Firmenjets Die Welt der wahren First Class

Corbis

Von Klaus Boldt und Dietmar Palan

2. Teil: Diskret verschweigen oder prahlen: Herumreisen mit dem Privatjet ist ein Privileg


Das Herumreisen mit dem Privatjet wird wegen eben dieser Privilegien von jenen, die es praktizieren, entweder verschwiegen, weil es als Ausdruck von Renommiersucht und Geltungsdrang, ja der Maßlosigkeit selbst gilt, oder aber in prahlerischer Manier an die große Glocke gehängt, und zwar aus eben denselben Gründen. Weder das eine noch das andere aber kann den Anbietern recht sein. Sie streben nichts so sehr an wie eine Etablierung als ebenso seriöse wie praktische Alternative zur ersten Klasse der Fluglinien.

Wohl am nächsten ist diesem Ziel bislang der globale Marktführer NetJets gekommen, nach eigenen Angaben dreimal so groß wie seine vier Verfolger zusammen. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Columbus/Ohio verfügt über rund 800 Flugzeuge, von der eleganten Gulfstream 450 bis zur Citation X, dem schnellsten Geschäftsflugzeug der Welt.

Gewiss, die Herausforderungen, vor denen auch NetJets steht, sind groß: Die Flotte wird nicht jünger, die Übernahme des Rivalen Marquis Jet im November 2010 war teuer, der Markt schrumpft zurzeit, und der Wettbewerb ist rau. Doch der Klassenbeste besitzt den Vorteil, dass es in Amerika und Europa praktisch keinen Flugplatz gibt, der von ihm nicht angeflogen werden könnte. Allein 150 Flieger betreibt NetJets in Europa, wo die Firma seit 1996 eine Niederlassung in Lissabon unterhält.

NetJets: Rund hundert Stammkunden in Europa

Rund hundert Stammkunden zählt die Firma in Europa, unter ihnen angeblich ein halbes Dutzend Dax-Konzerne. Nur jeder fünfte Kunde, heißt es, sei ein Privatmann.

Doch der schillernden Kundenliste zum Trotz sind die Amerikaner in Deutschland längst nicht da, wo sie gern wären. Was einerseits mit dem aggressiven Ruf des Verkaufspersonals zu tun hat. Und andererseits an der merkwürdigen Gewohnheit liegt, bereits bezahlte und noch nicht genutzte Flugstunden am Jahresende entweder verfallen zu lassen oder erst nach langatmigen Verhandlungen auf den Folgekontrakt zu überschreiben.

Die Frage ist, wie lange sich NetJets sein starrköpfiges Geschäftsgebaren erlauben kann. Von konjunkturellen Turbulenzen abgesehen, sorgen mittlerweile auch Vermittler wie Aviation Broker in Frankfurt oder Air Partner in London für erhöhte Transparenz auf dem Markt und nur widerwillig steigende Preise.

Tatsächlich liegt das Preisniveau heute um 20 bis 30 Prozent unter dem des Jahres 2007. Viele Vermieter, die überleben wollen, sehen sich gezwungen, nach Passagieren unterhalb des Jetsets Ausschau zu halten und Preise anzubieten, die teilweise mit denen der Business-Class konkurrieren können.

DC Aviation - das deutsche Gegenmodell zu NetJets

Die Alternative ist: sich als Mercedes der Privatfliegerei zu positionieren. Das deutsche Gegenmodell zu NetJets heißt nicht umsonst DC Aviation und sitzt direkt am Vorfeld des Stuttgarter Flughafens. 30 Maschinen, 110 Piloten, 80 Techniker, 5000 Quadratmeter Hangar und 100 Millionen Euro Umsatz. Einst als Airline des Daimler-Chrysler-Konzerns gegründet, gehört sie seit dem Auseinanderbrechen des Verbundes dem Milliardär und Klinikgründer Lutz Helmig, 66.

Die Tür zum Großraumbüro der Flugplaner fungiert als Trophäenhort. Dort hängen die Bilder von Unternehmern und Managern neben den Fotos von Rockstars wie Tina Turner, Paul McCartney, Bruce Springsteen und Schauspielern wie Pierce Brosnan.

Geld verdient der einstige Werksflugbetrieb heute nach einem einfachen Prinzip: Er betreibt die Flugzeuge großer Konzerne und reicher Familien, stellt Piloten und Flugbegleiter, plant die Flüge, übernimmt die Wartung und verchartert das Fluggerät, wenn die Eigentümer nicht gerade selbst in der Luft sind.

Es ist eine anspruchvolle Klientel. In den Regallagern des Hangars liegen Ersatzteile im Wert von sieben Millionen Euro griffbereit. 16 Leute kümmern sich rund um die Uhr um Flugpläne, Überflugsrechte und Landegenehmigungen. Das persönliche Inventar der Kunden wie Geschirr, Besteck und Bettwäsche wird nach jedem Flug aus der Maschine geräumt und liegt bis zum nächsten Mal fein säuberlich in schweren Rollschränken verstaut. Und für jeden Stammgast gibt es lange Listen mit den persönlichen Vorlieben in Sachen Mahlzeiten, Getränke und Filmprogramm.

Eine Stunde Flugzeit kostet 12.500 Euro - ohne Nebenkosten

Prunkstück der DCA-Flotte ist ein Airbus A319. Der russische Oligarch, dem die Maschine gehört, hat sie auf Präsidialniveau aufgerüstet. Großzügiger Konferenzraum mit zwei riesigen Flachbildschirmen, eine abgetrennte Schlafkabine mit zwei großzügig dimensionierten Betten und separater Duschkabine. Im Heckteil noch einmal 15 Business-Class-Sitze für Personenschützer, Sekretäre oder anderes Hilfspersonal.

Statt der bis zu 145 Passagiere, die sich sonst in einen A319 quetschen, ist der Riese für lediglich 19 Fluggäste zugelassen. Erst kürzlich reiste ein nordeuropäischer Regierungschef samt Entourage mit der Maschine nach Namibia und Südafrika. Der Grundpreis für eine Stunde Flugzeit liegt bei 12.500 Euro, ohne Crew und Nebenkosten.

Trotzdem bleibt es ein mühseliges Geschäft. Seit zwei Jahren ist DCA schwarz, die Renditen sind gerade mal einstellig.

Immerhin ist das mehr, als die Lufthansa mit ihrem Ableger Private Jet jemals hinbekommen hat. Die 2005 mit großem Aplomb gestartete Tochter türmte hohe Verluste auf, wurde zwischenzeitlich in die Schweiz ausgelagert und ist heute nur noch ein Schatten ihrer einstmals hohen Ansprüche. Die Flugzeuge wurden verkauft und der Service komplett an NetJets ausgelagert.

Welche Top-Manager aus dem Dax* mit Businessfliegern unterwegs sind

Unternehmen Eigene Jets Chartermaschinen Flugberechtigte
Adidas nein ja, u. a. NetJets Vorstand und ausgewählte Athleten
Allianz ein Jet (sieben Sitze, zwei Triebwerke) nein vor allem Mitglieder des Vorstands
BASF zwei Falcon 2000EX EASy k. A. Vorstand
Bayer zwei Jets in den USA nein US-Topmanagement
BMW zwei Gulfstream G550, eine Falcon 2000EX EASy k. A. Vorstand
Daimler nein vor allem DC Aviaton Vorstand und globales Topmanagement
Deutsche Bank nein ja, u. a. NetJets Vorstand, vor allem Josef Ackermann
Deutsche Post nein ja Vorstand
Deutsche Telekom ein Jet in Ausnahmefällen Vorstand
Eon eine Challenger k. A. Vorstand
HeidelbergCement eine Citation Sovereign nein Vorstand
Linde nein ja Vorstand und Topmanagement
Merck nein ja Mitglieder der Geschäftsleitung
Metro nein ja, Vibro Air Vorstand
Münchener Rück nein ja Vorstand und Topmanagement
RWE nein ja Vorstand
SAP** ein Lear Jet 45XR, zwei Challenger 300 nein Vorstand, Mitarbeiter mit Vorstandsgenehmigung
Siemens zwei Maschinen k. A. Vorstand und Topmanagement
ThyssenKrupp Falcon 2000 EXy k. A. Vorstand
Volkswagen ein Airbus A319, eine Falcon 900B, drei Falcon 900EX, zwei Falcon 2000, eine Falcon 7X in Ausnahmefällen Vorstand und Topmanagement

* Unternehmen, die entweder eigene Jets haben oder Charterdienste nutzen
** davon eine Maschine ständig in den USA

Quelle: Unternehmensangaben, eigene Recherche

  • Klaus Boldt und Dietmar Palan sind Redakteure beim manager magazin.

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Seite 1
Spiegelwahr 07.05.2012
1. Solange als Kosten absetzbar
Solange Manager diese Protzerei als Geschäftskosten absetzen können und damit die Allgemeinheit ein Teil der Kosten trägt (größer als ein Hartz4 Satz) wird es diese Fliegerei geben. Beendet das Steuerprivileg und die Manager werden wieder Linie fliegen und nicht diese unverschämten Kosten produzieren für ihr privates Ego. Schließlich kann man die Kosten für eine Yacht auch nicht bei der Steuer absetzen.
auweia 07.05.2012
2. Wenn..
Zitat von sysopCorbisDer Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,828232,00.html
..ich die Möglichkeit hätte würde ich NUR so fliegen. Die Umweltaspekte, dieser Art zu reisen mal ausgeblendet - Die im Artikel zitierten Erniedrigungen im Sicherheitsbereich, das würdelose Gerangel um einen ordentlichen Sitzplatz (Easyjet), die standardisierte, nicht sehr wohlschmeckende und meistens zu kalte Bordverpflegung in der Economy-Klasse, die engen Sitzabstände, die Einschränkungen von Rechner und Telefon, die unbequemen Abflugszeiten, das gestresste Airlinepersonal, die optischen, akustischen und olfaktorischen Zumutungen durch die lieben Mitreisenden....Ich kann Tyler Brulé gut verstehen, Fliegen hat keinen Glamour mehr. Es sollte in Zukunft einer finanziell gut ausgestattenen Elite vorbehalten bleiben, dann wären auch die Ökos zufrieden. Oh HErr, meinen Lottogewinn gib mir heute ;-)
auweia 07.05.2012
3. Wenn...
Zitat von sysopCorbisDer Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,828232,00.html
..ich die Möglichkeit hätte würde ich NUR so fliegen. Die Umweltaspekte, dieser Art zu reisen mal ausgeblendet - Die im Artikel zitierten Erniedrigungen im Sicherheitsbereich, das würdelose Gerangel um einen ordentlichen Sitzplatz (Easyjet), die standardisierte, nicht sehr wohlschmeckende und meistens zu kalte Bordverpflegung in der Economy-Klasse, die engen Sitzabstände, die Einschränkungen von Rechner und Telefon, die unbequemen Abflugszeiten, das gestresste Airlinepersonal, die optischen, akustischen und olfaktorischen Zumutungen durch die lieben Mitreisenden....Ich kann Tyler Brulé gut verstehen, Fliegen hat keinen Glamour mehr. Es sollte in Zukunft einer finanziell gut ausgestattenen Elite vorbehalten bleiben, dann wären auch die Ökos zufrieden. Oh HErr, meinen Lottogewinn gib mir heute ;-)
unangepasst 07.05.2012
4. Wo keine Kontrollen....
Zitat von sysopCorbisDer Firmenjet oder die NetJets-Kundenkarte gilt als ultimativer Statusbeweis. Für wen lohnt sich der Abflug in höhere Sphären, welche Top-Manager sind mit Falcon und Gulfstream unterwegs? Wer am Boden bescheiden tut, lässt es in der Luft oft kräftig krachen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,828232,00.html
...liessen sich doch, ohne daß der Manager was merkt, von und durch wen auch immer, Sprengsätze ins Handgepäck schummeln. Die (Sprengsätze) wiederum könnte man doch sicher gut mittels Fernbedienung über Atomkraftwerken zünden. Unfassbar, wie gefährlich diese sogenannte Eliten auch in diesem Bereich für die Allgemeinheit sind.
friedrich1954 07.05.2012
5. Egelsbach schliessen
Wenn ich die Stundensätze dieser Fluggesellschaften mir ansehe,dann frag ich mich,warum sie nicht auch den Frankfurter Flughafen benutzen, statt nach Egelsbach auszuweichen und in 150-350 m über unsere Köpfe hinwegdonnern,um zu diesen Todesflughafen zu gelangen, der nur auf Sicht angeflogen wird.Den Frankfurter Tower in Anspruch zu nehmen kostet nämlich Geld. Weil wir durch diese Privatjets einen Fluglärm wie an einem Bombodrom haben, sehe ich nicht ein, dass sich einigenauf kosten unserer Gesundheit bereichern. Das Ego einiger Konzernlenker hat zudem sehr groteske Züge.Ihre Mitmenschen sind denen völlig egal.
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