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Mäglis Mädels: Von einem Reeder, der nur Frauen wollte

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Frauenanteil 99 Prozent Warum ein Schweizer Reeder immer nur "Ladies" einstellt

René Mägli ist allein unter hundert Frauen. Er wollte es ja so: Seit Jahren beschäftigt der Reeder in Basel ausschließlich Frauen. "Ich habe nichts gegen Männer", sagt er und lässt trotzdem keine hinein. Denn Mägli ist überzeugt: Frauen kämpfen für eine Sache, Männer um ihren Status.
Von Julian Schmidli

René Mägli ist ein Mann der klaren Worte. Einer, der Sätze sagt wie "Ich habe nichts gegen Männer" oder "Mein Personal ist mein Kapital". Und er ist ein Mann mit einem Prinzip, das ihn in der Unternehmerwelt einzigartig macht: Mägli stellt nur Frauen ein.

Über hundert Mitarbeiterinnen arbeiten inzwischen in seinem Betrieb, der Schweizer Niederlassung von MSC, der zweitgrößten Frachtreederei der Welt. In einem schmucklosen Gebäude in der Basler Innenstadt füllen sie drei Stockwerke aus: Controllerinnen, Buchhalterinnen, Finanzspezialistinnen, Verkäuferinnen, Managerinnen, IT-Fachfrauen - und mitten drin, im zweiten Stock, im Großraumbüro hinten links, das kleine Pult von René Mägli. Von hier aus delegiert er seine Frauen-Truppe, lässt auf riesigen Frachtern Kaffee, Zucker, Baumwolle über Flüsse, Seen, Ozeane schiffen. Und revolutioniert ganz nebenbei die Arbeitswelt.

Dabei sieht er nicht aus wie ein Revolutionär. Ein hochgewachsener, schlanker Mann, 61 Jahre alt, mit lebendigem Gesicht und Stirnglatze. Er ist ganz der Typ distinguierter Patron: Weißes Hemd, Siegelring am Finger, eine dünngefasste Lesebrille mit Goldkette um den Hals, immer mit schweizerischem Understatement. Er selbst sieht sich nicht als Weltveränderer: "Ich tue das nicht aus Idealismus. Frauen eignen sich einfach besser für ein Dienstleistungsunternehmen. Sie bringen mehr Profit."

Wie man Zickenkrieg verhindert

Mägli zählt ihre Qualitäten an beiden Händen auf: Eine Frau sei kommunikativer, zielstrebiger, kostenbewusster, besser in Fremdsprachen und besser im Team, zudem setze sie schneller Prioritäten als ein Mann. Vor allem aber tue sie eines, sagt Mägli: "Eine Frau dient der Sache." Dies sei das entscheidende Merkmal. "Männer kämpfen um die eigene Position, um Geld und den Status. Frauen tun dies bei uns - meines Erachtens - nicht."

Anita Vogt, 45, stimmt ihm zu. Die Baslerin ist zuständig für den Bereich Export und Sales National und seit 15 Jahren in Mäglis Unternehmen. Als sie begann, waren es 15 Frauen, ein Mann plus Mägli - doch dem Mann wurde es bald zu viel. "Seither herrscht hier Frauen-Power."

Die unterschiedlichen Arbeitsweisen von Mann und Frau seien ihr da erst richtig bewusst geworden. "Wenn Männer im Team arbeiten, schaut jeder nur für sich. Sie kommunizieren weniger und lassen sich kaum helfen." Im reinen Frauenteam sei dies anders: "Dann geht es weniger um Hierarchien, sondern darum, gemeinsam die vorhandene Arbeit zu bewältigen."

Nur Frauen unter sich, kommt es da nicht zum Zickenkrieg? "Nein", sagt Vogt. "Aggressives Verhalten wird bei uns nicht belohnt. Wer manipuliert und intrigiert, kriegt hier keinen besseren Job - im Gegenteil." Das eigentliche Geheimnis dieses Erfolgsmodells sei es nämlich, die richtigen Frauen für die richtigen Aufgaben zu finden. Und darin sei Mägli nun einmal unschlagbar.

Der letzte Matrose

Einstellungen sind hier Chefsache. Und mit einem Wachstum von 25 Prozent jährlich hat Mägli alle Hände voll zu tun. Erst letzte Woche wurden sieben neue Mitarbeiterinnen eingestellt, jetzt sind es über hundert. Mägli führt die Bewerbungsgespräche persönlich. Vorbildung und Berufserfahrung seien ihm nicht wichtig, stattdessen zählten der Wille zum Lernen und vorhandene Sozialkompetenz, sagt er: "Alles andere kann man ihnen beibringen."

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Auf Mäglis kleinem Pult im Großraumbüro - ein eigenes Büro oder eine Sekretärin nennt er "Macho-Gehabe" - steht eine Skulptur. Ein Matrose, aus Holz geschnitzt, die aufgemalte Farbe seines blau-weiß gestreiften Hemdes bereits abblätternd, die Hände in den Hosentaschen, als gäbe es hier nichts mehr zu tun. Der Matrose steht in diesem Büro wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Hier, wo die Schifffahrt plötzlich Frauensache ist, in einem Land, das nicht einmal ans Meer grenzt.

Bei MSC in Basel sind die Reeder Frauen. Vor allem zwei Dinge fallen auf. Erstens: Sie kommunizieren ausgesprochen gut, sprechen in kurzen, klaren Sätzen und unterstreichen das mit schwungvollen Handbewegungen. Und zweitens: Sie alle kommen ins Unternehmen - und bleiben. Fluktuation, so Mägli, gebe es nahezu keine.

Nur kurzes Intermezzo bei einer anderen Firma

Dies liegt auch an den Arbeitsbedingungen. Bei der Schweizer MSC Agentur arbeiten die meisten Teilzeit, egal auf welcher Stufe. Und wenn sie nach einer Schwangerschaft wieder kommen wollen - kein Problem. Für Mägli ist das selbstverständlich: "Meine Leute sind mein Kapital. Warum sollte ich sie plötzlich fallenlassen?" Wenn eine Frau aus der Schwangerschaft zurückkomme und mit den Jahren die Arbeitszeit wieder aufstocke, hätten alle gewonnen. "Mütter können gut koordinieren und Prioritäten setzen. Diese Stärke muss man nutzen." Das Votum seiner Mitarbeiterinnen ist eindeutig: René Mägli glaube an seine Frauen. Und das werde ihm eben gedankt.

Patrizia Di Geronimo ist eine der Führungsfrauen. Mit ihren 24 Jahren leitet sie bereits die Finanzen, die Human Ressources und managt die Key Accounts der Firma. Eine zierliche Frau mit knallrot-bemalten Fingernägeln. Schifffahrt sei ihre Leidenschaft, sagt sie, aber es sei eben auch eine Männerbranche. Die meisten ihrer Kunden sind Männer. "Deshalb müssen wir doppelt so gut sein, wie ein Mann es wäre." Mit 15 begann Di Geronimo ihre Lehre in der Firma - kein ungewöhnliches Einstiegsalter in der Schweiz - und wurde seither gefördert. Von Mägli hält sie viel: "Er ist fast wie ein Vater für mich. Trotzdem bleibt er immer sachlich und lösungsorientiert."

Nach sechs Jahren bei MSC wollte Di Geronimo einmal etwas anderes sehen und übernahm eine Leitungsfunktion in einem anderen Unternehmen - als einzige Frau. Und das bekam sie schnell zu spüren. "Ich brauchte viel mehr Energie und musste mich immer wieder beweisen, um von den Männern ernst genommen zu werden." Nach zwei Jahren traf sie Mägli zum Gespräch. Wenig später war sie zurück, als neue Finanzchefin.

Mägli liegt viel an seinen Frauen. Deswegen nennt er sie auch "Ladies". Er sei eben ein Gentleman und drücke so seinen Respekt aus. "Chef sein und gleichzeitig Gentleman - warum nicht? Ich zeige so meine Wertschätzung."

Trotzdem: Von der Frauen-Quote hält er nichts. Man müsse nicht immer alles gesetzlich regeln. Wenn andere Unternehmen den Wert von Frauen nicht erkennen, dann sei das deren Problem.

KarriereSPIEGEL-Autor Julian Schmidli (Jahrgang 1985) arbeitet als freier Journalist und Filmemacher in Basel. Am liebsten beleuchtet er Kultur- und Gesellschaftsthemen aus einem ungewohnten Blickwinkel.

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