Freiwilligendienst Zivis im Seniorenalter

Der Bundesfreiwilligendienst hat begonnen, gedacht als Ersatz für den Zivildienst. Doch bisher gibt es wenige Freiwillige wie den Abiturienten Thomas Volk, der typische Zivi-Aufgaben übernimmt. Neu sind dagegen Helfer wie Gabriele Petersen. Sie ist 71 Jahre alt.

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Gabriele Petersen hat ein Programm wie eine Managerin: Früh morgens das Fernsehinterview, danach die Fragen der Radiojournalisten, im Anschluss die Begegnung mit Senioren an ihrem neuen Arbeitsplatz. Zwischendurch klingelt immer wieder ihr Handy.

Das ist viel Trubel für die 71-Jährige, doch sie bleibt gelassen, sie hat es ja so gewollt. Petersen ist die erste "Bundesfreiwillige" - je nach Rechnung. Das Familienministerium hat für diese Rolle einen 18-jährigen Ostfriesen zum Fototermin mit Staatssekretär ausgesucht.

Gabriele Petersen unterschrieb ihren Vertrag schon Mitte Mai. Am Freitag fing sie in der Hauptstadt beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) an. Sie will dabei helfen, Senioren zu betreuen - bisher ein Job für Zivis.

Seit dem 1. Juli gibt es Bundesfreiwillige in ganz Deutschland. Weil mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst wegfällt, musste ein Ersatz her. Jahrzehntelang hatten "Zivis", nachdem sie den Dienst an der Waffe verweigerten, vor allem in Sozialeinrichtungen mit angepackt.

Die Bundesfreiwilligen
Was ist bitteschön ein "Bufdi"?
dapd
Die Wehrpflicht ist ausgesetzt - der Zivildienst damit obsolet. Deswegen gibt es nun den sogenannten Bundesfreiwilligendienst, den mancher schon mit "Bufdi" abkürzt. Er dauert sechs bis 24 Monate, in der Regel ein Jahr. Männer und Frauen ab 16 Jahren sollen in Krankenhäusern oder Behindertenheimen eingesetzt werden, aber auch in Bildung, Kultur, Sport und anderen Bereichen.
Zahlen, bitte?
Freiwillige erhalten neben Unterkunft, Dienstkleidung und Verpflegung ein Taschengeld von monatlich maximal 330 Euro. Zum Dienstbeginn am 1. Juli wurden laut Bundesfamilienministerium gut 3000 Verträge geschlossen. Zusammen mit 14.300 Zivildienstleistenden, die ihre Zeit verlängert haben, umfasst der neue Dienst zu seiner Einführung somit rund 17.300 Freiwillige.
Neues Lohndumping?
Der Jugendverband des Deutscher Gewerkschaftsbundes (DGB) kritisiert, der Bundesfreiwilligendienst und der freiwillige Wehrdienst eröffneten "keinerlei Perspektiven" für junge Menschen. Sie verdrängten reguläre Arbeitsplätze, weiteten den Niedriglohnsektor noch mehr aus und könnten zu "Lohndumping vor allem bei sozialen Berufen" führen.
Glaubt man der Politik, ist der Bundesfreiwilligendienst ein Erfolgsmodell. Glaubt man Sozialverbänden wie dem Berliner DRK, ist es sehr schwer, die neuen Helfer zu finden. Auf 35 ausgeschriebene Stellen gab es bisher nur 13 Bewerber, erst vier haben unterschrieben. Die meisten Interessenten waren nicht jung und kräftig wie die früheren Zivis. Sie sind im Seniorenalter. Dafür haben sie Zeit und möchten sich nützlich machen, so wie Gabriele Petersen.

Thomas Volks erste Zivi-Übung am Rettungswagen

Thomas Volk geht schon eher als typischer Zivi durch. Der 18-Jährige ist einer von insgesamt zwölf "Bufdis", die am Freitag beim Roten Kreuz bayernweit ihren Dienst angetreten haben. Einige Sozialdienstler benutzen tatsächlich diese Abkürzung: "Bufdi". Ob sie je so geläufig wird wie der Zivi, wird man sehen.

Volk schaut genau zu. Mehrmals zeigt ihm der Fahrdienstleiter des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) im oberbayerische Miesbach, wie man einen Gehbehinderten mit dem Stuhl in einen Krankenwagen rollt. Dann probiert es der 18-Jährige selbst. Nach einigen Versuchen klappt es mühelos. Der Abiturient hat seine erste Bewährungsprobe bestanden.

Für Volk war seit Jahren klar, dass er nach der Schule einen sozialen Dienst leisten wolle. "Ich kenne Nachbarn, die Zivis waren", erläutert er, "und eigentlich ist der Bufdi nichts anderes als der Zivi. Es hat sich nur der Name geändert." Was genau auf ihn zukommt, wusste er bis Freitag nicht. "Ich war zu sehr mit dem Abitur beschäftigt, als dass ich mich darum hätte kümmern können."

"Das ist für uns eine krasse Zäsur"

BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk würde sich freuen, wenn mehr junge Menschen wie er sich freiwillig meldeten. Der Bundesfreiwilligendienst wurde nach seiner Auffassung viel zu überhastet eingeführt. Daher laufe er nur schleppend an. "Das ist für uns eine krasse Zäsur", erläutert Stärk.

Bayernweit wurden erst 12 Verträge mit dem BRK abgeschlossen, zusätzlich haben sich an die 50 Interessenten gemeldet. Bisher leisteten bis zu 1800 junge Männer Zivildienst bei der bayerischen Hilfsorganisation. Nun wäre Stärk schon froh, wenn er bis Jahresende 400 Menschen für den Dienst gewinnen könnte. Er wirft der Bundesregierung vor, Zweckoptimismus beim Ersatz für den Zivildienst zu verbreiten.

Die Zahlen scheinen ihm recht zu geben. Bundesweit sollen rund 35.000 Zivildienststellen durch den BFD ersetzt werden. Doch fehlt es vielerorts an Freiwilligen. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums wurden erst gut 3000 echte BFD-Verträge unterzeichnet. 14.300 "Zivis" hätten ihren Dienst freiwillig verlängert. Der Parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium, Hermann Kues, spricht dennoch von einem "reibungslosen Übergang". Über die Altersstruktur der 3000 verpflichteten "Bufdis" ist nichts bekannt.

Reden, Spazieren gehen, Hundewelpen und Kaninchen streicheln

Gabriele Petersen hat klare Vorstellungen von ihrem 20-Stunden-Job: "Ich möchte anderen Menschen Mut machen, sich auch zu engagieren. Die Bevölkerung wird älter, und die Lücken werden größer." Petersen wird sich mit Menschen unterhalten, die älter und gebrechlicher sind als sie. Sie wird mit Demenzkranken im Garten spazieren gehen oder sie Hundewelpen und Kaninchen streicheln lassen.

Früher hat Petersen als Sekretärin gearbeitet. Auf 71 schätzt sie kaum jemand. Sie ist schlank, sorgfältig geschminkt und trägt ihre langen Haare offen. Abends geht sie gern ins Kino, oft in französische und englische Filme, im Original. Fremdsprachen sind ihre Leidenschaft. Sie kann sich gut vorstellen, im neuen Job einen Sprachkurs ins Leben zu rufen oder Computer-Unterricht zu geben.

Dass Bundesfreiwillige über 27 Jahre 330 Euro im Monat bekommen, ist Gabriele Petersen nicht so wichtig. "Wichtig ist die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen", sagt sie. "Wenn ich gebraucht werde, komme ich auch nicht auf schlechte Gedanken."

Für den 18-jährigen Thomas Volk endet der erste Arbeitstag mit einem Höhepunkt außerhalb der Dienststelle. Unter dem tosenden Beifall seiner Schulfreunde und Lehrer nimmt er sein Abiturzeugnis in Empfang - Notendurchschnitt 1,8.

Während Peters noch mit Journalisten über ihre neue Aufgabe spricht, klingelt ihr Handy - es ist die Schwester. Sie hat sie im Fernsehen gesehen. "Ich bin ganz glücklich", sagt Gabriele Petersen ins Telefon. Danach legt sie einer Seniorin eine Decke um die Schulter. Die Arbeit hat begonnen.

dpa/dapd/mamk

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Elektrodampf 02.07.2011
1. Kein Freizeitspaß
Ich habe Frau Petersen gestern im TV gesehen und mir gedacht: "Was die Dame da so erzählt, hat wenig mit dem Zivi-Dienst zu tun wie ich ihn erlebt habe." Das klang nach freier Arbeits- und Zeitgestaltung. Man könnte ein bisschen hier was machen und ein bisschen da. Ganz wie man möchte halt. Ich glaube nicht, dass der Bundesfreiwilligendienst kreative Freidenker sucht, die sich Ihre Arbeitszeit und Ihre -Aufgaben frei gestalten wollen. Zu meiner Zivi-Zeit im Altenheim ging es darum, meist ungeliebte, langweilige und zeitraubende Pflichtarbeiten zu erfüllen. Eben genau die Aufgaben, für die man keine/ wenig Qualifikation braucht und für die das Stammpersonal keine Zeit (mehr) hat/ bekommt. Meine subjektive Erfahrung deckt sich aber auch mit den Erfahrungen meiner Abikollegen aus der Zeit. Egal ob bei den Sanis, im Krankenhaus, im Erziehungsheim ... malochen war angesagt. War ja auch nicht schlimm und auch ok. Aber es hatte nix mit freier Arbeitseinteilung zu tun. Ich finde es bedenklich, wenn da jetzt jungen Leuten suggeriert wird, dass der Freiwilligendienst eine tolle, kreative Zeit ist. Man könne sich ja aussuchen was man wann, wie und wo machen wolle. Und feste Arbeitszeiten? Wer braucht die schon. Es ist klar dass Frau Petersen in vielen Bereichen eine Ausnahme darstellt. Genau das sollte aber auch nicht vergessen werden.
Rooo 02.07.2011
2. Was sich mir überhaupt nicht erschließt...
Was sich mir überhaupt nicht erschließt ist, wie der DGB darauf kommt, dass mit dem Bundesfreiwilligendienst jetzt Lohndumping betrieben wird. Lohndumping wurde jahrzehntelang durch die Zwangszivis betrieben. Jetzt muss das ja niemand mehr für weniger als Hartz 4 machen. Kein Wunder, dass es so wenige Bewerber gibt. In Zukunft wird man hoffentlich wieder mehr Leute fest einstellen und diese auch (zumindest etwas) angemessener bezahlen müssen.
Snowfan 02.07.2011
3. Is doch toll...
Ich habe ein Diplom in Psychologie, bin seit 5 Jahren berufstätig und in fast abgeschlossener Weiterbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin. Und ich arbeite 24 Stunden pro Woche als reguläre Stationspsychologin in einer großen psychiatrischen Klinik. VÖLLIG unbezahlt. Meine Miete zahle ich natürlich selber, in der Klinik darf ich nicht mal gratis Mittag essen. Hallo Schulden! Dass meine Weiterbildung bislang 20.000€ gekostet hat, ich seit 5 Jahren unter dem Hartz IV-Niveau lebe und man keinen Kredit zur Finanzierung seines Lebensunterhalts bekommt: Egal. Da ist das Bufdi-Leben doch traumhaft und beneidenswert frei von existenziellen Sorgen.
Iggy Rock, 02.07.2011
4. Nichts für Leute im Rentenalter
Zitat von RoooWas sich mir überhaupt nicht erschließt ist, wie der DGB darauf kommt, dass mit dem Bundesfreiwilligendienst jetzt Lohndumping betrieben wird. Lohndumping wurde jahrzehntelang durch die Zwangszivis betrieben. Jetzt muss das ja niemand mehr für weniger als Hartz 4 machen. Kein Wunder, dass es so wenige Bewerber gibt. In Zukunft wird man hoffentlich wieder mehr Leute fest einstellen und diese auch (zumindest etwas) angemessener bezahlen müssen.
Mehr Leute fest einzustellen senkt die Gewinne, macht allerlei soziale Einrichtungen aber auch heftig teurer. Ich vermute, dass man sich, wie es auch schon vor 10 Jahren der Fall war, am Pool der Arbeitslosen bedienen wird. Damals reichten Zivis alleine schon keineswegs aus um z.B. ein Altenpflegeheim in die Gewinnzone zu bringen, trotz gesalzener Pflegeplatzpreise, staatlichen Begünstigungen, zu wenig fest angestelltem Personal und Kostenreduktion wo es nur ging. Damals waren Verurteilte die Arbeitsstunden ableisten mussten ebenso gern gesehen wie Arbeitslose und Sozialhilfebezieher. Uns Zivis kam dabei eine Sonderrolle zu, wir waren neben unseren Hauptaufgaben, die wirklich vollen Arbeitsplätzen entsprachen, für alles verfügbar und einsetzbar, sehr oft auch außerhalb der Arbeitszeit und vor allem an den Wochenenden, wo wir keine Zusatzkosten verursacht haben. Wer sich das locker und leich vorstellt, hat keine Ahnung davon, was für Tätigkeiten man an manch einer Zivistelle wirklich täglich tun musste. Es gab auch jene Zivis, die nur Würfelspielchen machten und Pflegebedürftigen aus der Zeitung vorlasen und Kaffee einschenkten, aber eben auch solche die den ganzen Laden am Laufen hielten, Material, Lebensmittel und Wasserkisten schleppten, Müll entsorgten, den Aussenbereich sauber hielten, allerlei Nebenaufgaben abarbeiten und noch täglich mindestens vier Stunden Fahrdienste erledigten. Sowas freiwillig zu tun wird vermutlich darin enden, dass es einige Stellen gibt, deren junge Interessenten noch vor der vollen Einarbeitungszeit das Weite suchen werden. Dagegen werden vermutlich Knebelverträge helfen, für ältere Menschen ist das jedoch keine "Nebenbetätigung", das sind Knochenjobs, daher auch kaum für Leute jenseits der 50 geeignet.
Christian Krippenstapel 02.07.2011
5. Ausbaufähig
Das beschriebene Konzept halte ich noch für stark ausbaufähig. Warum sollten sich denn die "fitten Alten", die für unsere Zeit so charakteristisch sind, in Altenheimen oder auf Mallorca langweilen? Sicher haben die ihren Teil für die Gesellschaft geleistet und sollten jetzt nicht irgendwie "eingespannt" werden, aber ihnen die Möglichkeit zu eröffnen dies auf freiwilliger Basis zu tun, halte ich für grundsätzlich richtig. Erstens ist es ein bedeutender Unterschied, ob man arbeiten muß oder ob man es kann und zweitens ist Arbeit nicht nur Mühsal, sondern auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Im Artikel wird nur die Pflege Alter durch Alte beschrieben, aber es gäbe noch einen anderen, sehr wichtigen Wirkungsbereich: Die Kinderbetreuung. Zum einen ist das möglicherweise der Grund, warum der Mensch, gemessen an seiner fruchtbaren Lebenszeit, soviel älter wird als alle Tiere (siehe dazu den Artikel in "Spektrum der Wissenschaft": http://www.spektrum.de/artikel/1006318&_z=798888 , sowie den Leserbrief dazu: http://www.spektrum.de/artikel/1012393) und zum anderen schließen sich laten- und Kinderbetreuung keinesfalls gegenseitig aus, sondern können sich in beinahe idealer Weise ergänzen, wie ein sehr vielversprechender Modellversuch in Brandenburg zeigt (http://www.3sat.de/page/?source=/nano/astuecke/97072/index.html) Den Trend, der sich da gerade abzeichnet, finde ich jedenfalls ausgesprochen begrüßenswert!
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