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Freiwilligendienst: Bilder einer krassen Zäsur

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Freiwilligendienst Zivis im Seniorenalter

Der Bundesfreiwilligendienst hat begonnen, gedacht als Ersatz für den Zivildienst. Doch bisher gibt es wenige Freiwillige wie den Abiturienten Thomas Volk, der typische Zivi-Aufgaben übernimmt. Neu sind dagegen Helfer wie Gabriele Petersen. Sie ist 71 Jahre alt.

Gabriele Petersen hat ein Programm wie eine Managerin: Früh morgens das Fernsehinterview, danach die Fragen der Radiojournalisten, im Anschluss die Begegnung mit Senioren an ihrem neuen Arbeitsplatz. Zwischendurch klingelt immer wieder ihr Handy.

Das ist viel Trubel für die 71-Jährige, doch sie bleibt gelassen, sie hat es ja so gewollt. Petersen ist die erste "Bundesfreiwillige" - je nach Rechnung. Das Familienministerium hat für diese Rolle einen 18-jährigen Ostfriesen zum Fototermin mit Staatssekretär ausgesucht.

Gabriele Petersen unterschrieb ihren Vertrag schon Mitte Mai. Am Freitag fing sie in der Hauptstadt beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) an. Sie will dabei helfen, Senioren zu betreuen - bisher ein Job für Zivis.

Seit dem 1. Juli gibt es Bundesfreiwillige in ganz Deutschland. Weil mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst wegfällt, musste ein Ersatz her. Jahrzehntelang hatten "Zivis", nachdem sie den Dienst an der Waffe verweigerten, vor allem in Sozialeinrichtungen mit angepackt.

Die Bundesfreiwilligen

Glaubt man der Politik, ist der Bundesfreiwilligendienst ein Erfolgsmodell. Glaubt man Sozialverbänden wie dem Berliner DRK, ist es sehr schwer, die neuen Helfer zu finden. Auf 35 ausgeschriebene Stellen gab es bisher nur 13 Bewerber, erst vier haben unterschrieben. Die meisten Interessenten waren nicht jung und kräftig wie die früheren Zivis. Sie sind im Seniorenalter. Dafür haben sie Zeit und möchten sich nützlich machen, so wie Gabriele Petersen.

Thomas Volks erste Zivi-Übung am Rettungswagen

Thomas Volk geht schon eher als typischer Zivi durch. Der 18-Jährige ist einer von insgesamt zwölf "Bufdis", die am Freitag beim Roten Kreuz bayernweit ihren Dienst angetreten haben. Einige Sozialdienstler benutzen tatsächlich diese Abkürzung: "Bufdi". Ob sie je so geläufig wird wie der Zivi, wird man sehen.

Volk schaut genau zu. Mehrmals zeigt ihm der Fahrdienstleiter des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) im oberbayerische Miesbach, wie man einen Gehbehinderten mit dem Stuhl in einen Krankenwagen rollt. Dann probiert es der 18-Jährige selbst. Nach einigen Versuchen klappt es mühelos. Der Abiturient hat seine erste Bewährungsprobe bestanden.

Für Volk war seit Jahren klar, dass er nach der Schule einen sozialen Dienst leisten wolle. "Ich kenne Nachbarn, die Zivis waren", erläutert er, "und eigentlich ist der Bufdi nichts anderes als der Zivi. Es hat sich nur der Name geändert." Was genau auf ihn zukommt, wusste er bis Freitag nicht. "Ich war zu sehr mit dem Abitur beschäftigt, als dass ich mich darum hätte kümmern können."

"Das ist für uns eine krasse Zäsur"

BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk würde sich freuen, wenn mehr junge Menschen wie er sich freiwillig meldeten. Der Bundesfreiwilligendienst wurde nach seiner Auffassung viel zu überhastet eingeführt. Daher laufe er nur schleppend an. "Das ist für uns eine krasse Zäsur", erläutert Stärk.

Bayernweit wurden erst 12 Verträge mit dem BRK abgeschlossen, zusätzlich haben sich an die 50 Interessenten gemeldet. Bisher leisteten bis zu 1800 junge Männer Zivildienst bei der bayerischen Hilfsorganisation. Nun wäre Stärk schon froh, wenn er bis Jahresende 400 Menschen für den Dienst gewinnen könnte. Er wirft der Bundesregierung vor, Zweckoptimismus beim Ersatz für den Zivildienst zu verbreiten.

Die Zahlen scheinen ihm recht zu geben. Bundesweit sollen rund 35.000 Zivildienststellen durch den BFD ersetzt werden. Doch fehlt es vielerorts an Freiwilligen. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums wurden erst gut 3000 echte BFD-Verträge unterzeichnet. 14.300 "Zivis" hätten ihren Dienst freiwillig verlängert. Der Parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium, Hermann Kues, spricht dennoch von einem "reibungslosen Übergang". Über die Altersstruktur der 3000 verpflichteten "Bufdis" ist nichts bekannt.

Reden, Spazieren gehen, Hundewelpen und Kaninchen streicheln

Gabriele Petersen hat klare Vorstellungen von ihrem 20-Stunden-Job: "Ich möchte anderen Menschen Mut machen, sich auch zu engagieren. Die Bevölkerung wird älter, und die Lücken werden größer." Petersen wird sich mit Menschen unterhalten, die älter und gebrechlicher sind als sie. Sie wird mit Demenzkranken im Garten spazieren gehen oder sie Hundewelpen und Kaninchen streicheln lassen.

Früher hat Petersen als Sekretärin gearbeitet. Auf 71 schätzt sie kaum jemand. Sie ist schlank, sorgfältig geschminkt und trägt ihre langen Haare offen. Abends geht sie gern ins Kino, oft in französische und englische Filme, im Original. Fremdsprachen sind ihre Leidenschaft. Sie kann sich gut vorstellen, im neuen Job einen Sprachkurs ins Leben zu rufen oder Computer-Unterricht zu geben.

Dass Bundesfreiwillige über 27 Jahre 330 Euro im Monat bekommen, ist Gabriele Petersen nicht so wichtig. "Wichtig ist die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen", sagt sie. "Wenn ich gebraucht werde, komme ich auch nicht auf schlechte Gedanken."

Für den 18-jährigen Thomas Volk endet der erste Arbeitstag mit einem Höhepunkt außerhalb der Dienststelle. Unter dem tosenden Beifall seiner Schulfreunde und Lehrer nimmt er sein Abiturzeugnis in Empfang - Notendurchschnitt 1,8.

Während Peters noch mit Journalisten über ihre neue Aufgabe spricht, klingelt ihr Handy - es ist die Schwester. Sie hat sie im Fernsehen gesehen. "Ich bin ganz glücklich", sagt Gabriele Petersen ins Telefon. Danach legt sie einer Seniorin eine Decke um die Schulter. Die Arbeit hat begonnen.

dpa/dapd/mamk
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