Fotografen auf der Berlinale Krieg der Knipser

Wer die Stars der Berlinale fotografieren will, darf nicht zimperlich sein. Manfred Neugebauer fotografiert seit 50 Jahren, Sebastian Gabsch ist 25 Jahre alt. Beide gehören zum Kameratross des Filmfests und sind sich einig: Glamour und Freundlichkeit enden am roten Teppichrand.

Sarah Tschernigow

Von Sarah Tschernigow


Die Fotografen schubsen, drängeln und brüllen: "Look into the camera!", "Turn around, please!", "To the left!". Mitten im Getümmel ist Manfred Neugebauer, 62, die Ruhe selbst. Dabei muss er nicht weniger Material abliefern als die anderen. Im Gegenteil. Er arbeitet für eine der renommiertesten Fotoagenturen Deutschlands. "Wenn man gut vorbereitet ist, ist das überhaupt nicht stressig", sagt er. "Man muss rechtzeitig da sein und zusehen, dass die Technik stimmt, die Linse geputzt ist und die Akkus aufgeladen sind."

Rund 180 Fotografen haben sich für die Berlinale akkreditiert. Neugebauer gehört er zu den Urgesteinen, er nimmt jeden roten Teppich mit. "Die Schauspieler und Schauspielerinnen kennen mich", sagt er. "Wenn sie meine Stimme hören, wissen sie genau, was ich haben will. Ich kriege immer diese Kamerablicke." Mit Schauspielerinnen wie Iris Berben und Christiane Paul duzt er sich.

Sebastian Gabsch, 25, aus Potsdam kann sich mit Kollege Neugebauer noch nicht messen, obwohl auch er schon ganz gut von seiner Arbeit leben kann und kein blutiger Anfänger mehr ist. Aber das Netzwerk fehlt ihm noch, und er kennt nicht alle der für den Abend angekündigten 200 Gäste.

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Stars ohne Grund: "Ich bin die mit den Brüsten"
Die Fotografen bekommen die Liste vorab zugemailt, aber niemand hat sie dabei. "Das ist eine Wunschliste", sagt Gabsch und lacht. "Die Veranstalter locken zum Beispiel damit, dass Til Schweiger kommt. Aber womöglich hatte der gar nicht vor zu kommen und kennt im Zweifel noch nicht einmal den Film." Also lässt er sich lieber davon überraschen, wer über den roten Teppich läuft: "Wenn ich unsicher bin, frage ich den Nachbarn."

Stars auf dem roten Teppich zu fotografieren hat wenig mit Können zu tun, sagen viele Fotografen selbst. Es ist ein Abarbeiten unter Zeitdruck. Die meisten Fotos werden nachher gelöscht. Kein Wunder, dass Außenstehende gerne abfällig von der "Meute" oder den "Knipsern" reden. Und kein Wunder, dass es unter den Kollegen manchmal sogar Handgreiflichkeiten gibt, "weil der eine denkt, dass der andere ihn behindert", sagt Manfred Neugebauer. "Ich finde das nicht gut. Kein Foto ist es wert, sich so zu verhalten."

Ein Foto vom Hinterkopf? Immerhin sieht man die Frisur

Die Fotografen reservieren Stunden vor Beginn der Veranstaltung ihren Platz mit einem Klebeband, auf dem der Name ihrer Agentur steht. Eine typische Schikane: den Namenskleber entfernen. "Total affig", sagt Nachwuchsfotograf Sebastian Gabsch.

Bei der Berlinale gibt es eine Sonderregelung: Alle Fotografen bekommen einen festen Platz mit Nummer zugeteilt. Gabsch hat es schlecht erwischt, er steht weiter hinten. Eine Schwenkkamera wird ihm mehrmals durchs Bild fahren. Trotzdem läuft es gut für ihn. Tilda Swinton erscheint mit auffälliger Lockenfrisur. Da kann Gabsch sogar einem Hinterkopffoto etwas abgewinnen: "Vielleicht druckt das eine Modezeitschrift."

Ein kleines Titelbild bringt circa 100 bis 300 Euro, ein Zeitungsfoto manchmal nur fünf Euro ein. Mit exklusivem Material, das um die Welt geht, hat ein Fotograf über Jahre ausgesorgt (man denke an das erste Foto von Britney Spears mit Glatze). Auf der Berlinale entstehen solche Schüsse aber nicht. Zu vorhersehbar die Ereignisse, zu viel Konkurrenz. Trotzdem wollen alle "das andere Foto" schießen.

Die einen winken, um auf sich aufmerksam zu machen, die anderen kommentieren lautstark die Garderoben der Stars. "Freche Sprüche funktionieren oft gut", sagt Gabsch. "Der Promi dreht sich irritiert um, und in dem Moment drückt der Fotograf ab. Schon hat er ein Foto, das die anderen nicht haben."

Zweitausend Bilder pro Abend

Er selber sagt immer "bitte", und er duzt die Leute nicht. "Wenn die Fotografen auf Aftershow Partys eine Traube um jemanden bilden, warte ich ab. Wenn der Pulk weg ist, gehe ich noch mal hin und frage höflich, ob ich noch ein Bild machen darf." Auch eine Strategie. Aber manchmal hat der Gast dann schon keine Lust mehr und Gabsch kein Foto.

Tilda Swinton kriegt er doch noch von vorne aus einer guten Perspektive. Er hat aus den Fehlern seiner ersten Berlinale gelernt und war so früh da, dass er sich einen Hocker organisieren konnte, um über die Kollegen drüber zu fotografieren. "Bei meiner ersten Berlinale war ich so aufgeregt, dass ich auch noch Termine und Uhrzeiten verwechselt habe", erzählt er. Aber wegen der Aufregung liebe er ja seinen Job.

Einmal wird er kurz nervös. Die Internetverbindung hakt, und die Agentur meckert am Telefon, weil die Fotos noch nicht da sind. Die Kamera hält er in der rechten, das Notebook in der linken Hand, in der Hosentasche hat er das Handy griffbereit. Und aus der Jackentasche lugt eine Banane, die er nicht vor Mitternacht essen wird.

Manfred Neugebauer hat es da einfacher. Er steht, wie immer, in der ersten Reihe. Außerdem hat er einen Kollegen dabei, der im Akkord Bilder verschickt. Neugebauer reicht ihm zwischendurch die vollen Speicherchips. Ein- bis zweitausendmal wird er pro Abend den Auslöser betätigen und hoffen, dass das "andere Bild" dabei ist. Durch Zufall erwischt er Tilda Swinton, wie sie eine befreundete Fotografin herzlich umarmt, noch bevor sie über den roten Teppich läuft. Es ist ein echt guter Schuss. "Das ist das Spannende an der Fotografie", sagt Neugebauer, "aus einer vermeintlich aussichtslosen Situation doch noch ein spannendes Foto zu machen."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.

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air plane 11.02.2014
1. Mein Profil
"Gerade mal 100 fest angestellte Fotografen gibt es noch bei den hiesigen rund 400 Tageszeitungen. Die überwiegende Zahl der Fotoreporter arbeitet frei, zu immer dürftigeren Konditionen. Die Honorar-Empfehlungen der Mittelstandsvereinigung Foto-Marketing werden selten eingehalten, die tatsächlich gezahlten Honorare seien "hundsmiserabel". Infolge der Digitalisierung der Branche werde der Markt mit beliebigen Handy-Fotos überschwemmt. Erscheinungen wie die so genannten Leserreporter trügen zu einer weiteren Verstopfung bei." (Quelle: Webseite VERDI).
mulhollanddriver 11.02.2014
2. Das Niveau leidet...
...in mehrfacher Hinsicht. Das unkollegiale Verhalten der Bildreporter wurde im Artikel bereits angesprochen. Gute Fotos von solchen Großveranstaltungen sind selten, sehr selten. Die Qualität und die Arbeitsabläufe leiden unter dem Zeitdruck. Ich arbeite auf Veranstaltugen, bei denen ich gebucht werde und auf denen ich normalerweise der einzige Fotograf bin. Das bietet mir maximale Freiheit während der Arbeit. Vor allem kann ich die Fotos später in Ruhe auswählen und aufbereiten, bevor ich sie an die Auftraggeber versende. Erst dadurch kann das volle Leistungspotential aktueller Geräte wie der D4 ausgenutzt werden. Unfertige Fotos per Funk direkt aus der Kamera zu versenden, ist halbherzige Arbeit.
bigteddy 11.02.2014
3.
Zitat von air plane"Gerade mal 100 fest angestellte Fotografen gibt es noch bei den hiesigen rund 400 Tageszeitungen. Die überwiegende Zahl der Fotoreporter arbeitet frei, zu immer dürftigeren Konditionen. Die Honorar-Empfehlungen der Mittelstandsvereinigung Foto-Marketing werden selten eingehalten, die tatsächlich gezahlten Honorare seien "hundsmiserabel". Infolge der Digitalisierung der Branche werde der Markt mit beliebigen Handy-Fotos überschwemmt. Erscheinungen wie die so genannten Leserreporter trügen zu einer weiteren Verstopfung bei." (Quelle: Webseite VERDI).
Nun ja, das echte Leben macht auch vor der Medienbranche nicht halt. Konkurrenz belebt das Geschäft und vielleicht muss man einfach akzeptieren, dass sich die Welt der Fotoreporter nachhaltig verändert hat. Da gehört jetzt eben auch zunehmend die Amateurkonkurrenz dazu. Das hängt nunmal stark davon ab, was für wen ein gutes Foto ist, nicht wahr? Der Photograph (oder Fotograf, je nach Alter) ist hier ein Dienstleister, der ein Bedürfnis zu befriedigen hat. Kein Künstler, kein Handwerker. Wie gesagt, vielleicht wird der Auftrag hier misverstanden. Auf der Berlinale geht es darum, schnell an die Bilder zu kommen. Aktualität. Wenn Sie Hochzeiten oder den Presseball in Castrop-Rauxel fotografieren, spielt es sicherlich nicht so die Rolle, wann ihre Fotos beim Kunden sind. Wenn ich ein aktuelles Ereignis fotografiere, eben doch. Nun ja, vielleicht muss der eine oder andere Fotograf (ich nenne die Kamerahalter einfach mal weiterhin so...) hier über seinen Schatten springen und anerkennen, dass die nachfolgende Bildbearbeitung eben hier nicht mehr zu seinen Aufgaben gehört. Künstlerischer Anspruch in allen Ehren, aber manchmal ist Arbeit einfach nur Arbeit. Wenn Sie es sich leisten können, das anders zu halten, ist das doch super für Sie.
adolfeiro 11.02.2014
4. Dank der Digitalisierung
Als Bildagentur kann ich dank Internet die Promi-Bilder von hier (Rio) aus "ausmisten" , d.h. die 1.Sahne raussuchen, die Prominamen korrigieren, in kürzester Zeit die Bilder druckfertig vorbereiten + in die Datenbanken senden - das gibt einen kleinen Qualitätsvergleich-Vorsprung...Früher musste ich nach dem Knipsen noch selbst zum Labor sausen, Dubs anfertigen + den Postversand betreiben - dafür waren die Honorare besser... adolph
glinga1 11.02.2014
5. Es geht den Berg runter
Es ist ja schön und gut, wenn man das etwas andere Bild am roten Teppich macht. Leider hat das mit dem heutigen geldverdienen nichts mehr zu tun. Viele Agenturen bieten Dumpingangebote an. (zahlt 5000 € im Monat und du kannst drucken was du willst). Das die Fotografen dadurch weniger, zum Teil nur noch einen Bruchteil an Honorar bekommen, ist den Agenturen total egal. Dann gibt es Agenturen die von anderen Agenturen beliefert werden. Auch da bekommt der Fotograf nur noch ein viertel vom Honorar. Und die Print-Redaktionen gehen nur noch auf die Seite dieser Agentur. Andere Agenturen haben dadurch überhaupt keine Chance mehr. Ein Kollege hat es mal ausgerechnet. Man muss heut zutage 3 mal soviel Fotos verkaufen, um zu dem Geld zu kommen, das man vor 5 Jahren bekommen hat. Und das man für ein Onlinefoto maximal 10 € bekommt, ist eine Frechheit. Millionen Menschen können sich das Foto angucken und der Fotograf ist mal wieder der Verlierer.
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