SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. November 2013, 09:27 Uhr

Frauenquote in Aufsichtsräten

"Ich habe schon eine Handvoll Damen in petto"

Die Frauenquote in Aufsichtsräten kommt, aber woher kommen die Frauen? Eine Herausforderung für Headhunter wie Sabine Hansen. Sie erklärt, warum Arbeitgeber aufschreien, die Quote trotzdem Strahlkraft entwickeln wird und gute Schminke auch in der Autobranche hilft.

Sabine Hansen (Jahrgang 1970) ist seit zwölf Jahren Headhunterin. Als Geschäftsführerin der Personalberatung Amrop Delta berät sie Unternehmen bei der Besetzung von Spitzenpositionen. Sie engagiert sich im Verein "FidAR - Frauen in die Aufsichtsräte".

KarriereSPIEGEL: Frau Hansen, Sie setzen sich seit Jahren für eine Frauenquote in Aufsichtsräten ein. Nun haben Union und SPD sie in den Koalitionsverhandlungen vereinbart. Aber: Wo sollen all die Frauen herkommen?

Hansen: Ich sehe da gar kein Problem. Bei männlichen Aufsichtsräten greift man gern auf renommierte Wissenschaftler zurück - da haben wir einige Frauen mit großem Potential. Viele Unternehmen werden sich auch verstärkt Ausländerinnen suchen, denn da gibt es viele Kandidatinnen, und man kann gleichzeitig Wissen aus einem Wachstumsmarkt wie Asien ins Unternehmen holen.

KarriereSPIEGEL: Warum brauchen wir Ausländerinnen, gibt es in Deutschland selbst nicht genügend geeignete Kandidatinnen?

Hansen: In Ländern wie Großbritannien oder in Skandinavien gibt es solche Quoten längst, diese Länder haben uns ein paar Jahre voraus, und geeignete Leute konnten sich entwickeln. Bei uns hat der Schwebezustand dafür gesorgt, dass gar nichts passiert ist. Wenn die Unternehmen aber offener sind, finden sich auch in Deutschland viele Kandidatinnen, zum Beispiel Frauen, die ein größeres Familienunternehmen erfolgreich führen. Auch die eignen sich für den Aufsichtsrat. Ich habe schon eine Handvoll Damen in petto, die wären sehr offen dafür, diese Posten zu bekommen.

KarriereSPIEGEL: Warum haben es diese Frauen bisher nicht in die Aufsichtsräte geschafft?

Hansen: Das häufigste Argument war die fehlende Branchenkenntnis: Versteht sie denn etwas von unserem Geschäft? Das wurde oft als Vorwand benutzt. Dass es auch nützen kann, Kenntnisse aus anderen Branchen mit ins Unternehmen zu holen, übersteigt leider bei vielen die Vorstellungskraft. Als Andrea Jung vom Kosmetikkonzern Avon in den Aufsichtsrat von Daimler wechselte, wurde auch gespottet, ob Mercedes-Autos jetzt an der Haustür verkauft werden sollen.

KarriereSPIEGEL: Eigentlich geht es also darum, dass die Männer unter sich bleiben wollen?

Hansen: Es gibt Leute, die in fünf oder sechs Aufsichtsräten sitzen, alle kennen sich. Da wird oft gesagt: Der ist schon in zwei, drei Aufsichtsräten, den nehmen wir auch bei uns dazu. In diese "Old Boys Networks" vorzustoßen, ist manchmal sogar für Männer schwer. Für Frauen ist es noch schwieriger.

KarriereSPIEGEL: Würde eine Frauenquote in Vorständen und auf der Management-Ebene nicht mehr bringen als in Aufsichtsräten?

Hansen: Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. Ich glaube, man darf nicht zu viel regulieren. Es muss sich noch viel tun, aber das wird es, denn die Quote wird Strahlkraft haben. Man soll sich aber nicht vorstellen, dass jetzt über Nacht alles anders wird. Das ist nur ein erster wichtiger Schritt.

KarriereSPIEGEL: Dass jetzt alles anders wird, scheint aber die Privatwirtschaft gerade zu befürchten.

Hansen: Ich muss schon sagen: Der Aufschrei der Arbeitgeberverbände überrascht mich. Was sich hier zeigt ist Angst, nicht nur um die Karrieren der Männer, sondern vor Veränderung allgemein. Das System hat sich ja für die, die drinnen sind, gut bewährt.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung