet haben will das Institut nicht. Aber eingetroffen, das gibt er zu, ist die Prognose eben auch nicht.

"Die Szenariorechnung hat das Fachkräfteangebot im Jahr 2014 um etwa 140.000 unterschätzt", sagt Plünnecke. Nicht 220.000 MINT-Fachleute, wie damals kalkuliert, fehlen demnach - sondern nur 80.000. Ist das der dramatische Mangel, vor dem das Institut einst so eindringlich gewarnt hatte?

Selbst eine soeben erschienene Studie  des wirtschaftsnahen Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft gibt Entwarnung: "Ein allgemeiner Fachkräftemangel in den MINT-Berufen, wie er noch vor ein paar Jahren befürchtet wurde, droht eher nicht mehr."

Was war passiert? Vor allem zwei Faktoren hatten die Mahner und Warner massiv unterschätzt:

  • Trend zum Studium: Mehr junge Menschen drängen an die Hochschule, gerade in die technischen Fächer. So stieg die Zahl der Ingenieurabschlüsse zwischen 2008 und 2013 laut Stifterverband um fast 50 Prozent - auf 62.000 jährlich. Der Mangel sei damit "vorerst überwunden". Axel Plünnecke vom IW sagt, seine Berechnung vor sechs Jahren unterschätze die Zahl der MINT-Akademiker um 95.000. Schuld seien aber die Kultusminister: Schon deren Absolventenprognose lag arg falsch.
  • Zuwanderung: Mehr Menschen sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen - und mittlerweile im Durchschnitt höher qualifiziert. Schon 2012 stellte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fest : Fast die Hälfte der neu Zugewanderten kam mit einem Hochschulabschluss, viele in naturwissenschaftlichen oder technischen Disziplinen.

Andere Institute lagen mit dramatischen Zahlen über fehlende Fachkräfte oder unbesetzte Ingenieurstellen ähnlich deutlich daneben. Das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos etwa kam 2010 in einer Studie für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft zum Ergebnis, bis 2015 würden in Deutschland drei Millionen Arbeitskräfte fehlen, darunter allein eine Million Hochschulabsolventen. Später wurden die Zahlen nach unten korrigiert.

Schätzfehler? Keineswegs, so die eigenwillige Prognos-Argumentation: Das Zahlenwerk sei ja bewusst als sich selbst widerlegende Prophezeiung gedacht. "Das eigentliche Ziel ist es, einen Fachkräftemangel zu vermeiden, was im Umkehrschluss zwangsläufig bedeutet, dass die im Szenario gezeigten Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt nicht eintreten sollen", sagt Prognos-Volkswirt Oliver Ehrentraut.

Tücken der Statistik

Da wird also Politik mit Zahlen gemacht, die alles andere als eindeutig sind. "Es gibt nicht den einen Indikator für Engpässe auf dem Arbeitsmarkt", so IAB-Fachkräfteexperte Alexander Kubis. Woran erkennt man dann, dass Arbeitskräfte fehlen?

Eine Möglichkeit: Die Zahl der offenen Stellen ist größer als die Zahl derer, die einen Job suchen. In den Statistiken der Arbeitsagentur ist das so gut wie nie der Fall, auch nicht in den Ingenieurberufen: Aktuell kommen zum Beispiel 151 arbeitslose Experten auf je 100 gemeldete Stellen für Maschinen-und Fahrzeugtechnikexperten. In den Bereichen Automatisierung, Mechatronik und Elektrotechnik bemühen sich statistisch 118 Arbeitslose um 100 freie Stellen.

Indes erfassen Arbeitsagenturen nur freie Stellen, die ihnen von den Unternehmen gemeldet werden. Gerade in Akademikerberufen suchen viele Firmen aber, ohne die Arbeitsagentur einzuschalten. Das arbeitgebernahe IW ging in der Vergangenheit davon aus, dass Firmen nur jeden siebten freien Job für MINT-Experten melden - und rechnete die Zahl entsprechend hoch. Damit kippt das Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen schlagartig.

Solche Schätzungen geschehen ziemlich freihändig und sind unter Experten entsprechend umstritten. Der Konjunkturforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sprach gar von "Alarmismus" und beschrieb den Fachkräftemangel als "Fata Morgana". Das Verfahren kritisierte er in einem Papier  scharf, unter anderem, weil viele Stellenausschreibungen nicht zwingend auf einen großen Fachkräftebedarf hinweisen - sondern womöglich nur zeigen, dass die Mitarbeiter in dem Bereich besonders häufig den Betrieb wechseln. Geht etwa ein Ingenieur von VW zu Audi und ein anderer von Audi zu VW, gibt es in beiden Unternehmen zwar rechnerisch zeitweise je eine offene Stelle. Aber mehr Ingenieure werden deswegen nicht gebraucht.

Fachkräftemangel: Mythos oder echt?

Ein anderer Anhaltspunkt für einen Fachkräftemangel wäre die Dauer der Personalsuche. Im Schnitt suchen Unternehmen derzeit 80 Tage, ehe sie eine Stelle besetzen können. Hochqualifizierte Techniker sind offenbar besonders schwer zu bekommen: Nach Akademikern im Bereich Maschinen- und Fahrzeugtechnik etwa suchen die Firmen mit 113 Tagen besonders lange, wie die Bundesagentur für Arbeit berichtet .

Aber deutet das auf echte Engpässe hin? Damit müsse eine lange Personalsuche nichts zu tun haben, erklärt Forscher Alexander Kubis vom IAB: "Oft suchen Unternehmen nach ganz speziellen Qualifikationen. Da dauert es zwangsläufig länger, die passenden Mitarbeiter zu finden."

Den Fachkräftemangel pauschal zur Schimäre zu erklären, wäre überzogen. Industrie und mittelständische Technikfirmen plagen reale Nachwuchssorgen - jedenfalls in manchen Branchen und Regionen. Zugleich haben Wirtschaftslobbyisten aber viel Erfahrung darin, das Problem mächtig aufzupumpen, um Druck auf die Politik auszuüben. Die eigene berufliche Zukunft auf Prognosen des VDI oder des Instituts der deutschen Wirtschaft aufzubauen: Das wäre unklug für einen Abiturienten, der sich in den nächsten Monaten für ein Studienfach entscheidet.

Deutschlands Fachkräfte: Und die Zukunft?

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Foto: LAURENT REBOURS/ AP

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Autor Bernd Kramer (Jahrgang 1984) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur im Ressort UniSPIEGEL. Er hat Volkswirtschaft, Politikwissenschaften und Soziologie studiert.

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