SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. November 2011, 17:36 Uhr

Frauenmangel in Führungsetagen

"Man braucht keinen Bart, um Rasierer zu verkaufen"

Ein Appell hier, ein Versprechen dort: Die Frauenförderung in Deutschlands 75 größten Unternehmen ist halbherzig und darum erfolglos. Laut einer Umfrage des Juristinnenbundes wissen Firmen oft nicht einmal, wie viele Frauen sie gern im Vorstand hätten.

Der Deutsche Juristinnenbund hat den 75 wichtigsten börsennotierten Unternehmen Deutschlands ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Trotz aller Appelle, Richtlinien und Selbstverpflichtungen sei der Anteil weiblicher Führungskräfte gerade in Vorständen nach wie vor inakzeptabel niedrig.

Das ist das Fazit einer Umfrage auf den diesjährigen Hauptversammlungen von 75 börsennotierten Unternehmen. Darunter waren alle 30 Konzerne vertreten, die im Leitindex Dax geführt werden, sowie 45 Unternehmen aus dem MDax und TecDax, der kleinere und mittlere Aktiengesellschaften umfasst.

Positiv würdigte Ramona Pisal, die Präsidentin des Juristinnenbundes, dass die meisten Unternehmen gewisse Zielsetzungen für ihre Aufsichtsräte formulierten. So soll der Frauenanteil in den kommenden zwei Wahlperioden im Schnitt auf bis zu 30 Prozent erhöht werden. Anders sieht es der Studie nach bei den Plänen für die Vorstände aus: Der Frauenanteil stagniere bei drei Prozent, der Wille zur Besserung tendiere gegen Null.

Wünschenswert: 40 Prozent in allen Führungsetagen

45 Prozent der Dax-Konzerne und 13 Prozent der im MDax- und TecDax-Firmen gaben lediglich ganz allgemein an, in welcher Größenordnung der Anteil weiblicher Führungskräfte in den nächsten beiden Wahlperioden steigen soll. Aus Sicht von Pisal sind das keine angemessenen Ziele. Der Juristinnenbund fordert seit 2007 eine Frauenquote von 40 Prozent in Aufsichtsräten und Vorständen.

Das Argument vieler Quoten-Kritiker, Frauen fehle oftmals die nötige Qualifikation für männertypische Berufe, lässt Pisal nicht gelten. Bei der Präsentation der Zahlen sagte sie, auch Juristinnen und studierte Wirtschaftswissenschaftlerinnen könnten ein Maschinenbauunternehmen leiten: "Man muss keinen Bart haben, um Rasierklingen zu verkaufen."

Was Karriereprogramme speziell für Frauen betrifft, halten der Studie zufolge 60 Prozent der Dax-Konzerne ein Angebot bereit; bei den MDax- und TecDax-Unternehmen sind es nur 15 Prozent. Die restlichen Firmen hielten derlei Angebote für überflüssig, oft mit einem Verweis auf den Respekt vor gleichen Karrierechancen für Männer und Frauen.

Zur Kinderbetreuung nehmen sich Männer mit Führungsaufgabe laut Umfrage bis zu zwei Monate frei für ihr Baby. Frauen bleiben in der Regel drei Monate bis drei Jahre zu Hause. Angebote, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern sollen, bietet jedoch die Mehrheit der befragten Firmen.

Sarah Lena Grahn, dapd/mamk

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung