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Hebammen: Arbeiten für die Versicherung

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Hebammen Schuften für die Haftpflicht

25 Prozent mehr Einkommen? Klingt dreist, aber Deutschlands Hebammen fordern das mit guten Gründen: Ihre Versicherungsprämien steigen drastisch, allein dafür müssen Freiberuflerinnen 200 Stunden rackern. An politischem Beistand fehlt es der Leichtlohngruppe.

Julia Schäfer, 28, mag keine Krankenhäuser. Die Sterilität des Kreißsaals macht ihr Angst, sie hat dort schon zwei Kinder geboren: "Diesen Stress will ich nie wieder mitmachen." Sie ist im sechsten Monat und will ihr drittes Kind zu Hause zur Welt bringen, mit Hilfe einer Hebamme, so wie es früher Tausende Frauen gemacht haben. Doch eine Entbindungshelferin für Hausgeburten zu finden, ist gar nicht so leicht. Hebammen bieten das kaum noch an. Im Norden von Hessen, wo Julia Schäfer wohnt, hat sie keine gefunden. Erst im Nachbarland Niedersachsen erklärte sich Sabine Dähndel bereit, den Job zu übernehmen.

Alle zwei Wochen fährt die freiberufliche Hebamme 250 Kilometer von Hannover bis Alheim, um bei Julia Schäfer die Herztöne des Kindes abzuhören und die Lage des Babys im Mutterleib zu prüfen. Zwischen zehn und zwölf Babys holt Dähndel jedes Jahr bei Hausgeburten, zuletzt bei einer Familie in Flensburg. Finanziell lohnt sich dieser Aufwand nicht.

Freiberufliche Hebammen zahlen im Schnitt pro Jahr fast 3700 Euro für ihre Haftpflichtversicherung - und ab 1. Juli steigen die Kosten noch einmal, auf 4200 Euro. Bei einem durchschnittlichen Jahresumsatz von 24.000 Euro sei das "kaum zu bezahlen", sagt Gabriele Kopp, Vorsitzende des Landesverbands der hessischen Hebammen.

Die Haftung erstreckt sich über 30 Jahre

Vom Umsatz gehen die Ausgaben und Steuern noch ab. Auch die rasant steigenden Prämien stemmen die Freiberuflerinnen komplett selbst. Um diese Summe zu verdienen, müssen Hebammen 196 Stunden arbeiten, rechnet ihr Bundesverband vor - über einen Monat lang also allein für die Versicherung. Auch Sabine Dähndel sagt, sie mache ihren Job nur aus Idealismus: "Es kann nicht sein, dass Frauen zum Gebären in eine Klinik müssen, wenn sie das überhaupt nicht wollen."

Das Problem: Geht bei der Geburt etwas schief, haften Hebammen dafür - und zwar 30 Jahre lang. Nur drei Versicherungen bieten eine Police an, die dieses Risiko abdeckt. Die Beiträge sind entsprechend hoch und steigen immer weiter, allein innerhalb der letzten zwei Jahre um 1800 Euro. Die Versicherungen begründen diesen Schritt mit den gestiegenen medizinischen Kosten: Bei einem schweren Geburtsschaden nach einem Behandlungsfehler ging die Deutsche Ärzteversicherung 1998 von einer Schadenshöhe von 340.000 Euro aus - zehn Jahre später waren es fast 2,9 Millionen Euro.

Seit Monaten verhandeln Hebammenverbände mit den Krankenkassen über mehr Geld, um die Prämiensteigerungen auszugleichen; rund 145.000 Menschen haben auch einen Online-Appell  unterzeichnet. Doch die Gespräche sind völlig festgefahren. Dass es bis Ende Juni noch zu einer Einigung kommt, ist unwahrscheinlich. Beistand vom Bundesgesundheitsminister können Hebammen kaum erwarten - anders als Ärzte, die gut verdienen, sich dennoch für notorisch unterbezahlt halten und unbeirrbar auf höhere Honorare drängen. Mit jahrzehntelanger Routine und guten Erfolgsaussichten.

Für derart durchschlagstarken Lobbyismus ist die Gruppe der Hebammen zu klein und zu schwach. FDP-Minister Daniel Bahr forderte zwar im Mai die Krankenkassen auf, die höhere Haftpflicht mit einer höheren Vergütung aufzufangen, aber einen "gesetzgeberischen Handlungsbedarf" sieht das Ministerium nicht. Auch ein Krisentreffen am vergangenen Mittwoch brachte keine Fortschritte.

Leichtlohngruppe mit 7,50 Euro Stundenlohn

Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammen-Verbandes, warnt vor einem weiteren "Hebammensterben". Seit der letzten Prämienerhöhung 2009 habe rund jede vierte freiberufliche Hebamme die Geburtshilfe aufgegeben. Viele bieten lieber nur noch Schwangerschaftsvorsorge und Wochenbett-Betreuung an. Zwar steigen auch dafür die Haftpflichtbeiträge, doch eine Erhöhung von rund 50 Euro im Jahr sei notfalls noch zu verkraften, so der Hebammen-Verband.

Rund 18.000 Hebammen arbeiten in Deutschland, fast zwei Drittel freiberuflich. Nur noch rund 3000 holen in Deutschland wie Sabine Dähndel die Kinder zu Hause auf die Welt. Reich werden konnte man in diesem Job noch nie, Hebammen sind eine echte Leichtlohngruppe und stehen nun noch stärker unter Druck. Knapp 7,50 Euro beträgt ihr Netto-Stundenlohn.

Damit Geburtshelferinnen sich ihren Beruf künftig noch leisten können, fordert der Deutsche Hebammen-Verband eine Erhöhung um 2,50 Euro und einen Ausgleich für die steigenden Haftpflichtbeiträge. Beim Kassenverband heißt es, die angebotenen Zuschläge für die Geburtshilfe reichten aus, um "im Prinzip die Steigerung bei den Versicherungsprämien zu 100 Prozent" abzudecken.

Kommt es zu keiner Einigung, dann landet der Streit voraussichtlich vor der Schlichtungskommission. Die Berufsverbände wollen nicht nachgeben. Einen kleinen Erfolg haben sie schon errungen. Zum 1. Juli wird die Betriebskostenpauschale für die Geburtshäuser erhöht. Damit werden zumindest die Bedingungen für die von Hebammen geleiteten Geburtshäuser verbessert.

vet/jol/dapd/AFP