Junge Frauen und Gleichberechtigung "Der Beruf meines Mannes ist wichtiger"

Wie geht es Frauen zwischen 18 und 40 Jahren in Deutschland? Eine Studie zeigt: Die Probleme, Wünsche und Schwierigkeiten sind ähnlich - egal ob Putzfrau oder Managerin.

Mutter und Kind
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Mutter und Kind

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"Mein Mann macht gar nichts. Er wechselt nie Windeln, füttert die Kinder nicht, nie. Aber in anderen Dingen hat er sich verändert. Beim Spazierengehen achtet mein Mann heute auch auf die Kinder. Früher gar nicht." Das erzählt eine 25-jährige Frau mit zwei Kindern. Im Jahr 2016.

Wie ticken junge Frauen zwischen 18 und 40? Wie empfinden sie ihr Leben als Mutter, als Partnerin, als Arbeitnehmerin? Was macht sie wütend auf die Politik?

Der Soziologe Carsten Wippermann ging diesen Fragen im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung nach, am Donnerstag wurde die Studie vorgestellt - mit einem überraschenden Ergebnis: Ungerechtigkeit ist nicht nur ein Problem einzelner Gesellschaftsgruppen. In allen neun Milieus, die Wippermann bei den Befragten identifizierte, stieß er auf vergleichbare Kritikpunkte und auf ähnliche Forderungen.

Im Folgenden werden zwei gegensätzliche Milieus vorgestellt: die Etablierten und die Benachteiligten.

Die sogenannten Etablierten zählen zur Oberschicht und oberen Mittelschicht. Sie sind sehr hoch qualifiziert und wollen zur ökonomischen, politischen und kulturellen Elite des Landes gehören. Typische Berufe sind: Chefeinkäuferin für ein großes amerikanisches E-Commerce-Unternehmen, Abteilungsleitung im IT-Unternehmen oder selbstständige Innenarchitektin.

Weil sie fürchten, ihre eigenen beruflichen Ziele aufgeben zu müssen, verschieben die jungen Frauen dieses Milieus die Familiengründung bis nach dem 30. Lebensjahr. In den ersten Berufsjahren steigen sie also laut Untersuchung "in gleicher Weise und in gleichem Tempo wie Männer beruflich bis in mittlere Führungspositionen auf und - wenn sie keine Kinder haben - auch in höhere (Führungs-)Positionen".

Das ändert sich jedoch, sobald Kinder da sind. Zwar wünschen sich die Frauen laut der Studie, dass sie selbst und ihr Mann beide weniger arbeiten würden. Doch die Realität sieht anders aus:

"Mein Mann hat eine eigene Firma, der kann nicht so einfach weg. Nach den Geburten war der eineinhalb Wochen und bei der zweiten eine Woche zu Hause. Der Beruf meines Mannes ist wichtiger, der muss täglich ins Büro, der hat laufende Projekte. Ich kann mich nicht beschweren, denn ich liebe die Zeit mit meinen zwei Kindern. Meine Söhne sind schon in der Krippe, das ist einfach mal so, deshalb kann ich auch arbeiten. Schaffe ich tagsüber nicht alles, mache ich das abends."

"Da gibt es oft Krach, denn es stellt sich die Frage, wessen Arbeit wichtiger und wertvoller ist. Es geht oft auch darum, wer mehr Geld verdient."

Familienpolitik ist aus Sicht der Etablierten erfolgreich, wenn sich eine Frau nicht mehr zwischen Beruf und Kind entscheiden muss:

"Noch habe ich keine Kinder und ich stehe wirklich vor der Entscheidung 'entweder - oder'. [...] Wenn der Kitaplatz aber wie hier 900 Euro im Monat kostet, ist das kaum zu stemmen. Ich finde, dass Kitaplätze für alle zur Verfügung stehen müssen, und zwar kostenfrei."

"In München mit 1.600 Euro Elterngeld! Da lachen die in München doch über diese Realitätsferne. Anderswo reicht das aber schon, Thüringen oder Bayerischer Wald."

Am anderen Ende der Gesellschaft, in der "Unterschicht", ordnen die Forscher in Bezug auf Einkommen, Ausbildung und Entfaltungsmöglichkeiten das Milieu der Benachteiligten ein. Viele leben laut Studie über ihre Verhältnisse, um mithalten zu können.

Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen liegt in den meisten Fällen unter 1.500 Euro, es ist das Milieu mit den anteilig meisten Familienernährerinnen und Alleinerziehenden. "Die meisten Frauen sind ökonomisch gezwungen, das Familieneinkommen zu erwirtschaften: weil der Partner allein nicht genug verdient zum Leben, weil er (dauerhaft oder immer wieder) arbeitslos oder erwerbsunfähig ist (körperlich oder psychisch krank), weil sie vom Vater ihres Kindes verlassen wurden."

Doch den jungen Frauen in diesem Milieu mangelt es nicht nur an Geld, sondern auch an Zeit - für ihre Kinder und für sich selbst. Und an Angeboten: Weil sie ganztags, sehr früh oder sehr spät und am Wochenende arbeiten müssen, zum Beispiel in der Gastronomie oder als Putzfrau, brauchen sie flexible Betreuungsmöglichkeiten, doch sie haben nicht das Geld, um sich diese leisten zu können:

"Wir brauchen unbedingt mehr Kinderbetreuung, dass die Kinder nicht auf der Straße rumhängen. Kitaplätze fehlen sehr. Ich arbeite im Einzelhandel von 10 bis 20 Uhr, die Kitas haben da nicht mehr auf."

"Ich bekomme vielleicht drei Stunden Schlaf, und am nächsten Tag geht dann alles wieder von vorne los."

"Ich wünsche mir von der Familien und Gleichstellungspolitik, dass man als Mutter mehr Zeit hat für die Kinder."

"Das Elterngeld reicht auch nicht aus. Ich bin Alleinverdiener und das Geld fehlt überall."

Zusammengefasst kamen in Bezug auf alle Milieus bestimmte Aspekte in den Interviews immer wieder zur Sprache - egal, ob Wippermann und seine Mitarbeiter mit reichen oder armen, nur berufstätigen oder in der Familie engagierten Frauen sprachen:

  • Als eine der größten Ungerechtigkeiten wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen wahrgenommen.
  • Die Gleichstellung der Geschlechter ist aus Sicht der Frauen noch längst nicht erreicht. 51 Prozent halten sie für "eher nicht" oder "überhaupt nicht" umgesetzt, nur eine von zehn sieht sie umfassend realisiert. Bei den Männern dagegen empfindet eine leichte Mehrheit mangelnde Gleichberechtigung nicht mehr als Problem (53 Prozent).
  • Anders als heute sollten sich der Studie zufolge Kitas und Kindergärten als Serviceagentur für Eltern verstehen und ihre Angebote den Bedürfnissen arbeitender Mütter und Väter anpassen: von der Rund-um-die-Uhr-Betreuung bis zu Öffnungszeiten am Wochenende.
  • Vollzeit? Lieber nicht. Die Mehrheit der befragten Frauen würde gerne zwischen 30 und 35 Stunden pro Woche arbeiten, trotz der damit verbundenen Einbußen bei Einkommen und Rente.
  • Tatsächlich aber stellen viele Frauen fest, dass sich ihre Ansprüche an eine Balance zwischen Familie und Arbeit unter den aktuellen Bedingungen kaum realisieren lassen - und entscheiden sich dann doch für die klassische Rollenverteilung:

"Obwohl sie es eigentlich nicht wollen, ist es heute aus finanziellen Gründen sinnvoll und vernünftig, so zu handeln", heißt es in der Studie zu den Beweggründen für diese Entscheidung gegen den Beruf: "Es geht derjenige zur Arbeit, der im Job mehr Geld nach Hause bringt - in der Regel der Mann."

Stefanie Elies von der Friedrich-Ebert-Stiftung interpretiert diese Befunde als Appell an die Politik, deutlich mehr in Kinderbetreuungsangebote zu investieren. "Es ist eine Investition in die Zukunft, die sich auch ökonomisch rechnen wird."

Für die Studie interviewte Wippermann 520 Frauen und 513 repräsentativ ausgewählte Männer. Die Befragung fand im Frühjahr 2015 statt.

insgesamt 142 Beiträge
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Europa! 07.07.2016
1. Kinderbetreuungsplätze sind wichtig
Aber ich finde, dass man grundsätzlich jeder alleinstehenden Mutter aus Steuermitteln 1000 Euro im Monat zahlen sollte - allen verfluchten Ideologien zum Trotz.
luisemarie_keck 07.07.2016
2.
Komisch, da werden auch 513 Männer gefragt und trotzdem geht es offensichtlich darum, "wie es Frauen zwischen 18 und 40 Jahren in Deutschland" geht. Wie es Familien geht oder wie es Männern geht ist nach wie vor. Dass Männer vielleicht auch lieber nur 30-35 statt 60 h arbeiten wollen und wie die unter diesen Bedingungen die Balance zwischen Arbeit und Familie so hinkriegen, das ist eine Untersuchung nicht wert. Dass zugehörige Bundesministerium trägt ja nach wie vor auch nur das eine Geschlecht in seinem Namen.
weiter_denken 07.07.2016
3. Logische Konsequenz
... die Frauen müssen sich schlechterverdienende Männer suchen. Da aber die Frauen die Männer aussuchen und nicht umgekehrt (auch wenn manche das behaupten), und weil gleichzeitig die Frauen den statusmäßig höhergestellten Mann kriegen (allerhöchstens gleiche Ebene), verdienen sie weniger und am Ende bleiben sie aus rationalen Gründen bei den Kindern. Augen auf bei der Partnerwahl, sage ich da.
BettyB. 07.07.2016
4. Tja, ein Problem
Manche soziale Probleme kann man verhindern, indem Mann und Frau vorher nachdenken, was aber vielen schwer zu fallen scheint. Und an die Zeit nach einer höchst wahrscheinlichen Trennung denkt ja sowieso kaum jemand, nun, und wenn schon, dann wahrscheinlich nur die karrierebewussten Männer...
andreasclevert 07.07.2016
5. Von Vater zu...
....zu potenziellem Vater. Da ist noch Luft nach oben. Und damit meine ich nicht die Karriereleiter, sondern den Blick hoch zum Kind auf der Rutsche. Runter zum Wickeltisch. Rüber zu den Geschwisterkindern. Glücklicherweise kenne ich in unserem Umfeld viele gleichberechtigte Eltern Gruß von einem Vollzeit arbeitenden Vater, einer Vollzeit arbeitenden Mutter, die ein Teil im Jahr nach Spanien pendelt. Und drei glücklichen Kindern (was nicht nur wir sagen). Und ja, wir sind häufig müde. Aber wir sind glücklich. und ja, wir verzweifeln auch manchmal an der Situation. Aber wir scheitern dann glücklich.
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