Mehr und längere Einsätze Klimawandel setzt Freiwilligen Feuerwehren zu

Schneekatastrophen, Starkregen, Waldbrände: Wetterextreme bringen die Freiwilligen Feuerwehren immer häufiger an ihre Belastungsgrenzen. Es fehlt an Ausrüstung und vor allem an gut ausgebildetem Personal.

Feuerwehrleute Anfang Juli 2019 beim Einsatz in der Nähe der Ortschaft Alt Jabel in Mecklenburg-Vorpommern
Jens Büttner/ dpa

Feuerwehrleute Anfang Juli 2019 beim Einsatz in der Nähe der Ortschaft Alt Jabel in Mecklenburg-Vorpommern

Von Maike Rademaker


Am 5. Januar 2019 fängt es nachts in Oberbayern an zu schneien. Viele Einwohner freuen sich zunächst: endlich Schnee zum Skifahren, auch wenn er ein wenig nass ist. Keine 24 Stunden später melden erste Landkreise Schulausfälle wegen zugeschneiter Straßen.

Am 11. Januar setzt sich eine geflaggte Kolonne mit Fahrzeugen von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW) in Bewegung, um die Schneekatastrophe in den Griff zu bekommen. Zum Schluss werden 38.000 Feuerwehrleute vor Ort gewesen sein, dazu THW und Bundeswehr. Sie haben die Wege frei geschaufelt, Dächer von einer tonnenschweren Last befreit, die Versorgung sichergestellt und Funkmasten enteist.

Ein paar Monate später fängt es im mecklenburgischen Lübtheen an zu brennen. Erst sind es nur sechs Hektar. Weil es aber seit Wochen nicht geregnet hat, breitet sich das Feuer rasend schnell aus. Aus dem Feuer wird der größte Waldbrand in der Geschichte des Landes. 5000 Einsatzkräfte werden zusammengezogen, die pausenlos gegen die Flammen kämpfen.

Kaum noch zu zählen sind die Einsätze der Feuerwehr bei Starkregen, Sturm, Sturzflut, Hochwasser oder Waldbrand: Die extremen Wetterphänomene sind für die Brandschützer eine Herausforderung geworden. Sie sind in der Regel die ersten, die gerufen werden.

Eine Million Freiwillige

Und es dürften mehr Einsätze werden: Wetterexperten und Klimaforscher halten die Wetterextreme für ein Indiz des Klimawandels. Niemand wisse zwar, wann genau man wieder mit einem Hitzejahr oder einem Hochwasser rechnen müsse, sagt der Klimaexperte und Geschäftsführer der Munich Re Stiftung, Thomas Loster: "Das ist wie beim Fußball: Sie wissen nicht, wann der Club Meister wird. Aber in 20 Jahren wird er mehrfach Meister gewesen sein."

Vor allem auf dem Land steht das föderale Feuerwehrsystem damit massiv unter Druck: Während in den Städten die rund 100 Berufsfeuerwehren mit verbeamteten Mitgliedern ausgestattet sind, sind es auf dem Land rund eine Million Freiwillige in 23.000 Feuerwehren. Und die haben immer öfter mit heftigen Wetterereignissen zu tun.

Völlig unvorbereitet trifft die Klimakrise die Feuerwehren allerdings nicht. Zwei Jahrhundertereignisse haben Politik und Brandschützer schon einmal wachgerüttelt: Nach dem größten Brand in der Geschichte der Bundesrepublik in der Lüneburger Heide 1975 und dem Elbe-Hochwasser 2002 wurde Tanklöschwagen gekauft, außerdem investierten die Wehren in die Ausbildung ihrer Mitglieder. Über die Jahre allerdings hat der Elan nachgelassen. "Wir haben hier viel vergessen", sagt Feuerwehrpräsident Hartmut Ziebs.

Jetzt wird in aller Eile nachgerüstet, sowohl bei Geräten als auch bei der Ausbildung - denn die Feuerwehren brauchen dringend passende Fahrzeuge, leichtere Kleidung und Hilfsmittel wie Löschrucksäcke und Löschpatschen.

So will Mecklenburg-Vorpommern seine Gemeinden für die nächsten Jahre mit 50 Millionen Euro unterstützen, damit wenigstens die ältesten Fahrzeuge erneuert werden können. Außerdem gibt es Geld für neue Kleingeräte und Schutzkleidung. In Sachsen-Anhalt will das Innenministerium im kommenden Jahr 14 Fahrzeuge speziell für Wald- und Flächenbrände mitfinanzieren. In Brandenburg sind bereits Millionen in die Ausrüstung investiert worden.

Auch der Bund, eigentlich nicht zuständig, ist gefordert und hat den Etat für den Zivilschutz auf 100 Millionen Euro aufgestockt. Die Versorgung der Katastrophenschutzeinheiten der Länder mit - eigentlich nur für den Kriegsfall vorgesehenen - Spezialfahrzeugen allerdings verläuft schleppend: So sind von den 306 fehlenden Löschgruppenfahrzeugen für den Katastrophenschutz bisher erst rund 40 ausgeliefert worden, von den geplanten 94 Schlauchwagen noch keiner.

Auf Unterstützung der Arbeitgeber angewiesen

Ausrüstung und Ausbildung sind aber ohnehin nur ein Teil des Problems. Denn den Feuerwehren mangelt es auf dem Land vor allem an Mitgliedern. Das hat einerseits mit der Landflucht zu tun, andererseits aber auch mit den vielen Berufspendlern. Die sind tagsüber in ihrem Wohnort nicht verfügbar - und wenn dann vor Ort ein Alarm losgeht, sind zu wenige Feuerwehrleute in der Nähe.

Hinzu kommt: Arbeitgeber sind zwar gesetzlich verpflichtet, Feuerwehrleute für Einsätze freizustellen. Aber längst nicht alle Unternehmen sind davon begeistert - schon gar nicht, wenn sich der ehrenamtliche Einsatz über mehrere Tage hinzieht. Und das kann bei Waldbränden und anderen Großlagen schnell mal der Fall sein.

Feuerwehrpräsident Hartmut Ziebs fordert deswegen eine Entlastung der Feuerwehren: "Der Gesetzgeber - auf Landesebene - muss sich überlegen, was die originären Aufgaben der Feuerwehr sind: Muss die freiwillige Feuerwehr die Ölspur auf der Straße entfernen - oder die Straßenmeisterei? Freiwillige Feuerwehren müssen oft Türen öffnen, weil dahinter hilflose Personen liegen - ist das nicht Sache der Polizei?"

In den Landtagen werden allerdings andere Lösungen debattiert: Stützpunktfeuerwehren, die gemeindeübergreifend eingesetzt werden, Anreize wie Prämien für die Freiwilligen oder auch mehr hauptamtliche Kräfte.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Laemat 21.09.2019
1.
Bei solchen Großschadenslagen soll die freiwillige Unterstützen, leider ist die Freiwillige viel zu oft das Rückrad für jede Art von Einsatz, dem Ehrenamt hilft Geld nicht, dem Ehrenamt hilft Entlastung. Viel mehr hauptamtliche Feuerwehren, first responder aber auch Übungsleiter I'm Sport, Betreuer im Zeltlager... Was auch immer... Aber nein schwarze Null schlanker Staat, hat Priorität
quark2@mailinator.com 21.09.2019
2.
Ich frage mich seit Jahren, warum wir eigentlich Freiwillige Feuerwehren haben. Sollte das nicht genau so ein staatlicher Service sein, wie die Polizei ? Man stelle sich das vor - Freiwillige Polizei, Freiwilliges Finanzamt, Freiwilliges Kanzleramt ... absurd. Also warum, bitte sehr, baut dieses bekanntlich reiche Land, nicht aus Steuermitteln 100% professionelle Feuerwehren flächendeckend aus, inklusive der nötigen Ausrüstung ? Mir erscheint das eine absurde Situation und in diversen anderen Ländern ist das auch anders gelöst. (Ggf. wäre das wieder ein Element wofür ein verpflichtendes soziales Jahr sinnvoll wäre. Löst natürlich nicht das Ausrüstungsproblem.)
michidharky 21.09.2019
3.
Nicht der Klimawandel setzt den Freiwilligen Feuerwehren zu sondern, wie fast immer, unsere Politik. Vor der Abschaffung der Wehrpflicht hatten wir dieses Problem nicht da man den Wehrdienst auch bei den Feuerwehren ableisten konnte. Das gibts nicht mehr und somit ist es schwieriger Personal zu generieren.
Gluehweintrinker 21.09.2019
4. 1@: Keine Sorge, der Planet wird Änderungen erzwingen
Die Freiwilligen Feuerwehren können in Zukunft allein eben nicht mehr das Rückgrat eines Zivilschutzes sein, es muss um die Professionelisierung gehen. Und siehe da: so langsam beginnt der Klimawandel richtig teuer zu werden...
Havel Pavel 21.09.2019
5.
Zitat von quark2@mailinator.comIch frage mich seit Jahren, warum wir eigentlich Freiwillige Feuerwehren haben. Sollte das nicht genau so ein staatlicher Service sein, wie die Polizei ? Man stelle sich das vor - Freiwillige Polizei, Freiwilliges Finanzamt, Freiwilliges Kanzleramt ... absurd. Also warum, bitte sehr, baut dieses bekanntlich reiche Land, nicht aus Steuermitteln 100% professionelle Feuerwehren flächendeckend aus, inklusive der nötigen Ausrüstung ? Mir erscheint das eine absurde Situation und in diversen anderen Ländern ist das auch anders gelöst. (Ggf. wäre das wieder ein Element wofür ein verpflichtendes soziales Jahr sinnvoll wäre. Löst natürlich nicht das Ausrüstungsproblem.)
Die Feuerwehren überall zu 100% als Berufsfeuerwehr aufzubauen würde wohl astronomische Ausgaben erfordern, wobei dann stets gefühlte 95 % der Mann- und Damenschaft meistens Däumchen drehen würde weil es nichts zu tun gibt. Dagegen unterhält natürlich jede Stadt ab einer gewissen Größe sowie entsprechend große Unternehmen ebenso eine ständig einsatzbereite Berufsfeuerwehr, die alle geforderten Standards erfüllt. Das Konzept hat sich doch weitgehend bewährt, wobei man natürlich bei erkennbaren Schwächen oder Defiziten durchaus auch mal nachbessern muss, was auch schon mal größere Investitionen erfordern kann.
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