Professorin über Ursula von der Leyen "Eine sehr weiche und sensible Person gelangt generell nicht in solche Positionen"

Am Dienstag entscheidet das EU-Parlament, ob mit Ursula von der Leyen erstmals eine Frau Kommissionspräsidentin wird. Betriebswirtin Marion Büttgen spricht hier über die Vorbildfunktion für andere Frauen.

Ursula von der Leyen könnte EU-Kommissionspräsidentin werden - und damit ein Vorbild für andere Frauen
Jean-Francois Badias/ AP

Ursula von der Leyen könnte EU-Kommissionspräsidentin werden - und damit ein Vorbild für andere Frauen

Ein Interview von Franca Quecke


Marion Büttgen
  • Oskar Eyb
    Marion Büttgen hat Betriebswirtschaftslehre in Köln und St. Gallen studiert und in Köln auch promoviert. Heute leitet sie den Lehrstuhl für Unternehmensführung an der Universität Hohenheim.

SPIEGEL ONLINE: Frau Büttgen, wann können Frauen für andere Frauen ein Vorbild sein?

Marion Büttgen: Früher gab es selten Frauen in Führungspositionen. Um dieses Bild bei Frauen als etwas Normaleres zu verankern, ist es wichtig, dass Frauen überhaupt in Führungspositionen gelangen. Es geht vor allem um Sichtbarkeit und Identifikation. Diese Vorbildfunktion bedeutet meiner Ansicht nach aber nicht nur, dass jemand in einer bestimmten Position arbeitet. Es kommt darauf an, dass sie sie auch so verkörpert, dass es für andere vorbildlich und erstrebenswert erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es denn wichtig, Gemeinsamkeiten festzustellen?

Büttgen: Wenn man es als etwas Erstrebenswertes ansieht, dass mehr Frauen Führungspositionen besetzen sollten, dann ist es natürlich hilfreich, wenn eine Identifikationsmöglichkeit besteht. Wenn ich als Frau bei einer anderen Frau Gemeinsamkeiten feststelle, bin ich mitunter eher geneigt, den gleichen steinigen Weg bis an die Spitze zu gehen. Einsatz und Wille sind Eigenschaften, die man dafür braucht. Ich glaube: Da braucht es auch mal ein Vorbild, um diesen Aufwand auf sich zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Momentan sprechen viele davon, dass Ursula von der Leyen als erste Präsidentin der Europäischen Kommission anderen Frauen ein Vorbild sein könnte. Für Sie auch?

Büttgen: Frau von der Leyen bringt eine eher ungewöhnliche Kombination von Eigenschaften mit: Sie ist eine ehrgeizige und erfolgreiche Frau, die auch noch sieben Kinder hat. Damit nimmt sie verschiedene Rollen ein, die für viele schwer zu vereinen sind. Ob sie nun eine geeignete Person für das Amt ist, kann ich schwer beurteilen. Denn natürlich ist sie als Verteidigungsministerin auch umstritten. Insofern stellt sich die Frage, ob sie anderen Frauen jetzt zwingend einen Gefallen tut.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte anderen Frauen das schaden?

Büttgen: Wenn eine Frau beispielsweise zum ersten Mal eine Position besetzt und dann Fehler macht oder aus anderen Gründen nicht erfolgreich ist - dann ist die Vorbildfunktion gefährdet. Das besagt auch die sogenannte Glass-Cliff-Theorie: Eine Frau gelangt in eine Position, bei der ein extremes Gefährdungspotential besteht, zu scheitern. Bei der Theorie geht es um besonders kritische Positionen oder Posten innerhalb eines Unternehmens, das gerade heikle Themen zu bewältigen hat. Sobald Chefinnen scheitern, ist die Vorbildrolle angekratzt.

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Ursula von der Leyens Karriere: Von Niedersachsen über Berlin nach Brüssel

SPIEGEL ONLINE: Ist es wirklich so schlimm?

Büttgen: Sobald es nicht gut läuft, fallen sie umso tiefer. Dann kommt schnell dieses "Siehste" - vor allem von Gegnern, die die Meinung vertreten, dass sie als Frau sowieso nie geeignet war. Das ist natürlich Futter für ihre Argumentation. Wenn Frauen beispielsweise das erste Mal in einer exponierten Position stehen, ist die Fallhöhe vielleicht nicht unbedingt höher - der Sturz selbst wird von Kritikern aber mehr ausgeschlachtet und thematisiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann eine Frau Einfluss auf diese Fallhöhe nehmen?

Büttgen: In bestimmten Positionen gibt es einfach ein Berufsrisiko, das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Sichtbarkeit und auch eine gewisse Risikobereitschaft lässt sich dort nicht vermeiden. Ich glaube deshalb nicht, dass man da systematisch etwas machen kann: Wer ganz oben steht, fällt eigentlich immer tief, das musste auch ein Martin Winterkorn erfahren. Es kommt natürlich darauf an, wie gravierend ein Fehler ist oder wie stark man den einer Person zuordnen kann. Und wie diese Person den Fehler kommuniziert. Mein Tipp: Am besten so offen wie möglich. Allerdings ist gerade das oft keine Stärke von Leuten in diesen Positionen.

SPIEGEL ONLINE: Setzt sich eine Chefin wirklich immer für ihre Mitarbeiterinnen ein - mehr, als es ein Chef tun würde?

Büttgen: Im Rahmen unserer Studie haben wir herausgefunden, dass sich Frauen in Toppositionen nicht wirklich von Männern in ähnlich hohen Ämtern unterschieden. Allerdings weisen sie andere Eigenschaften als die männliche und weibliche Normalbevölkerung auf.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Büttgen: Frauen spricht man typischerweise eher weiche Eigenschaften zu, dass sie empathischer, fürsorglicher, kompromissbereiter seien. Männer hingegen gelten als durchsetzungsstärker, aggressiver, kompetitiver. In unserer Studie konnten wir bei den Topführungskräften relativ stark typisch männliche Eigenschaften beobachten, auch bei weiblichen Führungskräften - dort sogar noch etwas stärker ausgeprägt. Der Typ Frau aus unserer Studie ist extrem ehrgeizig, fordernd, durchaus kompetitiv, stressresistent und auch eine gute Netzwerkerin.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sich Männer und Frauen in ihren Eigenschaften nicht wirklich unterscheiden, dann spielt das Geschlecht doch eigentlich keine Rolle.

Büttgen: Es kommt ein bisschen darauf an: Wenn man davon ausgeht, dass Frauen diese spezifischen Führungseigenschaften seltener aufweisen - dann spielt das Geschlecht sehr wohl eine Rolle. Aber grundsätzlich ja: Viele unserer Eigenschaften sind ja nicht biologisch mit unserem Geschlecht verknüpft, sondern primär sozialisiert. Frauen wurde häufig von klein auf beigebracht, empathischer und fürsorglicher zu sein. Gerade dann ist es hilfreich zu sehen, dass man gar nicht unbedingt empathisch sein muss, um in Führungspositionen zu gelangen.

SPIEGEL ONLINE: Empathisch müssen Chefinnen vielleicht nicht sein. Trotzdem stehen sie doch häufig unter dem Druck, sich für andere Frauen einsetzen zu müssen - nur weil sie Frauen sind.

Büttgen: Ich würde davon ausgehen, dass es Frauen in diesen Positionen durchaus ein Anliegen ist, die Interessen von anderen Frauen zu vertreten. Dabei geht es vor allem um Chancengleichheit. In der Wirtschaft findet man allerdings auch ein Phänomen mit dem Namen "Queen-Bee-Effekt": Wenn man einmal die Königsbiene ist, hält man sich die anderen Bienen lieber vom Leib. Frauen sind anderen Frauen dann unter bestimmten Umständen nicht wohlgesonnener und frauenfördernd. Diese Theorie ist allerdings nur bedingt bestätigt. Die Tendenz ist, dass Frauen in Spitzenpositionen mit Hilfe ihrer Netzwerke durchaus andere Frauen fördern.

SPIEGEL ONLINE: Frauen schaden anderen Frauen, damit sie nicht in Vorstände rücken?

Büttgen: Grundsätzlich würden es die meisten Frauen wohl befürworten, wenn mehr Frauen in Führungspositionen wären. Viele fordern, dass Mechanismen etabliert werden, die die generellen Möglichkeiten für Frauen verbessern. Der "Queen-Bee-Effekt" bezieht sich allerdings nicht auf etwas Systemisches, sondern wenn einzelne Personen unmittelbar miteinander agieren. Eine Persönlichkeitsstudie von uns hat zumindest gezeigt: Das Konkurrenzdenken ist bei Frauen in diesen Führungspositionen noch ausgeprägter als bei Männern.

SPIEGEL ONLINE: Noch kompetitiver, noch unverträglicher, noch kämpferischer - warum müssen Frauen von allem immer mehr mitbringen, um solche Posten überhaupt zu bekommen?

Büttgen: Der Weg für Frauen ist einfach oft noch steiniger. Allerdings gilt für beide Geschlechter: Eine sehr weiche und sensible Person gelangt generell nicht in solche Positionen. Sie würde es vermutlich auch gar nicht wollen: Man muss einfach emotional stabil und stressresistent sein, ansonsten sind solche Positionen eine extreme Belastung.

SPIEGEL ONLINE: Männer können sich natürlich auch für Frauen einsetzen. Werden sie anders beurteilt als Chefinnen, die sich für ihre Mitarbeiterinnen stark machen?

Büttgen: Ich könnte mir vorstellen, dass es bei Männern auch ein bisschen mehr "en vogue" ist: Es steht ihnen natürlich gut zu Gesicht, sich für die Interessen von Frauen starkzumachen, manchmal sogar noch besser als bei Frauen selbst. Extrem könnte man es vielleicht so formulieren: Bei Männern kann es etwas Gönnerhaftes haben, bei Frauen etwas Kämpferisches. Aber ich würde bestimmt nicht sagen, dass diese Männer sich nur dafür einsetzen, um gönnerhaft zu wirken. Wenn sie nicht überzeugt wären, würden sie nicht so dafür kämpfen.

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pennywise 15.07.2019
1. es ist zum Mäusinnen Melken
Das nun die Diskussion darum dreht, das es sich um eine Frau handelt. Es geht um Kompetenz. Es geht um undurchschaubare Mauschelei. DARUM dreht es sicht. Es natürlich cool jeden Gegner von VdL als Frauenfeind darzustellen.
ein-berliner 15.07.2019
2. Rücktritt?
Kein Gerücht? Die Bundeswehr bekommt wieder einen Chance? Wenn alles gut geht kann auch die EU noch hoffen... Tschüss
barrakuda64 15.07.2019
3. Typisches BWLer Blabla
Nichtssagendes Allerlei einer Professorin "Sowieso" aus "Hintertupfingen", die sich natürlich als Vertreterin einer Elite sieht, die niemand besser beschreiben kann als ein Mitglied dieser Elite. Ein Pamphlet garniert mit vielen Fachausdrücken, wo es eine klare deutsche Formulierung getan hätte. Es ist im Übrigen die Mehrheit der Gesellschaft, die sich immer wieder solche Leute wie von der Leyen wünscht, in dem irrigen Glauben, diese Menschen würden ihre Rücksichts- und Skrupellosigkeit zum Vorteil des eigenen Volkes oder globaler gesagt zum Vorteil der Menschheit einsetzen. Der einzige Mensch der diese Spezies interessiert, sind sie selbst! Und solange das von der Mehrheit nicht begriffen wird und sie daher immer wieder in diese alten Muster zurückfällt, solange wird es in punkto Menschlichkeit keinerlei Fortschritt geben. Es ist nicht so, dass empathische Menschen weniger durchsetzungsstark und belastbar wären, sondern diese Personen sind einfach angewidert davon, einer Gesellschaft zu dienen, die solch einen Einsatz nicht zu würdigen wüßte. Man muss sich nur mal dieses lächerliche und erbärmliche Schauspiel von der Leyens ansehen - IHRE Partei, die für Profit vor Umweltschutz, für Ausweitung des ausbeuterischen Sektors des Arbeitsmarktes und für so viele mehr Schlechtigkeiten steht, sie, als Vertreterin dieser Partei will plötzlich einen kompletten Paradigmenwechsel glaubhaft vermitteln. Einfach nur lachhaft......................wenn es nicht so traurig wäre, denn ich sehe sie leider bereits an der EU Spitze!
RalfHenrichs 15.07.2019
4. Sehe ich anders
Von der Leyen wäre definitiv ein starkes Zeichen der Gleichberechtigung. Schließlich ist diese erst erfüllt, wenn auch unfähige Frauen auf Spitzenpositionen gelangen. Von der Leyen wäre dann zwar nicht die erste Frau, die dies erfüllt, aber eine weitere Bestätigung hierfür. Dennoch wäre mir ein kompetenter MENSCH lieber.
Poli Tische 15.07.2019
5. Frau von der Leyen......
hatte einen Politiker als Vater und sicher viel über die Strukturen und das Management einer Führungsposition erfahren und gelernt. Sie ist Mutter - was ihr ohne Zweifel auch den Wert eines menschlichen Lebens näher gebracht hat. Warum also sollte sie nicht für diese Führungsposition geeignet sein. Schau mer mal - es gibt genug Männer die sicher ungeeigneter für so eine Position wären. Gebt Ursula von der Leyen eine Chance!
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