Fiese Fehlschläge im Job Das war wohl nix

Den richtig großen Momenten des Scheiterns lässt sich nur mit Mühe etwas Gutes abgewinnen: Man hat immerhin eine dramatische Story auf Lager. Ein peinliches Casting, der Chef im Zornmodus, ein Magier im Eisblock - fünf Geschichten schlimmen Misslingens.

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Fünf Tonnen Steine: Nach elf Tagen stürzte diese Skulptur ein. Die Kunsthallen-Direktorin kommentierte, Ganivet habe "immer riskantere Konstruktionen erprobt, die Möglichkeit des Scheiterns ist insoweit Teil seines künstlerischen Projektes"
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Fünf Tonnen Steine: Nach elf Tagen stürzte diese Skulptur ein. Die Kunsthallen-Direktorin kommentierte, Ganivet habe "immer riskantere Konstruktionen erprobt, die Möglichkeit des Scheiterns ist insoweit Teil seines künstlerischen Projektes"

Einstürzender Neubau

"Für eine Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle sollte ich eine Arbeit anfertigen. Ich entschloss mich, eine der Bogenskulpturen zu bauen, für die ich mittlerweile bekannt bin. Sie bestand aus präzise austarierten Betonblöcken, die nur mit Holzscheiben im Gleichgewicht gehalten wurden, ohne Mörtel. Es war eine neue Herausforderung: fünf verdrehte Strebebögen, das Ganze mehr als fünf Meter hoch.

Der Aufbau klappte prima, die Ausstellung eröffnete pünktlich. Aber drei Wochen später bekam ich einen furchtbaren Anruf vom Museum: Der Bogen war über Nacht zusammengebrochen. Ich war so verzweifelt, dass ich hinfahren wollte, um ihn wiederaufzubauen. Aber das war nicht möglich: Die Ausstellung lief weiter, es wäre zu teuer gewesen. Ich schrieb dann einen Entschuldigungsbrief an die Besucher und das Museum, der vor dem Trümmerhaufen ausgehängt wurde.

Es war eine tiefe Enttäuschung. All die Arbeit. Die Scham gegenüber den Mitarbeitern des Projekts, den überaus loyalen Mitarbeitern des Museums. Ich weiß bis heute nicht, was eigentlich passiert war: ein brutaler Wetterwechsel? Schäden im Untergrund?

Zwei Monate später habe ich exakt die gleiche Skulptur noch mal in meiner Galerie nachgebaut, diesmal mit Kabeln gesichert und laserüberwacht. Es ging gut. Seither habe ich noch mehrere Bögen gebaut. Mein größter Erfolg ist einer, der jetzt seit fast drei Jahren steht. Stehenbleiben oder zusammenbrechen: Das ist eine fundamentale Frage. Ich versuche, sie in meine Arbeit einzubeziehen."

Vincent Ganivet, 37, Künstler

Eisiges Experiment (2006 in München): Vincent Vega wollte ins Guinnesss-Buch der Rekorde - aber "es war da drin einfach zu kalt"
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Eisiges Experiment (2006 in München): Vincent Vega wollte ins Guinnesss-Buch der Rekorde - aber "es war da drin einfach zu kalt"

Magier im Eis

"Auf die Idee mit dem Eisblock war ich ausgerechnet in der Sauna gekommen - wir hatten mit ein paar Freunden gewettet, wer es am längsten im Kühlbecken aushalten könnte. Ich hatte als Illusionskünstler und Magier schon viele extreme Sachen gemacht und dachte, ich könnte den Weltrekord des Amerikaners David Blaine brechen. Der hatte es angeblich knapp 62 Stunden in einem Eisblock ausgehalten.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass er getrickst hat. Für die Aktion hatte ich mir einen Eisblock anfertigen lassen, dessen Höhlung meinem Körper rundherum 40 Zentimeter Platz bot. Ich bin gleich nach der Anlieferung rein. Das war ein großer Fehler - die Abstrahlkälte lag da noch bei minus 17 Grad, einen Tag später hätte sie nur noch bei null Grad gelegen. Es war da drin einfach zu kalt.

Hinzu kam, dass über meinem Kopf nicht genug Platz war. Meine Körperwärme hat dort eine Kuhle in den Block geschmolzen, so dass es mir wie bei der chinesischen Wasserfolter die ganze Zeit auf den Kopf tropfte. Nach kurzer Zeit fühlte sich jeder Tropfen wie ein Hammerschlag an.

Nach zehn Stunden und 34 Minuten mussten mich die Ärzte aus dem Eis holen, weil meine Körpertemperatur bedrohlich weit gefallen war. Einen zweiten Versuch habe ich nie gemacht."

Karl Röske (alias Vincent Vega), 46, einstmals Magier, heute Food-Agent auf der Suche nach kulinarischen Seltenheiten

Regisseur Greenaway: Gestammel beim Casting
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Regisseur Greenaway: Gestammel beim Casting

Kurz vor Hollywood

"Meine Filmkarriere war im Moment ihres Beginns beendet. Ich hatte es aus einem Statisten-Casting heraus geschafft, zu einem Vorsprechen bei dem berühmten Filmregisseur Peter Greenaway eingeladen zu werden, der damals in Deutschland drehte.

Das Ganze fand in einem Kölner Vorort statt, und ich fühlte mich schon im falschen Film, als ich im Vorraum auf meine Mitbewerber für die kleinen Sprechrollen traf: Die hatten alle bereits Schauspielerfahrung, manche hatten in Filmen mitgespielt, andere arbeiteten an Theatern. Ich hatte als Höhepunkt meiner bisherigen Laufbahn nur die 'English Theatre'-AG am Gymnasium zu bieten.

Dumm gelaufen, klug gesprochen

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Dann ging ich hinein, bekam einen Zettel gereicht, und Greenaway sagte: 'Would you please read these sentences to me?' Ich starrte auf das Blatt und brachte keinen Ton heraus. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Greenaway, schon leicht gereizt: 'I mean, read them aloud, if it's possible ...' Ich stotterte mich hochroten Kopfes ausdruckslos durch zwei, drei Sätze, und allen, Greenaway, mir und dem Filmteam, war klar: Das war wohl nix.

Im fertigen Film 'The Baby of Mâcon' bin ich, glaube ich, für eine Zehntelsekunde zu sehen, als arme Bäuerin in einer Menschenmenge. Eine weitere Zusammenarbeit mit großen Filmemachern hat sich danach irgendwie nie ergeben."

Maren Hoffmann, 44, Redakteurin

Medizinstudenten im Sektionssaal (in Frankfurt): Höchste Zeit für Plan B
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Medizinstudenten im Sektionssaal (in Frankfurt): Höchste Zeit für Plan B

Angst vor der Leiche

"Für mich stand bereits in der Schule fest, dass ich Ärztin werden wollte, ich sah mich schon mit weißem Kittel durch Krankenhausflure flitzen. Dann kam der Sezierkurs. Das Erwachen. Echte, menschliche Körperteile zerschneiden? Der Geruch von Formalin brachte meinen Magen zum Krampfen, und ich hatte Angst, dem vor mir liegenden Stück Fleisch weh zu tun.

Mir gegenüber an einem wackeligen Holztischchen, es war Prüfung, saß der dicke, weißhaarige Anatom. Zwischen uns lag eine angeschnittene Hüfte. Um mich herum standen meine Kommilitonen. 'Welche Blutgefäße ziehen durch die Lacuna vasorum?', fragte der Professor, mit bösem Blick. Mein Herz raste, ich überlegte angestrengt, keine Antwort in Sicht. ,Ähmmm ...', überlegte ich. Mein Herzschlag hallte in meinem Kopf, mir wurde schwindelig, Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn. Verzweifelt stocherte ich mit einem Skalpell im vor mir liegenden Fleisch und kam erst wieder zu mir, als mir der Professor ein ,Nicht genügend! Sie müssen den Kurs im nächsten Jahr wiederholen!' ins Gesicht schleuderte.

Der Boden unter meinen Füßen war weg. Ich blickte auf die bedauernden Gesichter meiner Studienkollegen, dann auf das Menschenfleisch vor mir und auf das Skalpell in meiner zitternden Hand. Und da war mir klar, dass dies der Zeitpunkt war für einen Plan B in meinem Leben.

Später sah ich einen Film über Ebola, und da flammte die alte Begeisterung für Krankheiten wieder in mir auf. Plötzlich wusste ich, dass ich Molekularbiologin werden will."

Eva Hoffmann, 32, Molekularbiologin

Chef im Zornmodus: "Mir war klar, einer von uns muss gehen"
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Chef im Zornmodus: "Mir war klar, einer von uns muss gehen"

Die eine Lehre

"Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Lehren ich abgebrochen habe. In einem internationalen Berufsbildungswerk hatte ich eine Malerlehre gemacht und zweimal die Woche dieselben Wände gestrichen, hatte Nachhilfe im Einmaleins und tiefenpsychologische Gespräche mit einer Sozialarbeiterin.

Als ich in der Pause zwischen Geschrei, Prügeleien und Ausbildern mit dem Roman 'Sophies Welt' auf der Erde saß, wurde mir klar: Ich verplempere mein Leben mit sinnloser Arbeit und Dingen, die ich schon kann. Ich schmiss hin. Alle sagten, dass nichts aus mir werden würde.

Noch eine Chance gab es: Köchin sollte ich werden. Nach drei Monaten und zwei Tagen zitierte mich der Chef in sein Büro. Er brüllte mich an, ich solle gefälligst mit meinen Kollegen in der Mittagspause reden, statt Zeitung zu lesen, außerdem lese man in Köln den 'Express' und kein anderes Blatt. Ich sah ihn an, und mir war klar: Einer von uns muss gehen.

Beim Arbeitsamt teilte mir mein Sachbearbeiter mit, dass dies meine allerletzte Chance gewesen sei, ich solle mein Leben als aufgegeben betrachten. Ich befolgte seinen Rat. Ich ging nach Hause, trauerte drei Wochen, schrieb ein Buch, gewann einen Wettbewerb, ein Verlag wurde aufmerksam, und heute veranstalte ich Literaturwerkstätten - da sitzen Jugendliche, die zu hören bekommen, dass aus ihnen nichts wird. Ich bin der lebendige Beweis dagegen."

Mirijam Günter, Autorin ("Heim", "Die Ameisensiedlung")

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Seite 1
holyfetzer86 04.09.2013
1. Antwort
Seltsam zusammengewürfelte Stories sind das. Magier im Eisblock gefangen. Klar, ne echte Alltagssituation ;-)
lemmuh 04.09.2013
2. Wirklich?
Die Geschichte der Molekularbiologin erscheint mir sehr unglaubwürdig. Erstens liegen zwischen dem Erstkontakt mit der Leiche und der ersten Prüfung doch einige Kursstunden, so dass es unwahrscheinlich ist, dass man zu diesem Zeitpunkt noch solche Hemmungen hat. Zweitens hat ein Skalpel bei der Prüfung nichts verloren, da dort nicht mehr seziert, sondern nur gezeigt wird - der Prüfer würde es dem Studenten vermutlich aus der Hand schlagen. Drittens fällt man nicht durch den Kurs, weil man einmal durch die Prüfung gefallen ist. Zumindest nicht in Deutschland. An den bei Deutschen mit viel Geld und zu schlechtem Notenschnitt (der meistens immernoch gut ist) Privatunis im Ausland ist dies allerdings schon manchmal der Fall.
XenonLJ 04.09.2013
3. Das Psychologiestudium
Ich erinnere mich, wie ein Teil der Erstsemesterstudenten am ersten Tag in der Mesa trafen. Sassen alle um einen großen Tisch. Stellten uns vor. Die Erste: "Ich glaube, ich bin mit 18 die Jüngste. Habe ein Abi-Durchschnitt von 1,2. Ich habe mich an total vielen Universitäten beworben und bin super glücklich hier angenommen worden zu sein.". Die Nächste: "Ich habe einen Abi-Durchschnitt von 1,3. Habe mich auch an verschiedenen Unis beworben.". So ging weiter, tolle Noten, viele Bewerbungen u. letztendlich glückliche Studenten - bis ich an der Reihe war. Ich: "Ich habe gar kein Abi. Mein Mittlerereife habe ich gerade mit Ach-und-Krach geschafft. Ich habe nur eine Bewerbung geschrieben u. man hat mich gleich genommen.". Ich sag nur: es gab extrem lange Gesichter (und das war kein Scherz).
c218605 04.09.2013
4. Die Logik des Misslingens
Prof. Dietrich Dörner's zeitlose Analyse von 1989 zeigt warum auch die Besten in komplexen Situationen versagen. Mein Lieblingssatz: "Ein bisschen Dummheit bei Personen die schwierige Entscheidungen zu treffen haben, ist somit durchaus funktional. Die Klugen trauen sich nie!" ------------------------------------------------------------ Buch (320 Seiten) ISBN-10: 3499193140 Leseproben: Beats Biblionetz - Bücher: Die Logik des Misslingens (http://beat.doebe.li/bibliothek/b00219.html)
cgmpcamp 04.09.2013
5. Recherche und Wahrheitsfindung
Liebe Stern-Redakteure, bis heute war ich mir nicht sicher, wie viel Wahrheit in Ihren Beiträgen zu finden ist. Die Beschreibung über die angebliche Anatomie-Prüfung ist an den Haaren herbeigezogen. Das Bild ist abgesehen davon ein uraltes Archivbild der Goethe Universität und zeigt den Herrn Prof. Dr. med. H.-W. Korf. Er ist der Leiter der Senkenbergischen Anatomie. Für gewöhnlich sind an den Präpariertischen etliche Studenten, so dass eine individuelle Abfrage außerhalb einer mündlichen Prüfung nicht in Frage käme. Die Prüfungen selbst gestalten sich so, dass zunächst am Ende des Kurses eine normale schriftliche Prüfung erfolgt. Sollte diese bestanden werden, so muss man 1-2 Tage später in die mündliche Prüfung. Sollte man eine dieser Teilprüfungen nicht bestehen, muss man in das Rigorosum 1. Einer schriftlichen Nachprüfung mit fast doppelter Fragenanzahl. Sollte auch diese Prüfung nicht ausreichend sein, so muss man in das Rigorosum 2. Dies ist dann nochmals eine mündliche Prüfung. Der oben geschilderte Zusammenhang zwischen dem Erstkontakt mit dem Präparat und der Prüfungssituation kann so nicht stattgefunden haben und hat auch nichts mehr mit Journalismus zu tun!! Es ist schlichtweg eine unwahre Geschichte. Diese angebliche Ex-Studentin, so sie dann existiert, hat es entweder so nie berichtet oder Ihr Blatt hat daraus ein Märchen gemacht. Beides inakzeptabel. Es gäbe genug tatsächliche Kritikpunkte am Fachbereich 16 (Medizin) der Goethe Universität. Abgerissene Hörsääle, fehlende Mensa, Baumaßnahmen, willkürliche Prüfungen und Abfragen, teilweise Fachkräftemangel. Darüber könnten Sie einen gut recherchierten und wahrhaftigen Artikel verfassen und sich nicht blenden lassen, von den paar hübschen Hörsäälen im Westend oder Riedberg. Die Klinik, wo wir Studenten studieren, ist nämlich in Niederrad. LG cGMPcAMP
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