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Plädoyer für eine neue Kultur des Scheiterns Macht mehr Fehler!

Die Generation der 40-Jährigen lähmt sich selbst - aus Angst vor Fehlern. Doch daran ist sie nicht alleine schuld: Die Fehlerkultur in Deutschland ist beängstigend.
Von Pauline Schinkels
Geschäftsmann im Anflug: Freier Fall oder großer Sprung?

Geschäftsmann im Anflug: Freier Fall oder großer Sprung?

Foto: Corbis

Zack - und schon wieder daneben. Meistens passieren uns Fehler schneller und häufiger als uns lieb ist. Auf dem Weg zur Arbeit, im Büro, auf dem Weg nach Hause. Es folgt betretenes Schweigen, Blick nach unten, Rapport beim Chef. Aber was wäre, wenn wir einfach einmal aufstehen und laut rufen würden: "Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht!"

So jedenfalls macht es der britische Dirigent Benjamin Zander, der neben seiner musikalischen Karriere auch Führungskräfte trainiert. Ihm geht es darum, Möglichkeiten zu erkennen - ein Fehler erscheint ja nur deshalb falsch, weil er gegen geltende Normen verstößt. Aber vielleicht zeigt er auch eine neue Herangehensweise auf?

Ganz anders charakterisiert der Soziologe Heinz Bude die Fehlerkultur der Generation um die 40 - er nennt sie "Generation null Fehler". Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beschreibt er sie als Perfektionisten, die überall brillieren wollen: in der Familie, in der Beziehung, im Beruf. Doch damit überfordern viele sich selbst. Nicht selten führe dieser Weg in die Depression.

Ein wenig klingt das nach: "Selbst schuld, wenn ihr Burn-out habt" - was Bude natürlich nicht meint. Er beschreibt in seinem aktuellen Buch "Gesellschaft der Angst" ein Phänomen, das komplexer ist als diese platte Schuldzuweisung.

Lob für Fehler macht produktiv

Arbeit spielt für die Gesellschaft eine große Rolle, und es gibt viele Wirtschaftstheoretiker und Praktiker, die in deutschen Unternehmen eine andere Kultur im Umgang mit dem Misslingen fordern. Fehler, so ihr Ausgangspunkt, sind in unserer Wissensgesellschaft ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.

Das zeigen auch jüngste Studien der Universität Wien. Die Autoren untersuchten, inwiefern Mitarbeiter in Dienstleistungsunternehmen trotz gestiegenen Arbeitstempos und stärkeren Wettbewerbs noch Eigeninitiative zeigen. Das Ergebnis: Wer dauernd negatives Feedback für seine Fehler bekommt, der kommt seltener mit einer neuen Idee um die Ecke. Im Gegenteil: Eine negative Fehlerkultur führt häufig zu noch mehr Stress, Leistungsdruck und Perfektionismus.

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Zufallserfindungen: Huch, das hatte ich jetzt nicht geplant

Foto: Chris Ware/ Getty Images

Negatives Feedback bremst die Eigeninitiative der Mitarbeiter aus, soweit die Theorie. Aber in der Praxis freuen wir uns selten über unsere Fehler. Oder? Natürlich gibt es sie: Die sogenannten FuckUpNights, wo Start-up-Gründer sich über ihre vergeigten Ideen austauschen. Oder den Failure Report , eine Art Scheiterbericht der kanadischen Entwicklungshilfeorganisation Engineers Without Borders - beide zelebrieren eine neue Fehlerkultur. Immer mit dem selben Tenor: Macht mehr Fehler, sonst lernt ihr nichts.

Trotzdem grämt man sich. Weil Fehler immer mit persönlichem Versagen verbunden werden. "Wir suchen Fehler häufig im individuellen, menschlichen Versagen, weil das für uns am einfachsten ist", sagt Tabea Scheel, Psychologin an der Humboldt-Universität Berlin und Koautorin der Wiener Studie. Was schnell übersehen werde: Meistens handele es sich um Fehlerverkettungen. Selten ist ein Einzelner schuld.

Immer ans Teflon denken

Außerdem können Fehler durchaus Positives bewirken. Ohne Fehler keine Innovationen, "trial and error" heißt die schlichte Formel. Das Teflon etwa wurde nur entdeckt, weil ein Chemiker mit Kältemitteln experimentierte und sie zu lange lagerte. Schließlich fand er in der Gasflasche farblose Krümel - Teflon. Es gibt viele solcher Geschichten. Wenn also wieder etwas schiefläuft, sollte man vielleicht einfach an seine beschichtete Pfanne denken.

Unser Umgang mit Fehlern wird aber nicht nur von unserem Arbeits-, sondern auch vom kulturellen Umfeld geprägt. Deutschland wird im Ausland häufig mit der "German Angst" verbunden. Soll heißen: Wir haben ständig Angst, um unser Geld, unsere Gesundheit, unsere Perspektiven - auch, wenn es darum geht, offen über Fehler zu sprechen.

Aber Fehler werden immer gemacht. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Entscheidend sei, dass wir dem nicht mit persönlichen Schuldzuweisungen und Vertuschung begegnen, sagt Psychologin Scheel. Nur so lassen sich gemeinsame Lern- und Innovationsprozesse ermöglichen. Ihr Rat: "Verstecken Sie Ihre Fehler nicht, sondern reden Sie offen darüber."

Wie genau, das ist eine Frage der Unternehmenskultur. Hat Ihr Chef einen Kurs von Benjamin Zander besucht, stehen Sie am besten auf und rufen: "Faszinierend, ich habe einen Fehler gemacht!"

Pauline Schinkels (Jahrgang 1990) studiert in Köln Sozialwissenschaften und absolviert parallel an der Kölner Journalistenschule eine Ausbildung zur Journalistin für Wirtschaft und Politik.

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