Fashion Week Berlin Der Sound der Mode

Designer Marc Cain klingt nach Grunge, Lala Berlin nach orientalischem Punk, Karl Lagerfeld nach allem, aber nicht so elektronisch. Bei den Shows der Fashion Week muss jeder Ton stimmen. Den richtigen Klang sucht eine Berliner Agentur.

Pascal Rohé

Von Sarah Tschernigow


9 Minuten 33 Sekunden. Die magische Zahl. So lange muss die Musik bei der Modenschau des Labels Lala Berlin laufen, die Musikberater haben dafür eine kryptische Formel: Länge des Catwalks multipliziert mit Model-Zahl geteilt durch durchschnittliches Lauftempo. Oder so ähnlich, jedenfalls passt es auf den Punkt. Zur Sicherheit wird viel geübt zwischen Lichttests, Schuhanprobe und Soundcheck.

Palazzo Italia, eine noble Location auf Berlins Prachtboulevard Unter den Linden: In drei Stunden beginnt die Show, ein Highlight der Fashion Week. Hunderte von Gästen sehen die Winterkollektion 2014/2015. Danach werden Moderedakteure und potentielle Einkäufer über neue Schnitte und Farben berichten und darüber, welcher Promi auf dem roten Teppich blendend oder nicht so gut aussah. Über die Musik wohl nicht - obwohl sie viel zum Erfolg einer Show beiträgt.

"Eine Modenschau ohne die richtige Musik, das ist wie Wodka ohne Eis", sagt Katrin Erichsen, 43. Jahrelang hat sie bei Universal Marketing für Bands gemacht, später Musikberatung, beispielsweise für die Autostadt von Volkswagen. Vor drei Jahren wollte sie sich ganz dem Sound von Mode widmen und gründete die Agentur Musique Couture mit Aleksandra Skwarc, einer DJane, die schon mal bei einer Party von Lady Gaga aufgelegt hat. Für die Lala-Berlin-Show arbeiteten die beiden eng mit dem DJ-Duo Tiefschwarz zusammen.

Musique Couture: Sammlung der aktuellen Fashion-Week-Mixe
Sie kennen "den heißen Scheiß", sagen sie mit einer Spur Selbstironie. Glaubt man ihnen sofort. Aber warum kümmert sich der Designer im Zeitalter von iTunes nicht selber um die Musik? "Einfach die Lieblingslieder hintereinander abzuspielen, reicht nicht", sagt Aleksandra Skwarc, 39. "Wenn mir eine Modeschau nicht gefällt, liegt das oft am falschen Sound, an schlechter Qualität und holprigen Blenden. Oder er ist einfach zu hitlastig."

Der Designer ist König

Fast alle namhaften Designer haben ein Musikbudget; einige tausend Euro kostet der passende Sound. Modeimperien wie Chanel geben auch fünfstellige Summen aus, setzen Popstars ans Klavier und heuern die besten DJs an. Dafür gibt's das Gesamtpaket mit Feintuning: Songauswahl, Remixe und Sonderwünsche, denn der Designer ist König.

Letzte Saison wollte Lala Berlin unbedingt den Oldie "Rock Your Baby" von George McCrae, es wurde das Finallied. "Der Abschluss einer Schau ist wie eine persönliche Signatur des Designers. Da halten wir uns mit unserem Geschmack völlig zurück", sagt Skwarc, die diesen Song eher nicht gewählt hätte.

Gut 70.000 Titel hat Musique Couture parat. Die Arbeit beginnt lange vor einer Modenschau, mit einem Besuch beim Designer. "Im Atelier schauen wir uns die Kollektion an, fühlen die Stoffe, sehen die Farben und fragen: Was hat dich inspiriert?", so Skwarc.

Nicht immer haben Designer schon konkrete Lieder im Kopf, nur wie es ungefähr klingen soll: dynamisch und jung, oder auch zurückgenommen und verspielt. Da gibt es kein Richtig und Falsch - Gefühlssache. Kein simpler Job: "Musik ist eben emotional, man ist sich nicht immer gleich einig", sagt Katrin Erichsen. "Der größte Fauxpas wäre, wenn der Designer am Tag der Show sagt: Ich will doch alles anders." Auf Platz zwei der Katastrophenszenarien: Stromausfall.

Das Intro ist die halbe Miete

Bisher lief es für die Musikberaterinnen glatt. Wobei Modedesigner auch zickig werden können, weil sie stark unter Druck stehen: Kollektion, Location, Models plus das ganze Drumherum kosten oft eine Viertelmillion Euro. In einer viertelstündigen Show muss alles sitzen, um das Publikum zu überzeugen. "Wir müssen uns die Leichtigkeit bewahren", so Erichsen. Zum Job gehöre auch, "dem Designer die Angst zu nehmen".

Die Modenschau: eine Inszenierung mit ein wenig Mathematik und viel Psychologie. Auf jeden Fall großes Drama. Lala Berlin beginnt leise: Das Intro klingt sakral und mächtig, wie ein synthetisches Rauschen, melodiös, ohne Beat. "Ein gutes Intro erzeugt Spannung", erklärt Basti Schwarz vom DJ-Duo Tiefschwarz. "Wie bei einem Konzert, wenn die Scheinwerfer angehen, das Publikum erwartungsvoll jubelt. Es ist die halbe Miete."

Beim Üben wird einkalkuliert, dass Models bei der Show meist schneller unterwegs sind als bei Proben. Am Abend überbrückt das etwas gestreckte Intro die knappe Minute, bis Bühnenhelfer die meterlange Schutzfolie über dem Laufsteg abgezogen haben. Als die Models auf den Catwalk kommen, setzt ein Beat ein, dann Gesang. Nach dutzenden Outfits soll das Publikum entspannen. "Das Finale bricht die Konzentration wieder auf, hier mit orientalischem Punk. Ein schöner Abschluss", so DJ Basti.

Die Show ist rund und kommt gut an, tosender Applaus für die Designerin. Bei einem Gläschen Sekt wird im Foyer über die Kollektion geplaudert und auch die Musik positiv erwähnt, sie steht aber nicht im Mittelpunkt. "Das soll sie auch nicht. Es geht um den Designer, wir sind das i-Tüpfelchen", sagen die Sound-Spezialistinnen und gehen feiern. In der Nacht stellen sie den Mix online. Dann verschwindet er im Archiv.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.



insgesamt 3 Beiträge
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benedetto089 18.01.2014
1. optional
Die Berlin Fashio Week ist sowas von irrelevant. Die wichtigen Labels wie Boss oder Escada fehlen, stattdessen sind dort peinliche Spinner wie Guido Maria Kretschmer. Das Publikum besthet aus Dosenprosecco saufenden C-Promis, die selbst fürs Dschungelcamp zu unbekannt sind. Geschmacklose Veranstaltung!
snowbow 19.01.2014
2. Bitte
Zitat von benedetto089Die Berlin Fashio Week ist sowas von irrelevant. Die wichtigen Labels wie Boss oder Escada fehlen, stattdessen sind dort peinliche Spinner wie Guido Maria Kretschmer. Das Publikum besthet aus Dosenprosecco saufenden C-Promis, die selbst fürs Dschungelcamp zu unbekannt sind. Geschmacklose Veranstaltung!
Warum sind Sie denn so böse? Ist doch alles nicht so schlimm. Jetzt machen Sie sich mal ne Dose Prosecco auf und dann entspannen Sie sich.
almostthere 20.01.2014
3. Fachfremd
Ohne Kretschmer in Schutz nehmen zu wollen, aber wenn Boss und Escada als wichtige Labels eingestuft werden, zeugt das nur von Ahnungslosigkeit. Wenn schon gegen die lokal betonte BFW argumentieren, dann wenigstens mit Prada etc...und generell ist es sehr zu befürworten, dass lokale Brands hier eine Plattform bekommen, egal ob nur Liliana Matthäus in der ersten Reihe verhungert.
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