Frauen und MINT-Fächer Wie froh ich bin, dass ich an Mädchenschulen lernte

In MINT-Berufen sind Frauen rar - auch weil Mädchen in der Schule oft vor Mathe zurückschrecken. Ist das anders, wenn keine Jungs im Klassenraum sind? Ja, sagt Matheprofessorin Inge Schwank. Sie selbst sei das beste Beispiel.

Mädchen und Mathe: "Notfalls wäre wieder an die Einrichtung von Mädchenschulen zu denken"
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Mädchen und Mathe: "Notfalls wäre wieder an die Einrichtung von Mädchenschulen zu denken"


Zu Person
  • Inge Schwank
    Inge Schwank, Jahrgang 1959, ist Professorin für Mathematik und ihre Didaktik an der Universität zu Köln.

"In meiner elfjährigen Schulzeit habe ich drei Grundschulen und drei Gymnasien in vier verschiedenen Bundesländern besucht. Mein Vater wechselte häufig den Beruf - und dadurch hatten wir Kinder ein wortwörtlich bewegtes Schulleben. Von Anfang der vierten bis zum Ende der achten Klasse hatte ich das Glück, an Mädchenschulen unterrichtet zu werden.

Diese Jahre waren meine schönste Schulzeit, und sie haben mich auch beruflich geprägt. Hier fühlte ich mich gut aufgehoben und konnte eine sehr gute Schülerin sein, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Meine Mathematiklehrinnen und Mathematiklehrer waren durchgehend hervorragend und fanden es vollkommen normal, Mädchen in ihren individuellen Stärken zu fördern, mich eben in Mathematik. Fächer, in denen Jungen - laut der gängigen öffentlichen Meinung - per se besser waren als Mädchen, gab es nicht.

An dumme Sprüche erinnere ich mich noch immer

Welche Vorteile das für meine eigene Einstellung hatte, wurde mir erst später klar. Nachdem ich die neunte Klasse übersprungen hatte, ging ich in den letzten vier Schuljahren an eine Regelschule. An dumme Sprüche, die dort fielen, erinnere ich mich noch immer: Einem Deutschlehrer war wichtig, uns während des Unterrichts mehrfach darüber aufzuklären, dass er gern im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig unterrichte. Dort sei sichergestellt, dass er es mehr mit Jungs zu tun habe. Ich war im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig.

Mit siebzehn Jahren hatte ich endlich mein Abitur in der Tasche und konnte die ungeliebte Regelschule hinter mir lassen. Ich wollte Mathematik studieren - und das stieß nicht durchweg auf positive Resonanz. Selbst meine Eltern hatten Sorgen, dass ich als Mädchen mit Mathematik in meinem Leben nicht glücklich werden würde: 'Hast du dir das wirklich gut überlegt?'

Auch heute noch scheinen Mädchen solche Vorbehalte entgegenzuschlagen. Wieso sonst studieren nicht einmal halb so viele Frauen wie Männer Mathematik und Naturwissenschaften?

Der Kompromiss war in meinem Fall ein Lehramtsstudium mit den Fächern Mathematik und Physik, später nahm ich aus Spaß an der Freude noch Informatik dazu. Mit vierundzwanzig Jahren reichte ich meine Promotion in Mathematik ein. Ich wusste: Das hatte ich meinen Lehrkräften in den Mädchenschulen zu verdanken, die mich jenseits aller gängigen Klischees bestmöglich gefördert hatten. Ohne sie hätte ich mich vielleicht doch für andere, 'mädchenhaftere' Studienfächer entschieden.

Mädchen gehen an Matheaufgaben anders heran

Heute als Hochschullehrerin für Mathematik und ihre Didaktik ist es mir ein Anliegen, zukünftige Mathematiklehrkräfte so auszubilden, dass ihnen die Förderung von Mädchen und Jungen gleichermaßen gelingt und dass sie sich über - eventuell unbewusste - Vorurteile im Klaren werden.

Außerdem haben meine eigenen Forschungen mit Schülerinnen und Schülern gezeigt: Mädchen gehen an mathematische Problemstellungen oft anders heran als Jungen. Viele Mädchen können relativ gut komplexe statische Strukturen analysieren, sich aber schlechter aktionsgeladene dynamische Prozesse vorstellen, was wiederum Jungs oft leichter fällt.

Aus dem Kindergarten ist uns etwa bekannt, dass manche Kinder beim Würfelspiel größere Probleme damit haben, eine gewürfelte Augenzahl in eine Anzahl an Hüpfern auf einem Spielbrett umzusetzen. Es gibt also kognitive Unterschiede, die aber nicht bedeuten, dass Mädchen automatisch schlechter in Mathe sind. Man müsste Mädchen lediglich anders auf die Bearbeitung mathematischer Probleme vorbereiten, am besten schon in der Grundschule, denn hier werden die Weichen gestellt.

Wir empfehlen Materialien, mit denen zum Beispiel Treppen gebaut werden können, auf denen Figuren herumhüpfen. Das hilft insbesondere Mädchen, die der Prozesssicht ferner stehen, sich Zahlen zu erschließen.

Wenn solche Ansätze im gemeinsamen Mathematikunterricht nicht besser berücksichtigt werden, wäre notfalls wieder an die Einrichtung von Mädchenschulen oder mindestens an getrennte Unterrichtsstunden zu denken. Denn ich fürchte: Ohne ein Umdenken wird der Anteil von Frauen in mathematisch und naturwissenschaftlich geprägten Studienfächern und Berufen kaum steigen."

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