In Kooperation mit

Job & Karriere

Eine Lektorin erzählt "Von 100 Manuskripten lehne ich 98 ab"

Zum gemütlichen Lesen kommt sie selten, Fehler ärgern sie fürchterlich: Hier erzählt eine Lektorin von ihrem Job - und was sie denkt, wenn sie mal wieder lesen muss: "Dieses Buch hätte einen Lektor gebraucht."
Lektorin bei der Arbeit am Text

Lektorin bei der Arbeit am Text

Foto: Getty Images/ iStockphoto

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie " Das anonyme Jobprotokoll " erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Die Frankfurter Buchmesse ist das wichtigste Event des ganzen Jahres. Die Branche arbeitet darauf hin. Ich freue mich, hier Kollegen und meine Autoren zu treffen, mich mit vielen Menschen zu unterhalten und natürlich auch zu feiern. Gerade die Autoren lerne ich hier in lockerer Atmosphäre auf einer persönlicheren Ebene kennen. Für die Zusammenarbeit ist das hilfreich.

Was die Besucher nicht so mitkriegen: Auf der Buchmesse werden im Hintergrund viele Buchrechte gehandelt und verkauft. Wir Lektoren kriegen viele Angebote von Büchern, von deutschen und ausländischen Agenturen und Verlagen.

Wenn sich mehrere Verlage für ein Buch interessieren, gibt es Auktionen, auf denen wir um die Rechte an den Manuskripten bieten. Da kann es im Vorfeld der Messe und auf der Buchmesse selbst schon mal hoch hergehen. Manchmal gerät man dann in einen regelrechten Kaufrausch. Sicherlich haben Sie nun die Kunstauktionen von Sotheby's im Kopf, aber die unterscheiden sich stark von den Auktionen im Literaturbetrieb.

Wie ein Schönheitswettbewerb

Die Lektoren sitzen nicht im gleichen Raum, die Versteigerung läuft vor allem per Mail ab. Die Lektoren geben nicht nur an, wie viel sie zahlen möchten, sondern oft muss man auch schon Ideen für die Vermarktung eines Buches präsentieren und zeigen, warum man der beste Verlag für einen bestimmten Autor ist. Es ist eher ein bisschen wie ein Schönheitswettbewerb.

Die Überlegungen für den Buchtitel, das Cover und die Vermarktung allgemein gehören übrigens mit zu meinen Hauptaufgaben. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als ein gutes Buch, von dem niemand etwas weiß. Meine Aufgabe ist, es bekannt zu machen. Dazu muss ich zum Beispiel auch einschätzen können, ob ein Autor sich gut auf Lesungen macht oder ob er für Talkshows im Fernsehen geeignet ist.

Ich arbeite seit zwölf Jahren als Lektorin im Sachbuch. Wie ich ein gutes Buch erkenne? Der Text muss mich einfach fesseln. Es braucht eine besondere Idee, einen besonderen Autor oder einen besonderen Schreibstil. Etwas, das den Leser berührt.

Fotostrecke

Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Anders als bei literarischen Texten reichen hier die Autoren meist kurze Exposés ein, in denen sie die Idee, den Aufbau und die Thesen ihres Buches skizzieren. Wenn ich eine Buchidee kaufe, gebe ich dem Autor natürlich auch einen Vertrauensvorschuss: Ich muss daran glauben, dass er das Buch auch schreiben kann.

Wenn ein Autor eine Zusage bekommt, treffen wir uns und besprechen das weitere Vorgehen. Es ist sehr unterschiedlich, wie eng die Betreuung ausfällt. Manche Autoren verkriechen sich in ihr Kämmerlein und schreiben so lange, bis sie mir ein fertiges Manuskript abgeben. Das lektoriere ich dann. Andere wünschen sich regelmäßigen Austausch und diskutieren gern über ihr Projekt und die Thesen.

Reichtum ausgeschlossen

In meinem Job kann ich im Idealfall eine Idee zu einem Buch machen, das Diskussionen anregt und wahrgenommen wird. Reich wird man dabei aber nicht. Ein angestellter Lektor verdient im Monat zwischen 2500 und 3500 Euro. Freie Lektoren werden meist für jedes Buchprojekt einzeln bezahlt, sie erhalten ein Seitenhonorar oder eine Pauschale. Je nach Arbeitsaufwand, den sie in den Text stecken, können da einige Tausend Euro zusammenkommen.

Das Büchermachen ist ein eher langsamer Prozess: Vom Einkauf eines Buches über die Manuskriptarbeit bis zum Erscheinen kann es schon einmal mehrere Jahre dauern - je nachdem, wie schnell der Autor schreibt. Im Sachbuch müssen wir natürlich oft schneller auf aktuelle Themen reagieren. Da kann sich die Zeit auf wenige Wochen verkürzen. Ich betreue pro Jahr etwa 20 Buchprojekte. Lektoren, die zum Beispiel Taschenbücher lektorieren, betreuen oft doppelt so viele Projekte wie ich.

Leider muss ich in meinem Beruf auch viele Absagen schreiben. Von 100 Manuskripten, die ich geschickt bekomme, lehne ich 98 ab. Zum Glück reichen viele Autoren ihre Ideen nicht selbst, sondern über einen Literaturagenten ein. Da ist das Absagen etwas einfacher. Die eingereichten Manuskripte lese ich alle, aber ich kann oft schon nach wenigen Seiten oder sogar Sätzen einschätzen, ob es sich für mich lohnt, sich weiter mit dem Text zu beschäftigen.

Was als Lektorin nervt

Was mich etwas ärgert: Viele Menschen denken, ich sitze bei der Arbeit den ganzen Tag auf einem gemütlichen Sofa, mit einer Tasse Kaffee und einem Stapel Bücher vor der Nase und lese. Das wäre schön, aber es entspricht nicht der Realität.

Ich habe viele Meetings, bin das organisatorische Zentrum für meine Buchprojekte. Manuskripte lese ich oft abends oder am Wochenende. Und für meinen eigentlichen Job, das Lektorieren, ziehe ich mich am liebsten ganze Tage aus dem Verlag raus, damit ich mich ungestört in den Text versenken kann.

Was auch nervt: Rezensionen in der Presse mit der Aussage "Dieses Buch hätte einen Lektor gebraucht." Ich denke mir dann: Das Manuskript hättest du nicht sehen wollen, bevor ich es bearbeitet habe. Auf kleinen Fehler, die man übersehen hat - was einen als Lektor fürchterlich ärgert - wird dann oft herumgehackt. Aber die eigentliche Leistung, dass man aus schrägen Sätzen und wirren Gedanken ein lesbares Buch gemacht hat, wird gerne übersehen.