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11. April 2014, 06:38 Uhr

Weibliche Lehrlinge in Männerberufen

"Ist der Meister nicht da?"

Dumme Sprüche von Kollegen und Kunden, die ihr kaputtes Auto nur einem Mann anvertrauen wollen: Weibliche Lehrlinge in Männerberufen brauchen Durchsetzungsvermögen. Wer das mitbringt, hat auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen.

Auf Baustellen fühlt Shari Müller sich wohl. Sie mag es, mit dem Farbeimer aufs Gerüst zu steigen, Wände zu tapezieren und Fensterrahmen zu beschichten. Die 19-Jährige ist im zweiten Ausbildungsjahr als Malerin und Lackiererin. Dass sie oft die einzige Frau ist, stört sie nicht. "Ich mache ohne Ausnahmen die gleiche Arbeit wie die anderen", sagt Müller.

Unter bundesweit rund 19.000 Auszubildenden zum Maler und Lackierer waren 2012 nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks lediglich 2647 Frauen. Noch geringer ist die Quote bei den Kfz-Mechatronikern: Von den 58.000 Lehrlingen 2012 waren lediglich 1600 weiblich. Viele Handwerksberufe sind immer noch eine klassische Männerdomäne. Das liegt aber nicht daran, dass Frauen nicht willkommen wären.

"Längst hat auf Arbeitgeberseite ein Umdenken eingesetzt. Frauen haben bei Bewerbungen gute Karten", sagt Hans Voss. Er leitet bei der Maler- und Lackiererinnung Düsseldorf das Berufsbildungs- und Technologiezentrum. Ein Grund sind die guten Erfahrungen, die Handwerksmeister mit Frauen als Azubis und Gesellinnen machen. "Sie überzeugen oft durch herausragende Leistungen", erklärt Voss. Er kennt inzwischen Fachbetriebe, die auf einen ausgeglichenen Mitarbeitermix achten. Bei praktischen Arbeiten fallen Mitarbeiterinnen vor allem bei filigraneren Tätigkeiten häufig positiv auf.

"In Zeiten des drohenden Fachkräftemangels kann es sich das Handwerk nicht leisten, weibliche Bewerber außen vor zu lassen", sagt Wilhelm Hülsdonk, Bundesinnungsmeister des Kfz-Handwerks. Frauen könnten im Arbeitsalltag allerdings auf Gegenwind stoßen. "Es gibt immer wieder die Situation, dass ein Kunde ein Problem nicht einem weiblichen Kfz-Mechatroniker erzählen will, sondern stattdessen fragt: 'Ist der Meister nicht da?'." Dann könnten Frauen mit Fachwissen punkten. "Sie sollten dann auf jeden Fall freundlich und gelassen bleiben", rät Hülsdonk.

Shari Müller kennt skeptische Fragen von Kunden. "Können Sie das alles auch?", wird sie manchmal gefragt, wenn sie anfängt, den Tapeziertisch aufzubauen. "Dann muss man cool bleiben", so Müller. Solche Momente sind für sie Ansporn, ihren Job besonders gut zu machen.

Im Betrieb ist sie von sieben Beschäftigten die einzige Frau. Das funktioniert in der Regel gut, vor dummen Sprüchen ist sie aber nicht gefeit. Auf Großbaustellen herrscht mitunter ein rauer Ton. Dann fällt auch schon mal ein derbes Wort in ihre Richtung. "In solchen Situationen muss man ein paar Gegensprüche parat haben", sagt sie.

"Frauen sind häufig im kommunikativen Bereich ihren männlichen Kollegen deutlich voraus", sagt Kfz-Mann Hülsdonk. Das mache sich vor allem im Kundengespräch bezahlt. Und Voss von der Malerinnung hat festgestellt, dass eine Frau im Team oft den Umgangston verbessert: "Männer treten häufig verbindlicher und höflicher auf, wenn Frauen dabei sind." Den Kollegen den eigenen Minderheitenstatus permanent unter die Nase zu reiben, sei nicht angebracht: "Das könnte überzogen wirken und negative Reaktionen hervorrufen."

Sabine Meuter/dpa/ant

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