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Trucker-Leben: Nur mit dem Telefon unter die Dusche

Foto: Hendrik Steinkuhl

Speditionen ohne Fahrer "Der Lkw stört vor allem beim Rasen"

Brummifahrer werden von ihren Chefs genauer überwacht als Sträflinge auf Freigang - und sind froh, wenn ihr karger Lohn überhaupt gezahlt wird. Jochen Dieckmann schildert plastisch, warum niemand mehr Lkw fahren will. Und doch rät er keinem Neuling ab.

Die Chefin hat schon einen Besprechungsraum reserviert. Jochen Dieckmann will sich aber nicht in der Geschäftswelt unterhalten. Sondern in der Fernfahrerwelt. Und wer dort was zu quatschen hat, der setzt sich zum Beispiel an einen Tisch vor "Frankie's Imbiss", mitten im Industriegebiet der Düsseldorfer Nachbarstadt Erkrath.

"Wenn man den Leuten erzählt, dass man gestern in Madrid gewesen ist, dann wird man von vielen beneidet", sagt Jochen Dieckmann. "Aber was du von Madrid siehst, ist nur das Industriegebiet. Und ob Madrid oder Erkrath - die sehen auf der ganzen Welt gleich aus."

Eigentlich wollte Jochen Dieckmann nie Lkw-Fahrer werden. Er hatte sich sein Jura-Studium als Trucker finanziert, brach das Studium aber irgendwann ab und wurde Journalist. Doch er fand keine Festanstellung in einer Redaktion. Als er auch keine Aufträge mehr bekam, heuerte er bei einer Spedition an. Dreimal hörte er auf; dreimal schwor er, sich nie wieder hinter das Steuer eines Lastwagens zu setzen. Doch weil er keinen anderen Job fand, wurde er dreimal wieder rückfällig.

Über seine Erfahrungen als Trucker hat der 52-Jährige ein großartiges Buch geschrieben: "Geschlafen wird am Monatsende". Auf 260 Seiten zerlegt Dieckmann das Bild vom König der Landstraße, der in Wahrheit ein moderner Sklave ist. Zum Alltag in der Branche gehören laut Dieckmanns Buch: "Respektlosigkeit, Einschüchterung, Lohnkürzung, Lohnausfall sowie der ständige Druck, gegen Gesetze verstoßen zu müssen."

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Anwalt an der Autobahn: Der Trucker-Advokat

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Jahrzehntelang bekam die Öffentlichkeit von diesen Zuständen wenig mit. Das ändert sich nun. Dieckmanns Buch aus dem vergangenen Jahr erscheint mittlerweile in vierter Auflage, zahlreiche Talkshows luden den Autor ein. Das ZDF sendet am heutigen Mittwochabend um 22.45 Uhr eine Reportage unter dem Titel "Prügelknaben der Straße: Der brutale Alltag deutscher Fernfahrer". Ein ZDF-Reporter arbeitete undercover bei Speditionen und berichtet in seinem Film über die teils menschenverachtenden Zustände im Transportwesen.

"Die Leute wollen die Waren am liebsten mit dem Heißluftballon"

Und die Branche selbst? Die sucht Fahrer und jammert schon über ihren Fachkräftemangel. "Davon kann im Moment noch keine Rede sein. Ich kenne genug qualifizierte Kollegen, die keinen Job bekommen", sagt Jochen Dieckmann. In einigen Jahren aber werde sich das ändern. Schon jetzt sind gerade einmal 17 Prozent der Lkw-Fahrer jünger als 35. Und weil in den kommenden Jahren knapp 40 Prozent der Fernfahrer in Rente gehen, müsste sich eigentlich die ganze Gesellschaft fragen, wer dann noch ihre Waren transportiert.

Doch die Gesellschaft tue genau das Gegenteil, sagt Jochen Dieckmann. "Die Leute wollen zwar die Waren, aber am liebsten mit dem Heißluftballon. Der Lkw stört - vor allem beim Rasen." Dieckmann kennt die Meinung der Menschen, denn in seinem neuen Job spricht er mit ihnen über ihr Verhältnis zum Lkw. Im Auftrag einer Frachtenbörse wirbt er als "Transportbotschafter" für mehr Partnerschaft im Straßenverkehr. "Hand in Hand durchs Land" lautet der Name der Aktion. "Wenn ich auf den Autohöfen mit Leuten spreche, regen sich die meisten über Elefantenrennen auf." Dieckmann antwortet den Leuten dann, in jeder Verkehrsgruppe gebe es zehn Prozent Deppen. "Außerdem ist es für viele Leute immer ein Elefantenrennen, wenn ein Lkw einen anderen überholt. Egal, wie lange das Überholen dauert."

Dauerthema Elefantenrennen

Ein weiterer Beleg dafür, dass Lkw stören: Überall in Deutschland gründen sich zur Zeit Bürgerinitiativen gegen Lkw-Parkplätze. Die Mitglieder einer Initiative mit dem Namen "Rastplatzwahnsinn" wollen sogar am liebsten bundesweit alle Parkplatzgegner vernetzen.

Stört der Lkw, stört auch sein Fahrer. Wenn er bei einem Betrieb Ware abliefere, sei es ganz normal, dass sich niemand für ihn zuständig fühle und er eine Ewigkeit hin und her laufe, sagt Dieckmann. "Dann muss ich oft noch die Ware abladen, obwohl das überhaupt nicht mein Job ist." Bezahlt wird der Fahrer für das Entladen auch nicht. Bei den meisten Unternehmen gilt als Arbeitszeit nur die Zeit, in der der Lkw bewegt wird. Und dank GPS kann die Firma problemlos erkennen, wann ihr Fahrzeug fährt oder steht.

Der Fernfahrer ist damit besser überwacht als ein Straftäter im offenen Vollzug. "Wenn ich länger als zwei Minuten stehen bleibe, leuchtet bei der Firma ein Lämpchen. Und dann klingelt sofort mein Telefon, weil die wissen wollen, was los ist", sagt Jochen Dieckmann. "Meistens bin ich aber einfach nur auf der Toilette."

Wer nicht ans Telefon geht, bekommt Gehalt abgezogen

Sein letzter Arbeitgeber habe allen Fahrern ein Schreiben mit folgendem Inhalt geschickt: Wer nicht ans Telefon geht, dem werden beim ersten Mal 250 Euro vom Lohn abgezogen. Beim zweiten Mal bekommt er die fristlose Kündigung. "Ich musste das Handy unter die Dusche mitnehmen", sagt Jochen Dieckmann.

Und das alles für ein Brutto-Gehalt von oft knapp 1700 Euro im Monat. Wobei, wie Dieckmann sagt, die Höhe des Lohns nicht die eigentliche Frage sei; sondern eher, ob das Geld am Monatsende auch wirklich überwiesen werde.

Also sind die Unternehmen Schuld an der Misere? "Die meisten können gar nicht mehr zahlen", sagt Dieckmann. "Durch die EU-Osterweiterung herrscht ein unglaublicher Preiskampf. Außerdem sind die Transporteure fast genauso schlecht organisiert wie die Fahrer." In ein paar Jahren aber, da ist sich Dieckmann sicher, müsse die Branche reagieren. Der Fahrermangel werde garantiert kommen - allein deshalb, weil im vergangenen Jahr die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. "In meiner Generation hat mindestens ein Drittel der Fahrer den Lkw-Führerschein bei der Bundeswehr gemacht." Wer die Fernfahrerlizenz privat machen will, muss dafür tief in die Tasche greifen: Knapp 5000 Euro kostet der Lkw-Führerschein heute.

Momentan sprechen also nur sehr wenige Gründe dafür, warum ein junger Erwachsener Fernfahrer werden sollte. Trotzdem würde Jochen Dieckmann niemandem den Job ausreden. Denn wenn die Branche in ein paar Jahren ohne Fahrer dasteht, müssten sich die Arbeitsbedingungen ändern. Und außerdem gebe es auch einige Vorteile gegenüber einem Bürojob. Der vielleicht wichtigste: "Wenn man Feierabend macht, bleibt nie ein Haufen mit unerledigten Sachen auf dem Schreibtisch liegen."

Foto: Jette Golz

KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.