Prozess um falschen Mediziner in Kassel "Ich bin trotzdem Arzt, ich schwöre bei Gott"

Ein 37-Jähriger arbeitete monatelang als falscher Arzt. Vor dem Kasseler Landgericht muss er sich nun unter anderem dafür verantworten, einem Baby ein ungeeignetes Medikament verschrieben zu haben.

Rolf Vennenbernd/ DPA

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Laut Anklage ist an diesem Mann, der sich seit Montag vor dem Landgericht Kassel verantworten muss, nur wenig echt. Er ist 37 Jahre alt und libyscher Staatsangehöriger. Was sich ansonsten mit Sicherheit über ihn sagen lässt, muss das Gericht in den kommenden Wochen klären.

Ihm wird viel vorgeworfen: Es geht unter anderem um Betrug, Urkundenfälschung und versuchte Körperverletzung in den vergangenen zwei Jahren, vor allem in der Zeit von Oktober 2017 bis Mai 2018. In diesen Monaten soll sich der Mann mehrfach um Arztstellen beworben und sich Anstellungen als Arzt erschlichen haben - mit gefälschten Approbationen und Facharzt-Anerkennungen.

Zunächst hatte der Mann laut Anklage versucht, eine Facharztstelle in der hessischen Kleinstadt Melsungen zu bekommen. Es klappte nicht gleich - woraufhin er eine Anstellung in einer Kasseler Arztpraxis erhielt, in der er für mehrere Monate tätig war. Als Gehalt vereinbarte er rund 4500 Euro mit seinem Arbeitgeber.

Während er in der Praxis arbeitete, soll er einem 20 Tage alten Baby ein Durchfallmittel verordnet haben, das für kleine Kinder gesundheitsschädigend sein kann und erst für ältere Menschen zugelassen ist. Dem Baby wurde das Medikament nur deswegen nicht verabreicht, weil seine Mutter von einer Nachbarin darauf hingewiesen wurde, dass es ungeeignet sei, heißt es beim Landgericht.

Jobbewerbung mit falschem Aufenthaltstitel

Wenig später ließ sich der Angestellte offenbar bei einem Bielefelder Personalservice anstellen, der ärztliche Tätigkeiten an Dritte vermittelt. Über diese Firma soll der Mann an seinen nächsten Job gekommen sein - in einer bayerischen Klinik: Von März bis April 2018 war er in dem Haus in Kemnath tätig.

Kurz zuvor soll er zudem versucht haben, Geld vom Sozialamt in Kassel zu bekommen, ohne seine Einkünfte offenzulegen. Die Leistungen erhielt er nicht. Seine nächste Station steuerte er im Mai des vergangenen Jahres an: die Facharztstelle in Melsungen, die er zunächst nicht bekommen hatte.

Bei einer Klinik in der Stadt soll er einen gefälschten Aufenthaltstitel vorgelegt haben, um den Anschein zu erwecken, sich in Deutschland aufhalten zu dürfen - obwohl er in Wahrheit ausreisepflichtig gewesen sein soll, sagt ein Sprecher des Kasseler Landgerichts.

Falscher Umgang mit Blutkonserve

Während der Tätigkeit in der Klinik sollen dem Angeklagten dann grobe Fehler beim Anschließen einer Blutkonserve unterlaufen sein. Das fiel einer Krankenschwester auf. Dem Mann wurde gekündigt, für die kurze Zeit in der Klinik bekam er keinen Lohn.

In den Kliniken und der Praxis gearbeitet hatte der Angeklagte, obwohl er wegen anderer ähnlicher Vergehen bereits zu einer Haftstrafte von zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt worden war. Das Urteil war zunächst nicht rechtskräftig gewesen - das Spiel mit den gefälschten Papieren ließ der Mann in dieser Zeit weiterlaufen.

Mittlerweile sitzt der 37-Jährige in Haft. Mehr als 25 Zeugen sollen vor dem Kasseler Landgericht aussagen, bis Ende Juli sind drei weitere Verhandlungstermine angesetzt.

Beim Prozessauftakt in Kassel flehte der Angeklagte minutenlang schluchzend um Nachsicht. Er verwies auf seine drei Kinder und seine Frau. Die ihm vorgeworfenen zahlreichen Vergehen räumte er teilweise ein, beharrte aber: "Ich bin trotzdem Arzt, ich schwöre bei Gott."

Mit Material von dpa

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uboot84 15.07.2019
1. Interessierten,
engagierten und willigen Gymnasialabgängern wird der Zutritt zum Medizinstudium verwehrt, weil sie kein 0,9 Abizeugnis haben. So sieht die Zukunft aus, wenn sich bei Zulassung und Finanzierung des Medizinstudiums nichts ändert!
Henry Donner 15.07.2019
2. Wie sagte die grüngefärbte Frau KGE sinngemäß?
"Die Neubürger sind ein Geschenk für Deutschland." Kann man Geschenke nicht zurückgeben? (Frage für einen Freund)
Sonnestrandundmeer 15.07.2019
3. Es muss lückenlose Kontrollen geben
Es mag ja sogar sein, dass der Angeklagte tatsächlich ein Arzt ist und "nur" die Dokumente gefälscht waren. Dies wird das Gericht sicherlich ermitteln. Aber selbst dann ist er ein schlechter Arzt. Ehrlich gesagt möchte niemand, wenn er krank ist und Hilfe braucht, so jemanden in die Hände fallen. Die Leitenden Ärzte in Kliniken und Praxen sind in der Pflicht, das System so weiterzuentwickeln, dass sie unabhängig von Papieren (die gefälscht sein können), sicherstellen, ob jemand, der als Arzt (und Krankpfleger) angestellt ist, tatsächlich über die notwendige Qualifikation verfügt. Vorstellbar wäre zum Beispiel, dass sie ihm geeignete Fachfragen stellen und seine Arbeitsergebnisse während einer kurzen Probezeit vollumfänglich und nicht nur stichprobenartig kontrollieren.
schindelbeck 15.07.2019
4. Zur Ergänzung
Aus einem Bericht der HNA schon im Mai, das dürfte der gleiche Typ sein... "Obwohl die Familie rund 75 000 Euro auf dem Konto hatte und die Frau für ihre Ausbildung zur Fachärztin ein monatliches Stipendium über 2500 Euro von der libyschen Botschaft in Berlin bezog, beantragte und erhielt die Familie Unterstützung durch Hartz IV. Insgesamt etwa 6500 Euro Arbeitslosengeld II wurden überwiesen. Gegenüber dem Jobcenter gab sich der Mann zudem als Vermieter von Wohnungen für Asylbewerber in der Kasseler Nordstadt aus, kassierte dafür an Miete und Kaution zu Unrecht rund 12 000 Euro."
Axeman 15.07.2019
5. Geht alles,
Zitat von uboot84engagierten und willigen Gymnasialabgängern wird der Zutritt zum Medizinstudium verwehrt, weil sie kein 0,9 Abizeugnis haben. So sieht die Zukunft aus, wenn sich bei Zulassung und Finanzierung des Medizinstudiums nichts ändert!
Als ich 1988 Abi gemacht habe, sind einige mit miesem Schnitt und Medizinstudiumswunsch zum Bund für 2 Jahre. Da konnte man dann seine Wartesemester verbringen und Geld fürs spätere Studium ansparen. In der Sanitätstruppe war man dann auch einigermaßen richtig. Heute könnte man eine Krankenpflegeausbildung voran stellen. Wer wirklich Interesse hat bekommt seinen Studienplatz.
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