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Berufsplanung Frauen wollen anders Karriere machen als Männer

Karriere machen, das gehen Männer und Frauen sehr unterschiedlich an. Eine neue Studie zeigt: Frauen planen und entscheiden anders. Hier erklären die Autoren, wie Firmen sich darauf einstellen müssen.
Wird es für junge Frauen leichter als für ihre Mütter, Karriere zu machen?

Wird es für junge Frauen leichter als für ihre Mütter, Karriere zu machen?

Foto: Corbis

KarriereSPIEGEL: Herr Boes, Frau Bultemeier, wollen Frauen jetzt Karriere machen oder nicht?

Boes: Sie sollten das Frauen so nicht fragen, denn sie werden auf diese Frage anders antworten als Männer. Männer sagen: Ich will in zehn Jahren Vorstand sein. Frauen planen Schritt für Schritt und überlegen dann immer wieder von Neuem, ob sie noch weiter gehen können und wollen.

KarriereSPIEGEL: Sprich: Sie wollen keine Karriere machen.

Bultemeier: Doch, doch. Denn wenn Sie Männer und Frauen nach ihren Entwicklungswünschen fragen, dann gibt es eigentlich keine Unterschiede, ja, eigentlich wollen beide Geschlechter dann das Gleiche. Mehr Gehalt, mehr Macht, mehr Einfluss.

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Foto: BMW

KarriereSPIEGEL: Das Problem ist der Begriff Karriere...

Boes: ...und alles, was damit verbunden ist. Derzeit gilt: Jeder, der sich nicht bedingungslos der Firma hingibt, ist nichts. Wer einen Gott neben der Firma hat, gerät aus dem Blickfeld für die Top-Positionen.

KarriereSPIEGEL: Darauf haben Frauen keine Lust.

Bultemeier: Viele Männer übrigens auch nicht. Aber bei Frauen greifen zwei spezielle Filter: Erstens ist die Karrierewelt nicht ihre Welt - und ich meine nicht die Berufswelt! Sie sind oft unterrepräsentiert, fühlen sich als Fremde, erfahren in Spitzenpositionen eine zweischneidige Form von Aufmerksamkeit durch diese Sonderstellung. Das ist anstrengend und unangenehm. Männer bewegen sich in für sie bekannten Strukturen, leben hier eine Selbstverständlichkeit, quasi mit einem "Naturrecht" auf Karriere.

KarriereSPIEGEL: Und der andere Grund?

Bultemeier: Frauen sind stärker als Männer in zwei Welten gefordert: in der Familie und in der Sorgearbeit auf der einen sowie eben in der Berufswelt auf der anderen Seite. Daher haben sie auch eine ganzheitlichere Vorstellung von Karriere, die Familie mit einschließt. Dieser Anspruch ist aber nur schwer mit der bedingungslosen Hingabe für die Unternehmen zu vereinbaren.

KarriereSPIEGEL: Entsprechend empfehlen Sie, den Karrieremechanismus in Unternehmen grundlegend zu ändern, um auch Frauen anzusprechen. Sie nennen es gar einen "historischen Möglichkeitsraum", der sich jetzt biete.

Boes: Es vollzieht sich gerade eine Wende, denn das Thema Geschlechtergerechtigkeit wird erstmalig strategisch angegangen. Es gibt eine veränderte politische Situation in Unternehmen. Bislang waren es Diversity-Beauftragte, die in mühevoller Kleinarbeit gewissermaßen an den Rändern der Unternehmen eine Politik der Frauenförderung "von unten" betrieben haben. Jetzt spüren die Vorstandsvorsitzenden den Druck zum Handeln von Seiten der Politik, auch der EU. Wir haben also nie dagewesene Möglichkeiten, jetzt die Unternehmen zu modernisieren.

Die Studie

Auf der Basis von fünf Jahren Forschung analysierten Wissenschaftler des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, den Karrieremechanismus sowie das Karriereverhalten von Männern und Frauen. Zudem geben sie Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Gestaltung der Karrierechancen von Frauen in modernen Unternehmen. Sie stützen sich auf eigene empirische Erhebungen und Expertengespräche mit Beschäftigten und Führungskräften auf allen Ebenen und beiderlei Geschlechts in Unternehmen der Elektroindustrie, ITK-Industrie und der Bankenwirtschaft.

Das Forschungsprojekt "Frauen in Karriere" wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert; die Ergebnisse sind nun im Buch "Karrierechancen von Frauen erfolgreich gestalten" veröffentlicht. Daneben kommen in dem Band auch hochrangige Entscheider aus der deutschen Wirtschaft zu Wort.

KarriereSPIEGEL: Laut DIW haben die 200 größten Firmen in Deutschland aktuell vier Prozent weibliche Vorstände. Klingt nicht nach Modernisierung auf breiter Front.

Boes: Es ist ein objektiver Anachronismus, dass es immer mehr hochqualifizierte Frauen gibt und im Topmanagement so gut wie keine. Das baut noch mehr Druck auf, endlich etwas zu ändern. Auch, weil Unternehmen sonst ein Nachwuchsproblem bekommen. Wer heute nicht daran arbeitet, den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt mit Blick auf die Frauen gerecht zu werden, der muss es morgen mit Blick auf eine ganze Generation tun. Die junge Generation will andere Götter.

KarriereSPIEGEL: Jetzt mal ehrlich: Sind Sie nicht zu euphorisch? Ist es nicht so, dass Alibi-Positionen mit Frauen besetzt werden und sonst alles beim Alten bleibt?

Boes: Die Firmen sind mit ihren Maßnahmen jetzt ans Eingemachte gekommen, und der nächste Schritt ist, dass sie sich jetzt strukturell ändern und öffnen müssen. Einige tun das - andere zucken jetzt zurück. Und um sich dem politischen Druck zu beugen, befördern sie eben ein paar Vorzeigefrauen in Vorstands- oder Aufsichtsratspositionen. Sie streichen also lediglich die Wände neu, ändern aber nichts an den entscheidenden Rahmenbedingungen für Karriere.

KarriereSPIEGEL: Was läuft denn in Ihren Augen schief?

Bultemeier: Zum Beispiel wird die Verfügbarkeitserwartung immer mehr erhöht, wird zur Ideologie. Wir missbrauchen die mobile Kommunikation in die falsche Richtung, nämlich die der ständigen Erreichbarkeit. Sie sollte die Menschen entlasten und Arbeit mobiler machen.

KarriereSPIEGEL: Aber wie verändert man das?

Boes: Ernsthaft Führung in Teilzeit zu etablieren, ist ein Anfang. Damit entmystifizieren Sie Teilzeit, liefern den praktischen Beweis, dass Führung nicht Dauerpräsenz erfordert, und können somit einen Modernisierungsprozess fürs gesamte Unternehmen anstoßen.

KarriereSPIEGEL: Trotzdem sind das doch Einzelmaßnahmen.

Boes: Es sind Stellschrauben. Die Chancen, dass Modernisierung jetzt klappt, sind hoch wie nie.

Zu den Personen
Foto: ISF München

Andreas Boes ist Arbeits- und Industriesoziologe und lehrt als Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. Er ist Vorstandsmitglied am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München.

Anja Bultemeier ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.