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Flugbegleiter in Rage Dann fliegt halt ohne mich weiter!

Einst galten Flugbegleiter als Helden der Lüfte, heute ist ihr Job geprägt von Billigfliegern und Massenabfertigung. Fünf Episoden zeigen, wie drastisch sich ihr angestauter Arbeitsfrust Bahn brechen kann.
Flugbegleiter mit Job-Frust: Wo ist hier der Notausgang?

Flugbegleiter mit Job-Frust: Wo ist hier der Notausgang?

Foto: Corbis

Nur Fliegen ist schöner, sogar schöner als alle anderen Berufe? Ach was. Flugbegleiter zum Beispiel haben's nicht leicht. Vorn sitzt der Kapitän gemütlich im Cockpit und lässt abwechselnd den Co- und den Autopiloten fliegen; hinten müssen Stewards und Stewardessen kindergärtnern und sich, viel schlimmer noch, mit pöbelnden oder angesäuselten Passagieren herumschlagen.

Sie sind sozusagen ganz vorn an der Front der Serviceberufe, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Und reich werden sie damit auch nicht gerade. Wahrscheinlich neigen sie deshalb zur Unzufriedenheit im Job; vielleicht wohnt deshalb auch so viel Aufsässigkeit in Flugbegleitern. Die folgenden Beispiele zeigen, wie heftig sich ihr Job-Frust entladen kann.

  • Rutschpartie: Zwei Bier und ein Sprung aus dem Flieger

Foto: Seth Wenig/ AP

Dieser Mann wurde zum Role Model für frustrierte Flugbegleiter. Steven Slater, 38, erlebte im August 2010 einen besonders üblen Tag. Nach der Landung eines Fluges von Pittsburgh nach New York ignorierte eine Passagierin die Aufforderung, noch angeschnallt zu bleiben. Sie fingerte am Fach mit den Gepäckstücken, eines plumpste Slater auf den Kopf. Es kam zu einem Wortgefecht.

Slater hatte einen Atomhals, per Durchsage an die gesamte Kabine beschwerte er sich unflätig über Passagiere im Allgemeinen und diese Frau im Besonderen. "An alle, die mir in den letzten 20 Jahren Respekt entgegengebracht haben: Danke, es war eine tolle Zeit", rief er übers Bordmikro, "an die Passagierin, die mich 'Motherfucker' genannt hat: Fuck you!" Dann sagte Slater "Das war's", löste die aufblasbare Notrutsche aus, schnappte sich noch Dosenbier vom Getränkewagen und sprang hinaus in die Freiheit.

Prompt wurde Slater gefeiert, beschwärmt als Held und Vorbild für alle, die gern auch einmal so spektakulär ihren Arbeitsplatz verlassen würden. Dafür machte das neue Verb "Slatern" die Runde; 200.000 Fans versammelten sich auf seiner Facebook-Seite; eine Kopie seiner Uniform gab es sogar als Halloween-Kostüm zu kaufen. Die eine Seite ist der plötzliche Ruhm. Andererseits schilderten Passagiere sein Verhalten als wenig heldenhaft: Unhöflich bis grob habe er sich schon auf dem Flug benommen und den Streit mit der Gepäckfach-Frau selbst angezettelt.

Die Sache hatte ein Nachspiel. So eine Notrutsche ist nicht nur teuer, sie kann beim Herabfallen auch Menschen verletzen. Darum wurde der wütende Steward noch am selben Tag zu Hause festgenommen und vom Arbeitgeber suspendiert; später kündigte er selbst. Slater musste vor Gericht erscheinen, wegen vorsätzlicher Gefährdung von Passagieren, kriminellen Unfugs und Hausfriedensbruchs. Ihm drohte eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren. Am Ende kam er aber mit einer Geldstrafe davon: 10.000 Dollar muss er an die Fluggesellschaft zahlen und sich außerdem in psychiatrische Behandlung begeben.

  • Satirevideos: Öffentlich das Unternehmen verspottet

YouTube.com/Skysteward

Über den eigenen Arbeitgeber sollte man sich eher nicht lustig machen. Jedenfalls nicht öffentlich. Schon gar nicht mit Filmen auf YouTube und anderen Webseiten, die weltweit jeder sehen kann. Gailen David tat es trotzdem. Und er hatte einen guten Grund: Der langjährige Flugbegleiter bei American Airlines musste wie viele tausend Kollegen zusehen, wie die Fluglinie in die Insolvenz steuerte. Damit setzte sich David in satirischen Videos auseinander.

Als "Aluminium Lady", eine Parodie auf Großbritanniens "Iron Lady" Margaret Thatcher, ist er eine frostige Managerin und schiebt zum Beispiel Plastikflieger über den Schreibtisch, um zu zeigen, wie man Arbeitsplätze einsparen kann - drei Flugbegleiter weniger pro Flugzeug, weg mit den Ruhezonen, und gleich passen mehr Passagiere hinein. Der smarte "Sky Steward" verliest auch einen echten Motivationsbrief des Managements an die Mitarbeiter. Und macht durch Tonfall und Mimik klar, wie lächerlich er den Inhalt findet.

Es ist Frust nach 24 Dienstjahren, es sind auch bittere Kommentare zur Firmenpolitik und zum Umgang mit den Angestellten. Das bereits bankrotte Unternehmen drohte David zunächst mit dem Rausschmiss und setzte ihn Mitte März 2012 dann tatsächlich vor die Tür. Damit hatte der Flugbegleiter ohnehin gerechnet, wegen der Insolvenz und der angekündigten Massenentlassungen. Auch nach seiner Kündigung zeigte er sich "hundertprozentig überzeugt, dass ich das Richtige tue". Ihm gehe es um die "Rücksichtslosigkeit, die American Airlines ans Ende aller Bewertungen zu Service, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit geführt hat".

  • Verwirrt: Stewardess kündigt Flugzeugabsturz an

Für Passagiere, die mit Flugangst ringen, war das gar keine gute Nachricht. Das Flugzeug der American Airlines stand im März 2012 schon startbereit auf dem Flughafen von Dallas, gleich sollte es abheben Richtung Chicago. Da übernahm eine Stewardess das Mikro und hielt eine wirre Rede über die Bordlautsprecher: Die Maschine habe ein technisches Problem, die Fluggesellschaft sei pleite, und an die Anschläge vom 11. September erinnerte sie auch - "hey, Pilot, ich werde für den Absturz nicht die Verantwortung übernehmen".

Kollegen sind die Pest
Foto: Corbis

Dann rief sie noch, das Flugzeug könne nicht starten, weil zu wenig Eis an Bord für die Getränke sei. Derweil rollte es bereits gen Startbahn, bis die Piloten stoppten und umkehrten.

Einige Passagiere reagierten panisch, andere halfen dem Personal dabei, die durchgedrehte Flugbegleiterin zu überwältigen, die um sich schlug und trat. In Handschellen führten Polizisten sie ab. Mit eineinhalb Stunden Verspätung und ausgewechseltem Kabinenpersonal hob das Flugzeug doch noch ab. Großzügig schenkte die neue Crew kostenlose alkoholische Getränke aus. Als man Chicago erreichte, sollen manche Passagiere ungewöhnlich beschwingt gewesen sein.

  • Vibrator im Gepäck: Schreiben Sie jetzt nichts
Sind es denn immer Flugbegleiter, die sich sonderbar verhalten? Manchmal ist es auch das Bodenpersonal. In Newark entdeckte ein Kontrolleur der US-Flughafensicherheit TSA im März 2011 einen Vibrator im Gepäck einer Passagierin. Auf einen Zettel schrieb er mit schwarzer Tinte "Get your freak on girl" (etwa: "Lass es krachen, Mädel").

Pech nur, dass er an eine feministische Bloggerin geraten war. Die New Yorker Rechtsanwältin war auf dem Weg nach Dublin, um dort einen Vortrag über Feminismus, sexuelle Übergriffe und Abtreibung zu halten. Die handschriftliche Bemerkung entdeckte sie im Hotel, veröffentlichte das Foto per Twitter und schrieb dazu: "Habe gerade meinen Koffer ausgepackt und diese TSA-Notiz gefunden. Schätze, sie haben einen 'persönlichen Gegenstand' in meiner Tasche gefunden. Wow!"

Der Arbeitgeber entschuldigte sich sogleich für die "höchst unangemessene und unprofessionelle Notiz", maßregelte den Mitarbeiter disziplinarisch und zog ihn von den Kontrollen ab. Gefeuert wurde er aber nicht.

Darauf hatte es die Rechtsanwältin auch nicht abgesehen. Sie bewies sogar Humor: Natürlich sei der Zettel "total unangebracht", sie fühle sich auch belästigt. Trotzdem habe sie sich im Hotelzimmer "totgelacht". Und das Sexspielzeug dann "offiziell in den Ruhestand versetzt, weil ich keine Ahnung habe, was die TSA-Mitarbeiter damit angestellt haben".

  • Verzwitschert: So flog eine russische Stewardess aus dem Job

Foto: ERIC PIERMONT/ AFP

Es war ein Desaster mit fast 50 Toten, es war auch ein Alptraum für die gesamte russische Luftfahrtindustrie. Im Mai 2012 startete ein Superjet 100, das neue Vorzeigemodell des Herstellers Suchoi, zu einem Demonstrationsflug in Indonesien. Dann verschwand die Maschine vom Radarschirm - sie war an einem Vulkan zerschellt. Niemand an Bord überlebte.

Eine Stewardess der größten russischen Fluggesellschaft Aeroflot inspirierte das zu diesem Twitter-Kommentar:

"Huh? Ist ein Superjet abgestürzt? Hahaha! Dieses Flugzeug ist beschissen, schade, dass es nicht von Aeroflot war, dann wär's eins weniger."

Ihr Arbeitgeber zog sofort Konsequenzen und feuerte die Flugbegleiterin. Andere Twitterer hatten den Kommentar zuvor entdeckt und einen Screenshot an die Fluglinie geschickt. Die zwitschernde Stewardess entfernte zwar ihre Kommentare und löschte all ihre Seiten in sozialen Netzwerken, aber Aeroflot entließ sie umgehend.

Foto: Jeannette Corbeau

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus dem neuen Buch "Kollegen sind die Pest - das Lästerlexikon" . Autor Jochen Leffers (Jahrgang 1965) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und leitet das Ressort KarriereSPIEGEL.