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"Funktionsmaschine" Büro Kalte neue Arbeitswelt

Maximal flexibel sollen Arbeitsplätze heute sein. Doch wie fühlt sich das für die Menschen an? Fotograf Jakob Schnetz war in deutschen Firmenzentralen unterwegs - und hat Bilder der Entfremdung mitgebracht.
Ein Mann auf dem Weg zu einem Büro in der Firmenzentrale von SAP in Walldorf

Ein Mann auf dem Weg zu einem Büro in der Firmenzentrale von SAP in Walldorf

Foto: Jakob Schnetz

Von der Deckenlampe baumeln zwei Luftschlangen, ihre Enden kräuseln sich neben zwei Luftballons auf einer blankgeputzten Tischplatte. Es sind Farbflecken in einem Raum, der steriler kaum aussehen könnte. Im Büro der Firma Connox in Hannover, die online Möbel und Wohnaccessoires verkauft, gilt eine "Clean Desk Policy" - die Mitarbeitenden müssen alle persönlichen Gegenstände abends wegräumen.

Stifte, Familienfotos, Schreibblöcke, nichts soll herumliegen, damit jeder jederzeit überall arbeiten kann. Desk-Sharing, Schreibtischteilen, nennt sich das populäre Konzept dahinter, das Geld einsparen soll, in der Praxis aber viele Menschen überfordert. Fotojournalist Jakob Schnetz hat in seiner Serie "People Place Technology" solche Herausforderungen der neuen Arbeitswelt fotografisch eingefangen:

Fotostrecke

Schöne neue Arbeitswelt

Foto: Jakob Schnetz

"Auch wenn es keine festen Schreibtische mehr gibt, sucht sich doch wieder jeder seinen Lieblingsplatz", hat er beobachtet. Bei Connox habe jeder gewusst, für wen die Deko des sterilen Arbeitsplatzes gedacht war: Die Kollegin, die gewöhnlich dort sitzt, hatte Geburtstag. "Sie hat sich riesig gefreut", sagt Schnetz. "Wahrscheinlich sieht sie den Raum auch ganz anders als ich."

Dass er weder sie noch den Kuchen oder die Geschenke der Kollegen zeigt, sei eine bewusste Entscheidung, um die Sterilität des Ortes zu betonen. Menschen tauchten in seiner Serie "nur isoliert und subjektlos" auf.

Zur Person
Foto: NARINU

Jakob Schnetz wurde 1991 in Freiburg geboren. Er studierte Fotojournalismus in Hannover und Tomsk. In seinen Langzeitprojekten setzt er sich mit gesellschaftlichen Strukturen, Ökonomie und Repräsentation auseinander, so zeigt er beispielsweise die skurrile Parallelwelt von Warenmessen. Zu seinen Kunden gehören unter anderem "Geo", DER SPIEGEL, "Süddeutsche Zeitung Magazin", "Dummy" und "Die Zeit". Schnetz lebt in Münster.

"Alles soll immer flexibler werden, aber der Mensch kommt in der Rechnung kaum vor", sagt Schnetz. Büros in IT- und Dienstleistungsunternehmen seien zu sterilen Funktionsmaschinen geworden. Wenn es dort Pflanzen gebe, dann eingezwängt in Gewächshäuser. Seine Fotoserie versteht er deshalb auch als Kritik an der Entfremdung der kapitalistischen Gesellschaft.

Zehn Unternehmen in ganz Deutschland hat Schnetz für die Serie zwischen Dezember 2018 und Mai 2019 besucht. Acht haben es in die finale Auswahl geschafft, darunter Google, SAP und Unilever, aber auch kleinere wie Connox oder Intertreinment, eine Münchner Firma, die auf Personalauswahlverfahren spezialisiert ist. "Alle waren sehr großzügig und haben mich einen ganzen Tag lang frei fotografieren lassen", sagt Schnetz. Dass vor seiner Ankunft aufgeräumt und teilweise auch extra für den Termin ein Dresscode an die Mitarbeitenden ausgegeben worden war, damit hatte er gerechnet.

"Ich finde gerade dieses Aufeinanderprallen von meiner kritischen Sichtweise und der Selbstinszenierung der Unternehmen interessant", sagt er. "Durch diese Spannung zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung entsteht eine Fiktion mit mehreren Ebenen."

Schnetz geht es nicht darum, die Arbeit in einem bestimmten Konzern zu beleuchten. "Ob ein Unternehmen mehr oder weniger vielfältig ist, als die Fotos suggerieren, weiß ich selbst nicht", sagt er. Seine Serie ist vielmehr als Kommentar zum allgegenwärtigen Schlagwort "New Work" und dem Streben nach einer ständigen Optimierung der Mitarbeiterproduktivität gedacht.

Teilweise bestimmte der Zufall, wer auf seinen Fotos zu sehen ist – er fragte einfach, wer Lust hatte, mitzumachen. In anderen Fällen hatten sich schon im Vorfeld Mitarbeitende freiwillig gemeldet. In vielen Firmen durfte Schnetz auch Räume fotografieren, die zunächst nicht für das Shooting eingeplant worden waren. Manchmal entschied er sich aber auch bewusst dafür, "Inszenierung pur" abzulichten – etwa repräsentative Firmenräume, die beispielsweise für Vertragsunterzeichnungen genutzt werden.

Die Serie ist für Schnetz noch nicht abgeschlossen. Gespannt beobachtet er, wie Corona die Arbeitswelt umkrempelt. Wann und wie er weitermachen will, weiß er noch nicht, aber die Wunschkandidaten für das nächste Shooting stehen schon fest: Er würde gern in den Firmenzentralen von Apple und Amazon fotografieren. "Dort wird die Optimierung der Arbeit auf die Spitze getrieben."

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