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Finanzanalyst "Ich irre jeden Tag"

Aktienkurse erinnern oft an Achterbahnen. Finanzanalysten sagen, wann sich der Ein- und Ausstieg lohnt. Aber manchmal liegen sie auch ziemlich daneben.
Von Maximilian Vogelmann
Aktienkurse im Blick: Finanzanalysten geben Anlagetipps

Aktienkurse im Blick: Finanzanalysten geben Anlagetipps

Foto: Corbis

Wenn Thomas S. seinen Beruf erklären soll, fängt er mit einem Sack Reis an. "Bildlich gesprochen muss ich wissen, wann er umfällt, wohin er fällt und mit welcher Geschwindigkeit."

Thomas S., 58, ist Finanzanalyst mit eigener Firma. Seit 30 Jahren berät er Anleger: Welche Aktien sollen sie kaufen, verkaufen, halten? Seine Empfehlung hängt von vielen Faktoren ab. Was treiben die Zentralbanken? Wie wirkt sich der angehobene Leitzins der US-Notenbank auf den Dax aus - und vor allem auf die Aktien der 15 Firmen, die er beobachtet? Dafür wertet er Medienberichte, Bilanzen, Statistiken und viele Excel-Tabellen aus.

Sein Arbeitstag beginnt kurz nach halb sieben. Thomas S. hört die Nachrichten im Radio, checkt sein Postfach und die News im Internet, dann setzt er sich an den "Tagesbefehl", eine E-Mail im knappen Telegraphenstil. Darin fasst er die jüngsten Entwicklungen zusammen und wagt eine erste Tagesprognose. Um Punkt 8.30 Uhr landet die Mail in den Postfächern seiner Kunden: Banken, Fonds, Versicherungen.

Das liest sich dann so: "Die XY-AG ist zurück auf dem Wachstumskurs - und will diesen künftig noch beschleunigen. Das war die Botschaft unseres Unternehmensbesuchs in XY-Stadt. Somit könnte nach dem 'Ausrutscher' im Vorjahr die Rückkehr auf den Wachstumspfad 2015ff. mit einem neuerlichen Rekord gelingen."

Computer rechnen besser und schneller als Menschen

Gut geht das nicht immer: Analysten versprechen oft viel und halten wenig. Anfang des neuen Jahrtausends heizten viele die Blase um die New Economy weiter an, bis sie mit großem Knall platzte. Und auch 2008 gaben sie Prognosen, die sich kurz darauf als völlig falsch erwiesen. So empfahl US-Analyst Patrick Pinschmidt Aktien der Lehman Brothers noch knapp drei Wochen vor deren Pleite.

"Ich irre jeden Tag", fasst Thomas S. das Dilemma seines Berufs zusammen: aus wenigen Puzzlestücken ein ganzes Bild zusammensetzen. Entscheidend sei dabei der Blick hinter die Kulissen der Firmen, sagt er: "Man muss die handelnden Personen kennen." Die meisten Analysten arbeiten daher in Frankfurt am Main, wo sie beim Mittagessen Kontakte pflegen und Informationen tauschen können.

Als Thomas S. den Job in den Achtzigerjahren anfing, nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Politik, seien Informationen Mangelware gewesen. "Da hat ein Unternehmen zweimal im Jahr eine Pressekonferenz gegeben und dabei nichts preisgegeben. Das ist heute völlig anders." Gerade junge Kollegen seien mittlerweile von der Flut an Informationen überfordert.

Etwa 800 Aktienanalysten gab es noch vor zehn Jahren in Deutschland, schätzt die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA). Mittlerweile seien es nur noch 200. "Die Kunden zahlen immer weniger für rein mathematische Analysen", sagt DVFA-Chef Ralf Frank. Computer rechnen besser und schneller als jeder Mensch - und die Finanzkrise hat die Branche entzaubert.

Frank sagt: "Natürlich gibt es immer noch Analysten, die sich in ihrem stillen Kämmerlein nur mit Zahlen und Formeln beschäftigen. Aber gute Analysten haben nicht nur ein Händchen für Mathematik, sondern auch ein Gefühl für Menschen."

Der typische Weg in den Beruf ist eine Bankenlehre. Viele satteln ein Wirtschaftsstudium mit Schwerpunkt Finanzen obendrauf. Praktika bei Investmentbanken, Wirtschaftsprüfern oder Unternehmensberatungen runden den Lebenslauf ab, auch ein Trainee-Programm bei einer großen Bank macht sich gut. Berufsanfänger steigen in der Regel ab 75.000 Euro im Jahr ein, nach zehn Jahren können sie schon mal viermal so viel verdienen.

Die Berufsbezeichnung Finanzanalyst ist nicht geschützt, Anlagetipps darf jeder geben. Zum 1. Januar will der Berufsverband DVFA für seine Mitglieder ein Programm starten, mit dem sie ihre berufliche Weiterentwicklung dokumentieren können, indem sie Punkte für Fortbildungen sammeln - die sie auch beim Verband absolvieren können. Das Programm soll eine Art Gütesiegel für die Branche werden.

Foto: Yves Noddings

Max Vogelmann (Jahrgang 1982) ist freier Journalist für Wirtschaft und Gesellschaft und lebt in Berlin.

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