Bericht eines Flixbus-Fahrers "Am Ende musste die Polizei kommen"

Auf deutschen Autobahnen hat er schon viel gesehen: Fahrgäste, die sich nicht benehmen können - und Männer ohne Pässe im Gepäckraum. Ein Flixbus-Fahrer erzählt von seinem Job.

Mihajlo Maricic/ EyeEm/ Getty Images

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Auf verstopften Autobahnen unterwegs sein und ständig Fahrgäste, die sich nicht benehmen können: Für viele Menschen ist mein Job der Horror. Ich dagegen bin auch mit über 70 Jahren noch Flixbus-Fahrer - und habe Spaß daran.

Allerdings muss ich auch nicht mehr in Vollzeit arbeiten. Zwei Tage die Woche fahre ich mit einem der grünen Busse aus einer westdeutschen Großstadt nach Rostock. Dort übernachten wir dann in einem Hotel und fahren am nächsten Tag wieder zurück. Ich fahre nur, weil ich nicht die ganze Zeit zu Hause sitzen will. Auf das Geld bin ich nicht mehr angewiesen.

Ich bin gelernter Flugzeugtechniker und war lange beim Militär. Da habe ich auch den Busführerschein gemacht. Als andere an den Ruhestand dachten, habe ich angefangen, Busreisegruppen durch Europa zu fahren, vom Nordkap bis nach Südspanien. Meine Frau war als Reiseleiterin mit dabei. Das war toll, aber auch anstrengend. Wir waren häufig wochenlang unterwegs, dann ein Wochenende zu Hause und dann wieder auf Achse. Irgendwann wurde mir das zu anstrengend - das Busfahren wollte ich aber nicht aufgeben.

Zeitverlust, aber kein Druck

Langweilig wird es mir auch auf der festen Linie nicht, obwohl ich meine Strecke schon gut kenne. Staus erlebe ich auf meiner Route eher selten, einzig in den Städten geht es langsamer voran. Wir machen Halt in Bremen und Hamburg, da verliert man immer Zeit. Unter Druck setzt mich das aber nicht mehr. Die Flixbus-Zentrale weiß ohnehin immer, wo wir gerade stecken, die koordinieren alles und informieren die zusteigenden Passagiere.

Die bleiben auch bei längeren Verspätungen meist gelassen. Was ich trotzdem oft beobachte: Leute, die verreisen, sind grundsätzlich etwas nervös. Wenn sie dann noch mit dem Handy beschäftigt sind, vergessen sie auch mal ihre Sachen beim Aussteigen. Ich habe schon Leute erlebt, die bei Regen ohne Jacke ausgestiegen sind, oder solche, die so abgelenkt waren, dass sie ihre Koffer im Laderaum vergessen haben.

Viele grüßen und verabschieden sich auch nicht mehr beim Ein- und Aussteigen. Ein bisschen kann ich das verstehen: Für viele Menschen ist es ganz selbstverständlich geworden, mit dem Bus von A nach B zu kommen.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Hin und wieder gibt es auch Passagiere, die ihren Ausstieg verpassen. Schon wieder auf der Autobahn, kommen sie dann nach vorne und fragen: War das schon Hamburg? Ich kann dann nichts machen, die Leute müssen bis zum nächsten Halt mitfahren. Einmal war ein Passagier wohl eine halbe Stunde auf der Bordtoilette. Als wir in Rostock schon auf dem Weg zu unserem Hotel waren, kam er dann nach vorn. Auch für ihn sind wir nicht noch mal umgedreht.

Männer ohne Pässe im Gepäckraum

Als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, habe ich auch krasse Sachen erlebt. Da war eine ausländische Gruppe, die von Berlin nach Amsterdam wollte. Beim Einsteigen stellte sich heraus, dass drei Männer keine Pässe dabeihatten. Die konnte ich nicht mitnehmen, auch wenn sie ihre Tickets schon gekauft hatten.

Ich habe dann erst mal weitere Leute einsteigen lassen und wollte vor dem Fahren die Gepäckklappen schließen. Da habe ich gesehen, dass die drei abgewiesenen Männer sich zwischen den Koffern im Laderaum versteckt hatten. Ich habe sie rausgeholt. Vermutlich wussten sie gar nicht, wie gefährlich das ist auf so einer langen Reise.

Ein anderes Mal kam eine Frau während der Fahrt mehrmals zu mir. Sie sagte, dass ihr Sitznachbar sie belästige und schon übergriffig geworden sei. Ich habe dann auf einem Rasthof gehalten und den Herrn zur Rede gestellt. Er war etwas benebelt und wurde aggressiv. Ich untersagte ihm die Weiterfahrt, am Ende musste die Polizei kommen. Solche Fälle sind aber die Ausnahme.

Natürlich bekomme ich mit, dass es auch immer wieder Unfälle mit Flixbussen gibt. Ich glaube aber nicht, dass bei uns mehr passiert als bei anderen. Es gibt Hunderte Flixbusse, natürlich passieren da Unfälle. Aber weil jeder die grünen Busse kennt, wirkt es so, als seien wir häufiger betroffen. Übrigens: Flixbus hat keine eigenen Busse, die gehören immer Busunternehmen, die im Auftrag von Flixbus fahren. Auch ich bin bei so einem Unternehmen angestellt.

Meistens verlaufen die Fahrten ruhig, und das ist auch gut so. Nach 4,5 Stunden Fahrtzeit müssen wir eine Dreiviertelstunde Pause machen. Die Kontrollgeräte messen genau, ob wir die Zeiten einhalten. Überschreiten wir sie, blinken die Geräte. Da kann kein Fahrer sagen, er hätte nicht gewusst, dass er nicht mehr fahren darf. Außerdem gibt es Begrenzungen für die maximale Fahrtzeit pro Woche, und alle Fahrten werden auf der Fahrerkarte gespeichert. Dazu kommen regelmäßige medizinische Tests und vorgeschriebene Schulungen, wo die Regeln noch mal abgefragt werden.

Ein Ständchen zum Dank

Ob andere Unternehmen auch so konsequent sind, weiß ich nicht, aber das sind die Vorschriften. Viele Fahrer kommen aus Osteuropa, da sind die Löhne nicht so hoch. Aber auch in Deutschland, wo mehr gezahlt wird, werden Fahrer gesucht. Ich habe den Eindruck, dass kaum noch jemand Busfahrer werden will, weil es ein simpler Beruf ist. Ich schätze, wer für ein deutsches Unternehmen in Vollzeit fährt, kann etwa 2500 Euro netto verdienen. Aber wer Abitur hat, will studieren und Karriere machen und nicht hinterm Steuer sitzen, denke ich.

Einmal hatte ich eine kleine Gruppe im Bus, die haben mir zum Dank für die Fahrt ein Ständchen gesungen. Dass ich meinen Job wohl sonst auch ganz gut mache, bekomme ich anonym mitgeteilt. Flixbus leitet die Bewertungen von Fahrgästen an mich weiter - und die sind meist sehr positiv.

Unter den Fahrern gibt es weniger Austausch, auch nicht in den Pausen oder an den Busbahnhöfen. Ein Gesetz gibt es jedoch: Wenn wir uns auf der Straße begegnen, grüßen wir uns."

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
mindmonkey 29.07.2019
1. klingt ja fast wie ein advertorial...
Leider scheint dieser Fahrer eine Ausnahme zu sein. Die meisten Fahrer die ich bisher traf sind schlecht gelaunt und sprechen oft kein oder sehr schlechtes Deutsch. Zwar hatte ich auch schon nette Fahrer. Aber leider war es die absolute Ausnahme.
toll_er 29.07.2019
2. Danke nein.
Über70... ein Grund mehr, sich nicht in so einen Bus zu setzen und schön auf die Grünen Busse zu achten ...
booox 29.07.2019
3.
Zitat von toll_erÜber70... ein Grund mehr, sich nicht in so einen Bus zu setzen und schön auf die Grünen Busse zu achten ...
Na, da fahre ich doch lieber mit einem erfahrenen 70jährigen mit als mit einem 26jährigen, der sich dauernd überschätzt! Übrigens habe ich auch meist gute Erfahrungen gemacht, und bequemer als im Zug sitzt man im Flixbus allemal. Nur die Musik, mit denen manche einen lautstark quälen, die muß ich manchmal mit Oropax aussperren.
wauz 29.07.2019
4. Der größte Ausbilder
Früher (tm) waren die größten deutschen Ausbilder für Lkw und Bus Bundeswehr, NVA und GST. Seitdem jeder seinen Führerschein selbst zahlen muss, ist die Begeisterung, einen zu machen, etwas gesunken...
karend 29.07.2019
5. .
Zitat von boooxNa, da fahre ich doch lieber mit einem erfahrenen 70jährigen mit als mit einem 26jährigen, der sich dauernd überschätzt! Übrigens habe ich auch meist gute Erfahrungen gemacht, und bequemer als im Zug sitzt man im Flixbus allemal. Nur die Musik, mit denen manche einen lautstark quälen, die muß ich manchmal mit Oropax aussperren.
"Nur die Musik, mit denen manche einen lautstark quälen, die muß ich manchmal mit Oropax aussperren." Das egoistische Verhalten so mancher Zeitgenossen mit ihrer penetranten Beschallung aller Mitfahrenden nervt mich schon auf kurzen U-Bahnstrecken.
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