In Kooperation mit

Job & Karriere

Schöne neue Jobwelt Mit der Freiheit kommen die Überstunden

Job-Sharing, Home Office, Gleitzeit: Unternehmen locken Mitarbeiter mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Das klingt entspannt, führt aber oft zu noch mehr Druck mit überlangen Tagen - zu Stress durch (Selbst-)Ausbeutung.
Home Office: Kein Modell für alle

Home Office: Kein Modell für alle

Foto: Corbis

Morgens in aller Ruhe aufstehen, gemütlich frühstücken und dann von der heimischen Küche aus ins Meeting schlendern - ins Arbeitszimmer nebenan. Skype macht's möglich. Wie, wann und wo gearbeitet wird, das entscheiden in Zukunft nicht mehr die Arbeitgeber, sondern die Arbeitnehmer.

Ist das wirklich so?

Ja, sagen Forscher der Uni Bamberg. Sie starteten eine Umfrage unter den tausend größten deutschen Unternehmen. Frage: Wie wollen sie künftig gutes Personal finden und an ihre Unternehmen binden? Antwort der Personaler: mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Neben dem Home Office steht Weiterbildung ganz hoch oben.

Teilzeit, Gleitzeit, Sabbaticals: Bei Microsoft nutzen inzwischen mehr als 90 Prozent der 3000 Mitarbeiter räumlich oder zeitlich flexible Arbeitszeitmodelle. Der Technikkonzern Bosch vermarktete im vergangenen Jahr medienwirksam eine Betriebsvereinbarung: Das Unternehmen will mobiles Arbeiten fördern, außerdem Familienzeiten gewähren, wenn ein Kind krank ist oder Eltern pflegebedürftig sind.

Mit einer guten Work-Life-Balance wirbt auch der Autobauer Daimler. Er will seine Mitarbeiter fragen, was sich in den Produktionsabläufen ändern muss, damit sie künftig Beruf und Arbeitsleben besser miteinander vereinbaren können.

Das Home Office hat viele Nachteile

Job-Sharing, Weiterbildung, Weltreisen - die Arbeitswelt verändert sich. Doch wird sie wirklich besser und schöner sein, wenn es keine Kernarbeitszeiten mehr gibt, alle Stempeluhren abgeschraubt sind, weil die Mitarbeiter arbeiten, wie sie wollen? Werden sie dann abends, am Wochenende, an Feiertagen arbeiten, non-stop, wenn nötig unkontrolliert mit vielen Überstunden?

Das Home-Office-Projekt ist eigentlich schon lange gescheitert: Als vor 15 Jahren die Telearbeit modern wurde, glaubte man, das sei die ideale Lösung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Doch seit 2008 sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, die von zu Hause aus arbeiten, ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Fehlender Kontakt zu den Kollegen, Motivationsprobleme oder Chefs, die sie bei der Verteilung von Aufgaben vergessen - es gibt viele Schattenseiten des Arbeitens von zu Hause aus. Für Yvonne Lott, Arbeitsmarktforscherin bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sind die neuen Arbeitszeitmodelle kein Fort-, sondern eher ein Rückschritt: "Es kommt häufig zu Arbeitsintensivierung und Überstunden." Menschen, die sich stark mit ihrem Job identifizieren, seien besonders gefährdet.

"Virtuelles Arbeiten wird nicht in die Wiege gelegt. Das muss man lernen", räumt Microsoft-Personalchefin Elke Frank ein. Von Kontrolle will sie nichts wissen, hält aber einen engen Kontakt zu den Kollegen für wichtig: Es müsse klare Zielvereinbarungen und klare Regeln geben, außerdem feste Zeiten, in denen sich Team und Vorgesetzte regelmäßig treffen.

"Mutig sein und offline gehen"

Das ist auch ein Ergebnis der Bamberger Studie: Die Forscher bewerteten eine ständige Abwesenheit als Karriererisiko.

"Es gibt bei mir keinen Preis dafür, wer am schnellsten auf eine E-Mail antwortet", sagt Personalchefin Frank. Auch die Führungskräfte müssten neue Verantwortlichkeiten lernen: "Wenn mir ein Kollege immer um 23 Uhr eine E-Mail schreibt, muss ich fragen: Warum? Die Mitarbeiter müssen auch mal mutig sein und offline gehen."

Auf Selbstmanagement setzen auch die Personaler bei Bosch. "Ziehen Sie klare Grenzen der Erreichbarkeit", heißt es in den Handlungsempfehlungen für die Mitarbeiter. Jeder solle seinen eigenen Arbeitsrhythmus finden: "Nutzen Sie die Flexibilität der Arbeitszeit und finden Sie heraus, zu welcher Tageszeit Sie am produktivsten arbeiten können."

Und sogar eine Warnung enthalten die Empfehlungen: Nicht jeder eigne sich für flexibles Arbeiten - "seien Sie ehrlich zu sich selbst". Flexibles Arbeiten sei keine Pflicht, sondern ein Angebot, sagt ein Unternehmenssprecher. Beutet sich der Mitarbeiter zu sehr aus, soll der Vorgesetzte die Reißleine ziehen.


Sechs Tipps für konzentriertes Arbeiten daheim

dpa/sid
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.