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Frührenten-Berater Ausmusterer vom Dienst

Jahrzehntelang half Peter Zickenrott jungen Männern gegen Geld, ausgemustert zu werden. Das Ende der Wehrpflicht zerstörte sein Geschäft, jetzt hat der geschmeidige Dienstleister neue Kundschaft: Er berät Menschen, die in Frührente wollen.
Peter Zickenrott: Wehrpflicht adieu - da wechselte er einfach die Zielgruppe

Peter Zickenrott: Wehrpflicht adieu - da wechselte er einfach die Zielgruppe

Foto: SPIEGEL ONLINE

Peter Zickenrott lebte 20 Jahre lang von der Wehrpflicht, noch länger hasste er sie. Zickenrott half jungen Männern, der Wehrpflicht zu entkommen. Er half ihnen gegen Honorar, schneller ins Studium oder in die Ausbildung zu starten, eine Karriere zu beginnen.

"Karl-Theodor zu Guttenberg hat mich arbeitslos gemacht", sagt Zickenrott, er grinst dabei, denn das stimmt nicht, dafür ist Zickenrott zu schlau, er ist immer noch der Ausmusterer. Nur auf einem anderen Gebiet: Heute hilft er Menschen, aus der Karriere auszusteigen. Er macht jetzt in Frührente.

Früher verkaufte er Wehrpflichtigen sein Wissen über psychische Erkrankungen. Seine Kunden sahen sich in seinem "Wehrdienst-Report" Symptome an, suchten sich passende aus, die ergaben ein Krankheitsbild, das Ticket zur Ausmusterung. Einer hohen fünfstelligen Zahl junger Leute habe er geholfen, dem Wehrdienst zu entgehen, sagt Zickenrott.

Er arbeitete wie ein Subunternehmer ohne Auftrag, wie ein Virus lebte er, der Pazifist, von dem, was er bekämpft: der Bundeswehr.

"Ich helfe den Leuten zu erkennen, wie krank sie wirklich sind"

Heute hilft Zickenrott seinen Kunden, dass ihr Antrag auf Frührente bei der Deutschen Rentenversicherung und privaten Berufsunfähigkeitsversicherungen erfolgreich ist. Und wieder ist es nicht nur einfach ein Geschäft für ihn, wieder verfolgt er eine Mission gegen ein unmenschliches System, von dem er letztlich profitiert. Zumindest verkauft er es so. "Globalisierung, Kostendruck und eiskalte amerikanische Profitmaximierungsprinzipien bestimmen unsere Gesellschaft", sagt er. Das mache die Leute fertig.

Sein Haus steht in einem Tal am Rand von Waldshut an der Schweizer Grenze. Zickenrott, 49, ist ein wuchtiger Mann mit kräftigen Armen und kurz geschorenen Haaren. Zornig wirkt er selten, der Systemfeind, seine Augen blicken zuweilen ein wenig scheu durch die eckige Brille. Er selbst wurde 1980 ausgemustert, er sei hypochondrisch gewesen, habe Angst vor allem gehabt, "was mein Leben bedrohen könnte".

Das Büro ist eng, im Haus ist es unordentlich. Bald zieht Zickenrott um, schließlich kommen jede Woche Interessenten zu ihm, erzählt er, da braucht er mehr Platz. Die Besucher aus ganz Deutschland holt Zickenrott meist vom Flughafen Zürich ab. "Die Menschen sind ausgepowert, sind fertig, wenn sie zu mir kommen."

"Die Reha ist der härteste Teil"

Wer so krank ist, dass er nicht mehr arbeiten kann, wird von der Erwerbsminderungsrente aufgefangen; wer sich noch privat abgesichert hat, kassiert eine Berufsunfähigkeitsrente. Zickenrott sagt: "Ich helfe den Leuten zu erkennen, wie krank sie wirklich sind." Für sein "Rundum-Sorglos-Paket" zahlen seine Kunden 8000 Euro.

Die meisten sind zwischen 48 und 53 Jahre alt, zwei Drittel Männer. Meist arbeiten sie bei Banken, Versicherungen oder in der Pharmabranche. Da herrsche "Druck ohne Ende", so Zickenrott, der selbst nie in so einer Branche tätig war. Er lernte Heizungsmonteur, arbeitete als Einzelhandelskaufmann, ehe er sein Geld mit der Wehrpflicht verdiente.

Zickenrott legt Wert darauf, dass seine Kunden früher wie heute keine kerngesunden Faulenzer seien. Wenn sie zu ihm in den Schwarzwald kommen, fragt er die medizinische Vorgeschichte ab, er fragt nach Symptomen, Schlafstörungen zum Beispiel, alles, was "verwertbar" ist, wie er es nennt.

Denn am Ende warten die Gutachter. Die müssen überzeugt werden, die müssen zum Ergebnis kommen, dass Zickenrotts Kunden nicht einmal fähig sind, drei Stunden am Tag zu arbeiten. Denn nur so bekommen sie die volle Erwerbsminderungsrente bewilligt.

Zu krank, um zu arbeiten - besser kann es gar nicht gehen

2010 bearbeitete die Deutsche Rentenversicherung 361.963 Anträge auf Erwerbsminderungsrente. Ziemlich genau die Hälfte wurde bewilligt, die andere Hälfte abgelehnt, davon 114.000 aus medizinischen Gründen. Zickenrott vermutet bei den Gutachten oft Willkür. Darauf könne man sich "gar nicht gut genug vorbereiten". Tatsächlich zeigte eine Studie, dass Gutachter einen konstruierten Testfall völlig unterschiedlich bewerteten.

Vor der Begutachtung durch die Rentenversicherung absolvieren die meisten von Zickenrotts Kunden wochenlang in der Reha tägliche Therapiesitzungen. Ein Leben unter Beobachtung, das für Zickenrott nur eines zum Ziel hat: Die Reha-Einrichtung muss zum Ergebnis kommen, dass sie seine Kunden nicht rehabilitieren kann. "Das ist der härteste Teil", sagt Zickenrott, "in dieser Zeit ist unsere Betreuung engmaschig, wir telefonieren oftmals täglich."

Er verhelfe seinen Kunden zu einem "optimalen Verhalten". In der Reha heißt das für seine Kunden etwa: Sollen sie am therapeutischen Malen teilnehmen? "Ich sage, welches Bild was für einen Eindruck auf einen Therapeuten macht, und was jemand malen soll, wenn er gar keine Idee hat."

Spezialgebiet psychische Störungen

Ist das überhaupt legal? Nicht immer lief alles glatt für Zickenrott: Die Staatsanwaltschaft durchsuchte seine Räume, Steuerfahnder waren auch schon da. Wegen Beihilfe zur Wehrpflichtentziehung wurde er verklagt, wegen Anstiftung zur Täuschung. Alles erfolglos. Der Verband der Rentenberater schickte Zickenrott einen Brief, schließlich müssen Rentenberater behördlich registriert sein, so einfach geht das nicht. Doch Zickenrott änderte den Text auf seiner Homepage, schließlich gehe es bei ihm um "die medizinischen Aspekte" und nicht um die Bürokratie. Der Verband war besänftigt - Zickenrott kriegt keiner klein.

Er holt den Entlassungsbericht eines Kunden, der vor einem Jahr in der Reha war. Der Mittfünfziger arbeitet im Finanzsektor und wartet gerade auf das abschließende Gutachten. Im Bericht ist von "nicht realisierten Therapiezielen" die Rede, von "ausbleibendem Behandlungserfolg", kurz: Der Patient sei nicht in der Lage, wieder ins Erwerbsleben zurückzufinden.

Zu krank, um zu arbeiten: Besser kann es Zickenrotts Kunden gar nicht gehen.

Feindkontakt brachte Zickenrott vor ein paar Jahren auf die neue Geschäftsidee: Ein Mitarbeiter des Kreiswehrersatzamtes wollte wissen, ob er ihm in die Frührente verhelfen könne. "Er wollte da raus", erinnert sich Zickenrott, der ablehnte: "Damals war ich noch nicht vorbereitet auf so einen Job."

Heute ist er vorbereitet. Zickenrott kann seine Erfahrung nutzen, sein Wissen über psychische Erkrankungen, die Adressen von Ärzten in ganz Deutschland, die nicht so kritisch seien wie andere: "Sie diagnostizieren mehr im Sinne meiner Kunden." Er hat sich den Persönlichkeitstest MMPI-2 besorgt, mit dem Gutacher bei der Deutschen Rentenversicherung arbeiteten. Er kennt nun alle rund 600 Sätze, zu denen seine Kunden Stellung nehmen müssen, ob sie zutreffen oder nicht. Sätze wie "Ich wäre gerne Florist" oder "Zuweilen möchte ich am liebsten etwas kaputtschlagen". Zickenrott hat sich schlau gemacht, was in welcher Kombination besser nicht zutreffend sein sollte. Ob gewaltbereite Floristen bessere Chancen auf Frührente haben.

"Wenn jemand ein Dauergrinsen im Gesicht hat, ist das ein Problem"

Um sich fortzubilden, fuhr er zu einer Tagung nach Köln, unter falschem Namen angemeldet. Allerhand Experten von Versicherungen und Anwälte sprachen dort über Missbrauch bei der Berufsunfähigkeitsversicherung.

"Dort wurde zum Beispiel eine Fangfrage vorgestellt, die Gutachter den Menschen stellen sollen: Beschreiben Sie Ihre Schlafstörungen. Denn sie wissen: Nur wer wirklich Schlafstörungen hat, erzählt detailliert darüber." Solche Informationen sind wichtig für Zickenrott, er arbeite "nur mit psychischen Erkrankungen", wie er sagt. Ein einträgliches Geschäft: Die Zahl der Menschen mit Burnout, Depressionen, psychischen Leiden steigt rasant.

"Einmal stand ein Mann vor mir", erzählt Zickenrott, "oder besser ein Männchen: kaum mehr als 1,60 Meter groß, schwerbehindert nach einer Polioerkrankung. Nur: Er lachte ständig, seine Augen blitzten." Keine Chance, befand Zickenrott, "wenn jemand ein Dauergrinsen im Gesicht hat, ist das ein Problem".

Schließlich müssen er und seine Kunden Haus- und Fachärzte, Psychotherapeuten und Rehakliniken überzeugen, dass der Spaß vorbei ist. "Alle vier müssen möglichst ähnlich klingende Diagnosen erstellen, mit denen wir den Gutachter erschlagen", sagt Zickenrott.

Ist ein Antrag bewilligt, hört sein Job nicht auf: Oft müssen seine Kunden nach drei Jahren zu einer Nachbegutachtung, manchmal folgen zwei weitere. "In dieser Zeit sollte man nicht ins Ausland ziehen, sonst ist Florida-Rolf gleich in den Köpfen der Gutachter. Das kann nicht gutgehen."

Bis jetzt habe er einige Dutzend Kunden in die Frührente verholfen. Ob darunter auch Simulanten waren? "Ich hoffe immer, keinen Simulanten zu erkennen", sagt Zickenrott.