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22. Juni 2012, 06:44 Uhr

Kreative Müllabfuhr

Traumbilder aus der Tonne

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Müllmänner sind Malocher - und manchmal auch Künstler. Die Hamburger Stadtreinigung baute einen Müllcontainer zur Mega-Lochkamera um. Per "Tonnografie" entstanden außergewöhnliche Bilder. Jetzt hat die Kampagne einen Preis beim internationalen Werbefestival in Cannes gewonnen.

Roland Wilhelm, 61, leert Mülltonnen. Seit 36 Jahren. Bei Regen oder Schnee, Hitze oder Frost. Kreativ ist seine Arbeit nicht. Es ist ehrliche Maloche, er räumt weg, was andere loswerden wollen. Wenn Wilhelm mit seinem orangefarbenen Anzug die schweren Tonnen über Hamburger Straßen zerrt, grüßen ihn manche nett, andere machen blöde Sprüche, viele ignorieren ihn.

Muss das so sein? Muss es nicht, fand sein Arbeitgeber, die Hamburger Stadtreinigung. Und gab eine PR-Kampagne bei der Werbeagentur Scholz & Friends in Auftrag. Mit überraschendem Erfolg: Aus dem Müllmann wurde ein kleiner Star.

Zusammen mit zehn Kollegen hat Wilhelm seine Lieblingsplätze in Hamburg fotografiert - mit einer zur Lochkamera umgebauten Mülltonne. Herausgekommen sind spektakuläre Schwarzweißbilder, die Werber erfanden ein Wort dafür: "Tonnografien". Die Fotos verbreiteten sich rasant übers Internet und beeindruckten auch die Juroren des Werbefestivals in Cannes: Sie haben die Kampagne soeben mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet - die Cannes-Löwen sind die begehrtesten Trophäen der internationalen Werbebranche.

Ein Loch ist im Eimer - die Stadt aus der Sicht einer Mülltonne

Seitdem wird Wilhelm auf seiner täglichen Tour von Passanten angesprochen und von Journalisten aus ganz Deutschland interviewt, gefilmt, fotografiert. "Das ist einmalig, damit hat wirklich keiner gerechnet", sagt er. Wilhelm habe bisher nur positive Resonanz bekommen und, was ihm noch wichtiger ist: "Jetzt sehen noch mehr Bürger, was wir machen."

Das Fotografieren mit der Tonne gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn häufig mussten die Müllmänner ahnungslose Passanten davon abhalten, ihren Abfall in die Kamera zu werfen. "Wir waren aber immer schneller", sagt Wilhelm und lacht.

Zwischen fünf und 70 Minuten dauerte die Belichtung eines Fotos in der 1100-Liter-Kameratonne, die genaue Zeit berechneten die Müllmänner mit einem Belichtungsmesser. Das Licht fiel auf der Vorderseite der Tonne durch ein acht Millimeter kleines Loch ein und wurde auf ein 80 Zentimeter mal ein Meter großes Fotopapier im Inneren der Tonne projiziert. Einen Auslöser gab es nicht, die Aufnahme wurde gestartet, indem Wilhelm und seine Kollegen die kleine Klappe über dem Loch hochhoben. Ob die Aufnahme gelungen war, konnten sie erst am Abend im Labor feststellen.

Müllmann Wilhelm ist auch Kamerasammler

Wilhelm hatte sich als Motive die Landungsbrücken und zwei Plätze im Stadtteil St. Georg ausgesucht. Ein bestimmtes Haus wollte er schon lange fotografieren; er hatte dort einmal beim Leeren der Mülltonnen einen Fotografen beobachtet: "Das Haus sieht aus wie eine Filmkulisse, aber nur von einem bestimmten Punkt aus. Geht man ein paar Zentimeter nach rechts oder links, ist der Eindruck weg."

Wilhelm ist selbst Hobby-Fotograf und hat ein Faible für alte Kameras. 170 Fotoapparate umfasst seine Sammlung. Eine Lochkamera ist bisher noch nicht dabei, aber Wilhelm überlegt, eine mit seinen Enkeln zu basteln: "Ich hoffe, ich kann sie dafür begeistern, wenn sie unsere Bilder sehen." Ab Samstag werden die Fotos in voller Größe in einer eigenen Ausstellung in der Axel-Springer-Passage in Hamburg präsentiert, Wilhelm will mit seiner ganzen Familie hin.

Die überdimensionierte Kamera ging beim "Trashcam Project" leider kaputt: Sie wurde in einem speziellen Transporter, abgeklebt mit lichtundurchlässiger Folie, durch die Stadt kutschiert - und knallte bei einer Vollbremsung gegen die Wand. Durch den Riss fällt nun Licht ins Innere, Aufnahmen sind nicht mehr möglich.

Also sprach der Müllschlucker: "Bin für jeden Dreck zu haben"

Eine kaputte Tonne und dafür Tausende neue Fans - die Hamburger Stadtreinigung ist hochzufrieden. "Besser hätte es nicht laufen können", sagt Sprecher Andree Möller. Die genauen Kosten für die Aktion will er nicht verraten, nur so viel: "Das war eine günstige Kampagne."

Die Hamburger Stadtreinigung hat offenbar ein Gespür für krumme Werbeaktionen: Welche andere Stadt kann schon von sich behaupten, dass ihre Mülleimer ein beliebtes Fotomotiv sind? "Bin für jeden Dreck zu haben" oder "Schlag mir den Bauch voll" - seit 2005 zieren diese Sprechblasen-Aufkleber jede Hamburger Tonne.

"Ich weiß von einer Lehrerin, die jedes Jahr mit ihren Erstklässlern durch die Stadt läuft und sie die Sprüche lesen lässt", sagt Kerstin Schäfer, die als Texterin der Werbeagentur MKK an der Kampagne mitgearbeitet hat. Der Art Director habe damals Augen auf einen Mülleimer geklebt, so war schnell klar: Der Eimer lebt! Und kommentiert das Stadtleben.

"Die Sprüche kamen dann ganz automatisch", sagt Schäfer. "Jeder wollte mitmachen." Die Sprechblasen sind mittlerweile so beliebt, dass man die Aufkleber bei der Stadtreinigung sogar bestellen kann. "Aufkleber kosten ja nicht viel und die Mülleimer stehen sowieso herum", das machte die Kampagne denkbar günstig. Auch sie wurde mit einem Preis ausgezeichnet, vom Verein Deutsche Sprache.

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