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Filmkomponist Pille gibt Tukur den Takt vor

Wenn in Liebesszenen mal keine Geigen schmalzen, kann das an Sebastian Pille liegen. Der junge Komponist bevorzugt unerwartete Klänge. Mit 50 Musikern hat er den Film "Grzimek" frisch vertont - zu hören und sehen am Karfreitag im Fernsehen.

Antilopen hüpfen durchs Bild. Plong-Plong-Plong tönt's aus dem Off, sanft zupfen die Bassisten an ihren Saiten. Bei den Jägern später setzen Streicher ein, schrill, gehetzt.

Die Szene klingt nach Angst, weil Sebastian Pille, 35, das so will. An jenem Novembersonntag sitzt der Filmkomponist im Aufnahmestudio auf dem Filmgelände Potsdam-Babelsberg. "Noch mal, bitte", sagt er ins Tischmikrofon. "Und ordentlich Gas geben, das ist eine Verfolgungsjagd." Die Bitte landet im Ohrstöpsel des Dirigenten, der hinter einer schaufenstergroßen Glasscheibe in einem Saal sitzt, umringt von gut 50 Musikern des Filmorchesters.

Die Streicher nehmen also den Bogen, der Schlagwerker hebt seine Schlägel, der Dirigent seinen Stab - und sie spielen die Sequenz erneut.

Sein Takt und die Schnitte, das wird eins

Zwei Tage haben Sebastian Pille, seine Tontechniker und das Orchester Zeit, um 60 Minuten Musik einzuspielen. Musik, die er sich ausgedacht hat für einen zweistündigen Film, der Karfreitag im Fernsehen laufen wird. Pilles Blick klebt allein an der Partitur, er hat jetzt keinen Blick für den Film auf den Bildschirmen oben an der Decke, denn die Szenen kennt er auf die Zehntelsekunde auswendig. Sein Takt und die Schnitte, sie gehören zusammen.

Die Musik zum Film über den Tierfilmer Bernhard Grzimek hat er in ein paar Wochen geschrieben, ein bisschen Percussion und Gitarre schon eingespielt, einen Kinderchor aufgenommen. Nun ist das Orchester dran, am Tag darauf folgt noch das Klavier.

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Beruf Filmkomponist: Szenen im Fünf-Achtel-Takt

Foto: ARD Degeto/ UFA Fiction/ Roland Suso Richter

"Die stärkste Wirkung von Filmmusik ist, wenn sie einsetzt. Das ist ein Fingerzeig: Jetzt passiert etwas", sagt er. "Genauso stark kann es aber sein, Musik dort wegzulassen, wo man sie erwarten würde." Sebastian Pille spielte schon als Junge die Melodien aus "Jurassic Park" und "Forrest Gump" nach. Mit 13 bekam er Kompositionsunterricht - sein Berufswunsch stand fest. "Ich wäre sowieso kein guter Konzertpianist geworden", sagt er.

Nach der Schule schob er dennoch eine Banklehre ein, was Solides, bevor er auf die Münchner Musikhochschule wechselte. Seit acht Jahren ist er im Geschäft und macht die elektronisch-kühle Musik zu den "Unter Verdacht"-Krimis mit Senta Berger, 2014 liefen allein drei Filme mit seiner Musik  im Kino.

"Der 5/8-Takt passt zu Grzimeks sperrigem Charakter"

Nun also "Grzimek ". Ein Biografie-Drama mit Ulrich Tukur in der Rolle des Tierfilmers, der den Deutschen mit seiner Fernsehsendung "Ein Platz für Tiere" in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Liebe zu Geparden oder Affen nahebrachte, emsig Spenden für Naturreservate sammelte und für seine Doku "Serengeti darf nicht sterben" den Oscar bekam. "Grzimek war sehr aktiv, trieb Dinge voran, war ungeduldig", so Pille, "deswegen habe ich in solchen Szenen auf einen 5/8-Takt gesetzt: Eine ungerade Taktzahl passt zu seinem sperrigen Charakter."

Pille sammelt oft Soundideen, bevor ein Film fertig geschnitten ist. Er nimmt etwas mit dem Smartphone auf, summt eine Melodie, spielt ein paar Takte am Klavier an, nutzt elektronische Tracks: "Ich kombiniere gern Instrumente, die man nicht zusammen erwarten würde." Er lese zwar zuerst das Drehbuch, aber: "Wichtiger ist es, sich vom Regisseur die Geschichte erzählen zu lassen, um zu wissen, wo er die Akzente setzt."

Bombastklänge sind nicht Pilles Stil, wie man sie sonst von Oscar-Preisträger Hans Zimmer kennt, dem wohl berühmtesten deutschen Filmkomponisten ("König der Löwen", "Inception", "Fluch der Karibik"). Zu Liebesszenen einfach ein paar Geigen - eher nicht. Setze stereotype Schmalzmusik ein, fühle sich der Zuschauer schnell manipuliert und wird aus der Filmrealität herausgerissen. Die wichtigste Leistung eines Filmkomponisten ist, Gefühle in Musik zu übersetzen." Im Prinzip fingert er den Zuschauern also ins emotionalen Zentrum. "Dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein."

Die Musiker wissen nicht, was genau sie gerade vertonen

Filmmusik lernen kann man in Deutschland entweder im Aufbaustudiengang einer Filmhochschule - oder an jener Münchner Musikhochschule, auf der auch Pille war, der einzigen mit eigenem Studiengang. Ein Dutzend Lehrbeauftragte für sieben Studenten, luxuriös. Auf dem Semesterplan standen Gehörbildung, Klavierimprovisation, Orchestration, aber auch Filmdramaturgie und spezieller Kompositionsunterricht für Film und Fernsehen.

Sebastian Pille pendelt zwischen München und den USA, Kontakte zur Filmbranche dort gebe es zwar, aber nichts Spruchreifes. In Deutschland bekommt ein Filmkomponist etwa ein Prozent vom Gesamtbudget als Honorar und muss davon mitunter auch die Orchesterproduktion bezahlen. Um in einer teuren Stadt wie München gut leben zu können, so Pille, brauche man vier, fünf solcher Aufträge im Jahr. Er hat oft mehr, aber es bleibt eine Mischkalkulation: So konnte er sich nur durch seine regelmäßigen Fernseh-Arbeiten sechs Monate Zeit nehmen für die Musik und Soundtrack-Produktion zum Kinodebüt der deutschen Tragikomödie "About a Girl"  (ab Juli im Kino).

Bei der "Grzimek"-Vertonung kommen die Musiker aus der Kaffeepause und hängen im Aufnahmesaal ihre Jacken über die Stuhllehnen, polieren ihre Saiten, greifen zu Hustenbonbons. Als wäre es ein Büro. Bis Pille das Kommando gibt und der Dirigent den Stab hebt. Keiner der Musiker sieht die Filmbilder dazu. Sie wissen nicht, ob sie gerade einen Streit zwischen Grzimek und seiner Frau vertonen, den Flug über die Serengeti oder ob der Sound Zeitsprünge überbrücken soll. Sie wissen nicht mal, ob der Film was taugt.

Hätten die Schauspieler oder der Regisseur schlechte Arbeit gemacht, stieße auch der Komponist an Grenzen. "Dass eine gute Filmmusik einen misslungenen Film retten kann", sagt Sebastian Pille, "das ist ein Irrtum."


"Grzimek", Regie: Roland Suso Richter, 165 Minuten. Karfreitag, 3. April 2015, ARD 20.15 Uhr

Foto: privat

KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.