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Sucht nach Perfektion

Nun mach mal halblang!

Das Streben nach Perfektion macht uns fertig. Denn alles lässt sich immer noch besser machen. Doch Vorsicht, wenn das zum Selbstzweck wird, warnt Agenturchef Frank Behrendt in seinem neuen Buch.

Getty Images

Gestresster Mitarbeiter im Büro

Montag, 16.10.2017   08:58 Uhr

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Zufriedenheit ist eines der ganz großen Lebensziele - mit Faulheit und Versagen hat dieses Gefühl nichts zu tun. Das Missverständnis liegt wohl darin, dass Zufriedenheit manchmal mit Selbstzufriedenheit verwechselt wird - und das ist ja wirklich kein schöner Charakterzug.

Dazu kommt, dass oft nur ein Mehr an Geld und materiell messbarem Erfolg als Fortschritt angesehen wird. Aus diesem Grund gibt es so viele Burnout-Kandidaten, die pausen- und freudlos ackern. Doch kostbarer noch als jeder profitable Deal ist die Zunahme an Zufriedenheit und Lebensfreude.

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Der Hauptgrund für die Unzufriedenheit vieler Menschen liegt in der Sucht nach Perfektion. Viele bekommen schon als Kind eingeimpft, dass das Ziel ein "Sehr gut" in allen Schulfächern ist. Damit wird alles unterhalb der Bestnote automatisch als Versagen gewertet.

Also hocken viele Kinder verängstigt und überfordert am Schreibtisch, statt draußen mit den Freunden Abenteuer zu erleben. Dieser Preis ist zu hoch für eine gewonnene Zehntelnote. Jedes Kind hat Lieblingsfächer, in denen das Lernen wie von allein geht und mit einiger Wahrscheinlichkeit ein "Gut" oder "Sehr gut" im Zeugnis steht. In anderen Fächern, die nicht so interessant sind, reicht ein "Befriedigend".

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Man kann diese Note ruhig wörtlich nehmen: Schüler, Lehrer und Eltern dürfen zufrieden sein, die Leistung ist in Ordnung. So bleibt genug Zeit zum Spielen.

Die Frage lautet: Ab wann bringt Energie, die in ein Projekt hineingesteckt wird, zu wenig Ergebnis, um den Einsatz zu rechtfertigen? Es macht mir zum Beispiel nichts aus, streckenweise im Beruf unter hohem Druck zu stehen. Wenn mein Team und ich innerhalb weniger Stunden die zündende Idee für das eingängige Messe-Aktionsmotto eines Kunden finden müssen, das auch als Hashtag optimal im Netz funktioniert, laufe ich zur Höchstform auf. Aber ich habe immer im Blick, dass das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag nicht ins Kippen kommt.

Natürlich kann man versuchen, alles immer noch besser, noch effizienter zu machen. Doch ab einem bestimmten Punkt wird Perfektion zum Selbstzweck. Und Perfektion ist anstrengend und teuer.

Warum soll der Kunde für aufwändige Exceltabellenkosmetik mit zehn verschiedenen Farbschattierungen bezahlen, wenn die Botschaft auch in Schwarzweiß rüberkommt? Wird die Perfektionsschraube über das sinnvolle Maß hinaus angezogen, steigt die aufzuwendende Anstrengung bis ins Unendliche - ein guter Grund, sich auch mit dem Nicht-Perfekten zufrieden zu geben. Ich weiß, dass diese Aussage missverstanden werden kann: "Ach, der Frank Behrendt, der ruft dazu auf, nur noch Mittelmaß zu produzieren." Deshalb noch mal in aller Deutlichkeit: Es gibt viel Platz zwischen unsinniger Perfektion und Schlampigkeit. Jeder muss für sich persönlich entscheiden, wo seine Grenzen zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit verlaufen.

Sicher ist nur, dass derjenige, der sich in zu vielen Lebensbereichen Höchstleistungen abverlangt, schnell in eine Überforderungssituation kommt. In diesem Zustand lässt sich sowieso kein Blumentopf mehr gewinnen.

Manchmal ist der Versuch, etwas perfekt zu machen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich denke da zum Beispiel an die sorgfältig zusammengestellten Tagesabläufe in manchen Workshops. Da hat sich jemand viel Zeit genommen, um den Tag minutengenau zu takten. "15.15 Uhr bis 15.25 Uhr: Diskussion" steht dann zum Beispiel da. Kann gar nicht funktionieren, schon allein deshalb nicht, weil der ganze Zauber nicht wie geplant um 8.30 Uhr angefangen hat, sondern um 8.42 Uhr, da drei Teilnehmer den Raum nicht gefunden haben. Und schon ist die perfekte Planung für die Katz und sorgt für unnötigen Stress.

Dem Verlangen der Perfektion nicht nachzugeben, erfordert Mut.

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