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Teure Haftpflicht für Hebammen "Ich habe keine Kraft mehr"

Die Gruppenversicherung für Hebammen bricht zusammen, viele fürchten um ihre Zukunft. Nach massiven Protesten hoffen sie jetzt auf schnelle Hilfe vom Staat. Doch das Problem wäre damit nur aufgeschoben.
Von Eva-Maria Hommel
So munter wünscht sich jede Mutter ihr Baby. Doch nicht immer läuft die Geburt nach Plan

So munter wünscht sich jede Mutter ihr Baby. Doch nicht immer läuft die Geburt nach Plan

Foto: UNITED PHOTOS/ REUTERS

Bianca Kasting war glücklich. Sie hatte ihr erstes Kind bekommen, im Geburtshaus in Münster-Wolbeck. "Insgesamt zehn Monate lang hat mich meine Hebamme so toll begleitet. Das hat mich sehr berührt." Für sie war klar: Wenn sie ein zweites Kind zur Welt bringen würde, dann wieder im Geburtshaus, wo Hebammen gemeinsam, ohne Arzt und Klinik, Geburten betreuen. Doch dann machte das Haus zu.

Immer häufiger geben freiberufliche Hebammen auf, sie klagen über zu hohe Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung. Jetzt ist auch noch die Gruppenversicherung, welche die Hebammenverbände mit mehreren Versicherern ausgehandelt haben, in Gefahr: Die Nürnberger Versicherung wird ab Juli 2015 aus dem Konsortium aussteigen, ein Ersatz ist nicht zu finden. Freie Hebammen könnten sich zwar bei der Allianz versichern. Doch das ist laut Verband noch teurer.

Außerdem, so bestätigt Allianz-Sprecherin Susanne Seemann, könnten Hebammen im Schadensfall gekündigt werden. Ohne Versicherung aber dürfen sie nicht arbeiten, weder in Geburtshäusern noch als freie Hebammen in Kliniken. Sie dürfen keine Geburten betreuen, keine Schwangeren versorgen, keine Wochenbettpflege übernehmen. Eine fehlende Versicherung bedeutet faktisch ein Berufsverbot. Geschätzte 3500 freie Hebammen sind direkt betroffen, doch die Folgen reichen bis hin zu den festangestellten Klinikhebammen. Ihre Versicherung übernimmt zwar das jeweilige Krankenhaus, ein Restrisiko müssen aber auch sie privat tragen.

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Hebammen: Wenn der Job zu teuer wird

Foto: SPIEGEL ONLINE

Inzwischen haben sich die Hebammenverbände mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) getroffen. Der Deutsche Hebammenverband verkündete am Dienstag, eine kurzfristige Lösung sei in Sicht. Das Ministerium bestätigte das allerdings nicht. Nur: Man nehme das Thema sehr ernst.

Bianca Kasting reicht das nicht: "Das ist ein Unding." Sie hat eine Online-Petition begonnen; bis Mittwochmittag haben schon mehr als 160.000 Menschen unterschrieben. Auf Facebook fordern Frauen ihr Recht auf freie Wahl des Geburtsorts ein, so wie es im Sozialgesetzbuch steht. Sie wollen ihr Kind zu Hause oder im Geburtshaus zur Welt bringen - oder in der Klinik mit ihrer Beleghebamme, die sie meist schon von der Geburtsvorbereitung kennen.

Die Geburtsschäden werden nicht mehr, sondern teurer

Trotz der Signale aus dem Ministerium ist das Grundproblem höchstens aufgeschoben: die hohen Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung. 5091 Euro koste es eine Hebamme, sich bei der Geburtshilfe abzusichern, so der Deutsche Hebammenverband. Bei einem durchschnittlichen Netto-Stundenlohn von 8,50 Euro lohne sich das kaum. Allein zwischen 2008 und 2010 ist der Anteil der Hebammen, die Geburtshilfe abrechnen, um vier Prozentpunkte gesunken, so eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums.

Paradoxerweise ist es der medizinische Fortschritt, der alles so teuer macht. Kinder mit Geburtsschäden haben eine höhere Lebenserwartung und werden damit auch länger behandelt. "Von 2003 bis 2012 sind die Kosten für schwere Geburtsschäden um fast 80 Prozent gestiegen", erklärt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV). Die Verluste seien zum Teil erheblich gewesen. Dabei gebe es nicht mehr Schäden als früher - beim Hebammenverband gehen jährlich etwa 50 Schadensersatzforderungen ein.

Sabine Schmuck leitet das Geburtshaus in Ingolstadt. Sie und ihre Kolleginnen wollen die Frauen rundum begleiten, vom Schwangeren-Yoga über die Geburt bis zur Stillberatung. Die Wände sind bunt, Sitzkissen sind in den Räumen verteilt, für Geschwisterkinder gibt es ein Holzschaukelpferd. "Wir müssen Frauen abweisen", sagt Sabine Schmuck, "wir haben dreieinhalb Stellen, aber hätten Arbeit für fünf bis sechs." Doch sie findet keine Kolleginnen.

Krankenkassen sollen Geburten höher entlohnen

Von den Gruppenversicherungen der Verbände hält sie nichts: "Dadurch wird das Problem immer wieder aufgeschoben." Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands ist selbst nicht zufrieden: "Da so wenige Unternehmen Hebammen versichern, haben wir eine Monopolsituation und können die Bedingungen nicht mitgestalten", sagt Vorsitzende Ruth Pinno.

Eine nachhaltigere Lösung wäre, die Sozialversicherungen in die Pflicht zu nehmen. Sabine Schmuck findet, dass die gesetzliche Kranken- oder Rentenversicherung für die Folgen von Geburtsschäden aufkommen müssten: "Geburtshilfe ist Teil der Grundversorgung. Wenn sich eine Gesellschaft die nicht leisten will, wie soll das weitergehen?" Auf Hilfe aus dem Ministerium will sie nicht hoffen: "Ich denke ans Aufhören. Ich habe keine Kraft und keine Lust mehr."

Der Deutsche Hebammenverband fordert, dass die Schadenssummen zumindest gedeckelt werden - alles, was darüber hinausgeht, solle ein staatlich finanzierter Hilfsfonds übernehmen. Auch Regressforderungen der Krankenkassen gegenüber den Haftpflichtversicherungen müssten begrenzt werden. Grundproblem sei aber, dass die Kassen zu wenig an die Hebammen zahlen. Nach massiven Protesten haben sie im vergangenen Jahr zwar die Vergütungen erhöht. Doch das lohne sich vor allem für Hebammen, die viele Geburten begleiten, denn sie bekommen eine höhere Vergütung pro Kopf. Wer sich mehr auf Geburtsvorbereitung und Nachsorge konzentriere, habe das Nachsehen. Ein neues Vergütungssystem müsse her, so der Verband.

Bianca Kasting, die Initiatorin der Petition, ist enttäuscht, dass es noch keine konkrete Lösung gibt: "Im Sommer möchte ich auch wieder schwanger werden und ich überlege ernsthaft, ob ich das etwas verschiebe."

Eva-Maria Hommel (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

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