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Job & Karriere

Vier Start-up-Gründer*innen berichten Der Boss, das war ich

Vor neun Jahren porträtierte der SPIEGEL vier Menschen, die sich in die Selbstständigkeit gewagt hatten. Hier erzählen sie, ob ihre Pläne aufgingen und was sie heute anders machen würden.
Viele Gründer machen Fehler - doch die wenigsten bereuen sie

Viele Gründer machen Fehler - doch die wenigsten bereuen sie

Foto: Hinterhaus Productions / Stone RF / Getty Images

Vier Gründer*innen, vier Geschäftsideen und zwei große Fragen: Wie fängt man an, und wie hält man durch? Vor neun Jahren porträtierte der SPIEGEL vier Menschen, die den Start in die Selbstständigkeit gewagt hatten. "Der Boss, das bin ich!" war die Überschrift. Trifft sie auch heute noch zu?

Wir haben nachgefragt - und das Ergebnis scheint auf den ersten Blick ernüchternd: Nur einer der vier Gründer*innen lebt heute noch von der Idee, mit er damals durchstarten wollte. Es ist der älteste der vier.

Jörg Schröder war fast 50 Jahre alt, als er seine Festanstellung bei BMW kündigte und den Schritt in die Selbstständigkeit wagte mit dem "Bilderwerk": Er verkauft und verleiht Kunstwerke - und zwar sehr erfolgreich. Zu seinen Kunden zählen Krankenhäuser, Steuerberater, Ärzte, Versicherungen und Hotels. Er habe seine Nische gefunden, sagt er: Kunst für Menschen, die keine 5000 Euro für rote Farbkleckse möglicherweise aufstrebender Künstler zahlen wollen, die aber auch keine Lust haben auf Drucke von Ikea oder Möbel Höffner. Seinen KfW-Kredit in Höhe von 20.000 Euro hat er längst zurückgezahlt.

Er verdiene zwar weniger Geld als in seinem alten Job im Vertrieb von BMW, "aber dafür bin ich entspannter und funktioniere nicht mehr wie eine Maschine", sagt Schröder. Sein Konzept könne man sicherlich auch in andere Städte übertragen - er selbst will aber bewusst nicht weiter expandieren. "Erfolg wird in Deutschland nicht belohnt", sagt er. "Wenn man eine gewisse Unternehmensgröße überschreitet, wird die Buchhaltung so kompliziert, dass man das gar nicht mehr allein schaffen kann." Mehr über seine Gründung und sein persönliches Fazit lesen Sie hier.

Mit Regenschirmen in die Insolvenz

Die Jüngste der vier damals im SPIEGEL vorgestellten Gründer und Gründerinnen ist Daniela Wallraff, damals 28 Jahre alt. Ihre Geschäftsidee hatte eine Freundin aus Singapur mitgebracht: Automaten, aus denen man Regenschirmen ziehen kann.

"Es passt einfach perfekt mit uns beiden. Wir sind schon seit zehn Jahren Freundinnen und ergänzen uns. Während Rebecca an jedes Detail denkt und austüftelt, habe ich eher den Vertrieb und die Außenwirkung im Blick", sagte Daniela Wallraff damals. Heute sind die beiden Frauen zerstritten und haben keinen Kontakt mehr zueinander.

Die beiden hatten große Pläne gehabt: 2000 Regenschirm-Automaten wollten sie zusammen mit Franchisenehmern in ganz Deutschland aufstellen, in Parkhäusern, Kinos, Gaststätten und Klubs, überall dort, wo Menschen vom Regen überrascht werden und plötzlich einen Schirm brauchen. Vier Euro sollte ein Schirm kosten. Kooperationen mit Firmen, die Werbung darauf drucken würden, waren geplant.

Die Idee kam gut an, Dutzende Medien berichteten. Im Mai 2014 wurde die Dry2Go GmbH im Handelsregister eingetragen mit einem Stammkapital von 37.800 Euro, zwei Monate später wurde das Kapital auf 50.400 Euro erhöht. Ein Jahr später begann das Insolvenzverfahren.

In Hamburg gibt es die Regenschirm-Automaten trotzdem noch - ein Franchisenehmer der beiden hält an der Geschäftsidee fest. Knapp 20 Automaten bestückt Michael Heise seit 2011 regelmäßig mit bis zu 40 Schirmen, je nach Wetterlage sind sie innerhalb von einer Woche verkauft. Der Preis liegt noch immer bei vier Euro pro Schirm. Davon leben kann Heise nicht.

"Ich habe versucht, daraus einen Vollzeitjob zu machen, aber das hat nicht geklappt. Dafür müsste ich sehr viel mehr Automaten aufstellen und viele Standortbesitzer sehen leider den Bedarf nicht", sagt Heise. Hauptberuflich ist er kaufmännischer Angestellter.

Am Hamburger Bahnhof Jungfernstieg habe er früher zweimal die Woche den Automaten auffüllen müssen, so hoch sei die Nachfrage nach Regenschirmen gewesen, erzählt er. Doch die Deutsche Bahn beendete die Zusammenarbeit, er musste seinen Automaten abmontieren. Auch Parkhausbetreiber und Hotelbesitzer seien schwer zu überzeugen, obwohl ihnen durch die Automaten keine Kosten und keine Arbeit entstehen. "Dort, wo es welche gibt, sind alle sehr zufrieden. Ich kümmere mich ja auch um alles, fülle die Maschinen regelmäßig auf und warte sie", sagt Heise. "Aber viele haben wohl Angst, dass die Automaten ihnen irgendwie Ärger bereiten."

Tatsächlich seien die ersten in Asien hergestellten Dry2Go-Automaten sehr fehleranfällig gewesen, einige wurden auch mutwillig demoliert. Heise bezieht seine Maschinen nun von einem deutschen Hersteller und stellt sie grundsätzlich nur noch in Innenräumen auf. "Die Idee hat immer noch Potenzial", sagt er.

Daniela Walraff, die nun Aldrich heißt, hat nach der Insolvenz von Dry2Go wieder eine Firma gegründet, aber nicht in Deutschland, sondern in Los Angeles. Dorthin ist sie dem in der Rockszene bekannten Gitarristen Doug Aldrich gefolgt. Die beiden haben 2014 in Las Vegas geheiratet. Statt Regenschirme verkauft Walraff nun Räucherstäbchen, Kristalle, Seife und Duftmischungen in einem kleinen Laden im L.A.-Stadtteil Studio City und in ihrem Onlineshop "Mama Wunderbar".

Gestartet mit einer halben Million Euro

"Es ist viel wichtiger, das Richtige zu tun, als zu viel zu tun." Mit diesen Worten hatte der SPIEGEL Karsten Wysk vor neun Jahren zitiert. Er wollte damals mit einem Start-up für Handyspiele durchstarten.

Eine halbe Million Euro hatte der Hightech-Gründerfonds in die MobileBits GmbH investiert, weitere 100.000 Euro bekamen Wysk und seine drei Mitgründer als Förderkredit von der Stadt Hamburg, eine Stiftung und ein Risikokapitalgeber steuerten ebenfalls Geld bei. Heute gibt es die Firma nicht mehr.

Wysk arbeitet jetzt als Product Director für BCG Digital Ventures, eine Tochterfirma der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, die gemeinsam mit Konzernen digitale Start-ups und digitale Geschäftsmodelle aufbaut. Dass er nun Unternehmensberater ist, merkt man schon an seiner Redeweise: "Ich bin super happy mit der Experience", sagt er über seine ehemalige Spielefirma. Er sei mit ihr zwar nicht reich geworden, aber "zumindest reich an Erfahrung".

Vier Jahre, nachdem der SPIEGEL über die MobileBits GmbH berichtet hatte, verkauften Wysk und seine drei Mitgründer sie an den Hamburger Computerspielhersteller Goodgame Studios - weil sie Liquiditätsprobleme hatten.

"Wir hatten viele Nutzer, aber ein Problem mit der Monetarisierung", sagt Wysk. Drei Action-Rollenspiele fürs Smartphone hatten die Männer herausgebracht. Der Download war gratis, Geld bringen sollten Käufe innerhalb der Apps. Doch die blieben aus. Zum einen, weil die Spiele vor allem bei Jugendlichen in Thailand und Brasilien beliebt waren, "von denen die meisten wahrscheinlich gar keine Kreditkarte hatten", wie Wysk sagt. Zum anderen aber auch, weil er und sein Team dem Thema nicht genug Beachtung schenkten.

Was die vier Gründer anderen raten

"Unser Ziel war es, tolle Spiele zu bauen. Wir wussten, dass die Monetarisierung unsere Schwachstelle ist, aber trotzdem haben wir 80 Prozent unserer Energie lieber in die Spiele selbst gesteckt", sagt Wysk. Ausgerechnet seinen eigenen Tipp - erst Kaffee trinken und nachdenken, dann machen - hatten sie nicht beherzigt.

Wie das Ende einer Liebesbeziehung

"Wer ohne große Marketinganstrengung jeden Tag 10.000 neue Kunden gewinnt und das nicht monetarisiert kriegt, macht was falsch", gibt Wysk rückblickend zu. Aber er sagt auch: "Was man intellektuell weiß und was man mit vollem Herzen macht, ist leider nicht immer identisch." Das Ende der Firma habe er hinausgezögert wie das Ende einer Liebesbeziehung. "Es steckte unser ganzes Herzblut darin."

Immerhin: Finanziell war der Verkauf kein Debakel. Den Hamburger Förderkredit zahlten Wysk und seine Mitgründer zurück, sie und ihre Mitarbeiter wurden allesamt von den Goodgame Studios übernommen. Was Wysk aus dieser Zeit gelernt hat: "Schönfärberei lohnt sich nicht. Wir wollten unser Team vor schlechten Neuigkeiten bewahren, haben damit aber alles schlimmer gemacht. Besser offen und ehrlich sagen: So und so ist die Situation, let's fix it."

In seinem neuen Job sehe der Arbeitsalltag ähnlich aus wie bei MobileBits, sagt er. Aber anders als früher muss er nun das unternehmerische Risiko nicht mehr selbst tragen, und auch um die Finanzierung braucht er sich nicht zu sorgen, Talente kann er mit großzügigen Gehältern locken. Wysk drückt das im Beratersprech aus: "Start-ups im Corporate-Kontext zu gründen ist einfacher als 'in the wild', hat aber andere Herausforderungen. Zum Beispiel kommt man mit einer höheren Geschwindigkeit zum ersten Umsatz."

Zwar stecke er auch in seine Auftrags-Start-ups "viel Herzblut", aber aus einer eigenen Idee eine eigene Firma zu machen, sei noch mal etwas anderes. "Das Feuer habe ich nicht verloren, der Reiz des Gründens ist noch da."

Diesen Reiz spürt auch Carolyn Bendahan. Sie hatte sich als Maßschneiderin für Dessous selbstständig gemacht - und arbeitet seit drei Jahren fest angestellt in der Produktionsplanung eines Textilherstellers.

"Dessous nach Maß zu verkaufen war eine fantastische Geschäftsidee, aber ich hatte die Nebenkriegsschauplätze nicht im Griff", sagt sie. Vor allem ein Fehler sei entscheidend gewesen: Sie hatte versucht, alles allein zu wuppen. Stoffe einkaufen, Kundinnen abmessen, Rechnungen schreiben, Werbeanrufer am Telefon abwimmeln, zuschneiden, nähen, und immer wieder ändern. Wenn sie spätabends fertig war mit dem Tagesgeschäft, ging es an die nächsten Punkte der To-do-Liste. Es hörte nie auf.

Unterwäsche zu schneidern erfordert sehr viel Nähe, schließlich machen sich die Kundinnen im wörtlichen Sinne nackt. Aber genau diese Nähe wurde bei Rechnungen und Reklamationen zum Problem, sagt Bendahan, weil viele Kundinnen sie eher wie eine Freundin behandelten - und erwarteten, dass sie Probleme "mal eben schnell" als Freundschaftsdienst löse, unentgeltlich, versteht sich.

Auch Bendahan selbst fiel es schwer, für vermeintlich nichtige Arbeiten wie das nachträgliche Annähen eines Häkchens zusätzlich Geld zu verlangen. Rückblickend sagt sie: "Wenn man seine eigene Leistung wertschätzt, muss man auch Zehn-Minuten-Arbeiten berechnen."

Das Jobangebot anzunehmen, sei ihr dennoch schwergefallen: "Tief in mir drin steckt noch immer der Wunsch nach Selbstständigkeit." Ihr persönliches Fazit ihrer Gründung lesen Sie hier.

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