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Flüchtlinge auf Jobsuche "Die meisten wollen sofort arbeiten"

In seiner Heimat hatte er eine eigene Praxis, in Deutschland hofft er seit 18 Monaten auf einen Job. Kieferorthopäde Abdelfattah Bostani ist aus Syrien geflohen - und kämpft in Hamburg mit Bürokratie und Vokabeln.

Er hat schon in Syrien Deutsch gelernt, er ist hoch qualifiziert, und er will Steuern zahlen. Wenn es so etwas wie den perfekten Asylbewerber gäbe, sähe er wohl aus wie Abdelfattah Bostani, 43, Kieferorthopäde aus dem syrischen Aleppo. Bei der Hamburger Agentur für Arbeit ist man sich trotzdem nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, ihn zur Pressekonferenz eingeladen zu haben.

Bostani war einer der ersten Teilnehmer eines Modellprojekts, das Asylbewerber schneller in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren soll. 14 Monate nach der Vorstellung hat er noch immer keinen Job. Alle 127 Flüchtlinge, die in Hamburg an dem "Early Intervention"-Programm teilgenommen haben, sind noch auf der Suche.

"Das klingt vielleicht ernüchternd, aber für die Menschen geht es erst einmal darum, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen und Deutsch zu lernen. Und das dauert", sagt Mir Ghaffari, die das Projekt betreut. Seit Februar 2014 hat sie Beratungsgespräche mit 440 Flüchtlingen geführt.

Flüchtlingsberaterin Mir Ghaffari: Es kommen nicht nur Fachkräfte

Flüchtlingsberaterin Mir Ghaffari: Es kommen nicht nur Fachkräfte

Foto: Agentur für Arbeit Hamburg

"Die meisten waren hoch motiviert und wollten sofort arbeiten", sagt sie. Doch fast jeden Dritten habe sie direkt wegschicken müssen: Menschen, die in ihrer Heimat nur drei Jahre zur Schule gegangen sind, dann als Hirte oder Schuhputzer gearbeitet haben. "In den Medien wird gern das Bild der hoch qualifizierten Fachkräfte gezeichnet, die hier sofort mit der Arbeit anfangen können. Leider stimmt das so nicht", sagt Ghaffari.

In das "Early Intervention"-Programm werden nur Asylbewerber aufgenommen, die aller Voraussicht nach in Deutschland bleiben dürfen und die einen sogenannten vermittelbaren Beruf haben, etwa Buchhalter, Ingenieur, Mechatroniker oder Arzt. Für die Programmteilnehmer gibt es eigene Sprachkurse, zudem werden sie bei der Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse unterstützt. Aber wenn selbst jemand wie Bostani 18 Monate nach seiner Ankunft in Deutschland noch immer keinen Job hat - ist das Programm damit nicht gescheitert?

Nein, findet Ghaffari. Ziel sei es, Asylbewerber frühzeitig über den deutschen Arbeitsmarkt aufzuklären, damit sie wissen, was auf sie zukommt, auf welchen Gebieten sie sich weiterbilden müssen. "Das Programm ist schon allein deshalb ein Schritt in die richtige Richtung."

Seit 2012 haben Menschen mit einem ausländischen Berufsabschluss einen Rechtsanspruch darauf, dass innerhalb von drei Monaten überprüft wird, ob ihre Qualifikation mit einer in Deutschland erworbenen gleichwertig ist. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) lobt das Gesetz als Erfolgsmodell. Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber: Bisher hat es nur wenigen Flüchtlingen geholfen.

2014 wurden mehr als 13.200 ausländische Berufsabschlüsse anerkannt, darunter jedoch nur 501 syrische, 60 irakische und 30 afghanische. Mehr als die Hälfte der Verfahren bezog sich auf Abschlüsse, die in EU-Staaten abgelegt wurden. Für das laufende Jahr liegen noch keine Zahlen vor. Trotz der wenigen anerkannten Berufsabschlüsse aus den drei Kriegsländern gilt: Haben syrische, irakische oder afghanische Flüchtlinge erst einmal einen Antrag gestellt, stehen ihre Chancen gut. 96 Prozent aller syrischen Abschlüsse, die 2014 zur Prüfung standen, wurden anerkannt.

Auch Bostani hat mittlerweile die Erlaubnis, in Deutschland als Kieferorthopäde zu arbeiten. Aber er vertraut seinen Deutschkenntnissen noch nicht. Obwohl er die Sprache schon in seiner Heimat gelernt hat und vor 15 Jahren in Berlin bei einem Deutschkurs war, glaubt er nicht, einem Patientengespräch gewachsen zu sein.

Vier Wochen lang hat er einem Hamburger Kollegen assistiert, als Praktikant. Alle seien sehr nett zu ihm gewesen, sagt er. "Es hat Spaß gemacht." Aber am Ende seien sich alle einig gewesen, dass er einen weiteren Sprachkurs brauche: Deutsch für Zahnmediziner.

Bostani googelte, fand aber nur in Berlin einen passenden Kurs - zu weit weg von seiner neuen Heimat Hamburg. Deshalb nimmt er jetzt hier an einem Sprachkurs für Allgemeinmediziner teil. Drei Monate lang, acht Stunden pro Tag. "Wenn man nur auf Vorschläge vom Jobcenter wartet, wartet man ewig", sagt er. "Man muss schon selbst aktiv werden."

Es ist sein zweiter Deutschkurs seit seiner Flucht. Auf den ersten hatte er neun Monate warten müssen. "Warum musste ich so viel Zeit verlieren?"

Anerkennung von Berufsabschlüssen

Mir Ghaffari vom Arbeitsamt hat Bostani seit der Pressekonferenz nicht mehr gesehen. Kurz danach wurde sein Asylantrag bewilligt - seither ist nicht mehr die Agentur für Arbeit, sondern das Jobcenter für ihn zuständig.

Jobcenter vs. Arbeitsagentur


Mittlerweile hat er auch dort schon den zweiten Vermittler. Er sei sich nicht sicher, ob dieser die Notizen der Vorgänger gelesen habe, sagt Bostani. "Ich glaube, er hat sehr viel zu tun."

Alaa Kheralah: "Dann möchte ich sofort Vollzeit arbeiten"

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Foto: Anjuli Scheurer/ Lusanum Zahntechnik

Der Bund erwartet nach offizieller Prognose bis zum Jahresende insgesamt 800.000 Asylbewerber. Seit Januar haben einem Bericht der "Passauer Neuen Presse" zufolge aber erst 17.401 Flüchtlinge in Deutschland eine Arbeitsgenehmigung erhalten. Einer davon ist Alaa Kheralah, 32, Zahntechniker aus Damaskus.

Seit zwei Monaten arbeitet er halbtags in einem Dentallabor in Ludwigshafen - ganz ohne "Early Intervention"-Programm. Nachmittags besucht er einen Deutschkurs. Mit den Kollegen kann er sich schon gut unterhalten - und anders als Bostani muss er als Zahntechniker auch keine Patientengespräche führen.

Seine syrischen Zeugnisse allein reichten der Handwerkskammer Mannheim nicht aus: Zur Anerkennung seiner Ausbildung musste er fünf Tage in einem Dentallabor arbeiten und dort die deutsche Zahntechnikerprüfung ablegen. Die sei nicht besonders schwer gewesen, aber auch nicht leicht, sagt Kheralah. "Es war normal."

In zwei Monaten endet sein Sprachkurs: "Dann möchte ich sofort Vollzeit arbeiten."

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