In Kooperation mit

Job & Karriere

Führen aus dem Homeoffice "Die Angst, Kontrolle zu verlieren, ist ganz normal"

Homeoffice für alle – das ist für manche Firmen jetzt unfreiwillige Realität und ungewohnte Herausforderung. Homeoffice-Expertin Teresa Bauer meint: Das sollten wir als Chance sehen. Hier sind ihre besten Tipps für Führungskräfte.
Ein Interview von Maren Hoffmann
Zu Hause ist es doch am schönsten: Man kann sein Team auch aus dem Homeoffice führen, wenn man weiß, wie

Zu Hause ist es doch am schönsten: Man kann sein Team auch aus dem Homeoffice führen, wenn man weiß, wie

Foto:

Thomas Barwick/ Stone RF/ Getty Images

SPIEGEL: Kann man als Führungskraft auf Dauer ortsunabhängig arbeiten?

Teresa Bauer: Ja, das geht. Es geht nie ums Können, sondern immer ums Wollen! Etliche Unternehmen haben schon jetzt gar kein Büro mehr. Aber man muss eine neue Kultur der Zusammenarbeit etablieren - und Führung viel ernster nehmen.

SPIEGEL: Kaum ein Chef nimmt doch seine Position auf die leichte Schulter.

Bauer: Nein, aber viele Führungskräfte führen tatsächlich eher nebenbei und mischen viel im operativen Geschäft mit. Im Homeoffice wird viel schneller sichtbar, ob die Führungskraft ihrer Rolle auch wirklich gerecht wird und sich Zeit für Führung nimmt. 

SPIEGEL: Viele Chefs haben Angst vor Kontrollverlust, wenn man nicht mehr zusammen vor Ort im Büro ist.

Bauer: Das ist das Erste, das Sie als Führungskraft im Homeoffice wissen müssen: Die anfängliche Angst, Kontrolle zu verlieren, ist ganz normal. Die haben alle. Ich habe diesen gefühlten Kontrollverlust auch unangenehm gespürt, und das, obwohl ich selbst treibende Kraft der Umstellung war. Machen Sie sich davon frei, dass es bei Ihnen anders laufen muss. Ein Austausch mit homeoffice-erfahrenen Führungskräften oder Entscheidungsträgern in ähnlicher Situation kann dabei unterstützen. Und machen Sie sich klar: Wenn Sie im Büro Ihren Mitarbeiter am Laptop sehen, können Sie ihn auch nicht kontrollieren. Sie sehen nur, dass er da ist. In der neuen Situation, wenn auf einmal alle im Homeoffice sind, braucht Vertrauen Zeit, um sich zu etablieren. Sie dürfen auch dem Team gegenüber zugeben: Das ist neu für mich, aber wir können das zusammen schaffen.

SPIEGEL: Wie geht man das am besten an?

Bauer: Homeoffice bedeutet nicht nur, die Mitarbeiter mit dem Laptop nach Hause zu schicken. Man braucht einen Teamkodex, gemeinsame Homeoffice-Leitlinien. Die Erwartungen sind oft sehr unterschiedlich. In Schulungen lasse ich die Teilnehmer immer anonym auf Zettel schreiben, wie lange man sich ihrer Ansicht nach für die Antwort auf eine E-Mail Zeit nehmen darf – und jedes Mal kommen dabei ganz unterschiedliche Ergebnisse heraus: Von einer Stunde bis hin zu ein oder zwei Tagen. Solche Erwartungen müssen Sie miteinander kommunizieren. Das hört sich nach einer Bagatelle an, aber diese kleinen Dinge summieren sich und führen zu Verstimmungen. Im Büro sehen Sie ja, wenn der Kollege den ganzen Tag von Meeting zu Meeting hetzt, und verstehen, warum er nicht antwortet – wenn er zu Hause ist, wissen Sie das nicht. Kommunikation untereinander wird viel wichtiger, weil sie nicht mehr automatisch passiert.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Es gibt wahrscheinlich auch sehr unterschiedliche Erwartungen an die Erreichbarkeit.

Bauer: Ganz genauso ist es. Sie müssen klären: Arbeiten wir nur ortsunabhängig oder auch zeitunabhängig? Ist es in Ordnung, nachmittags in Ruhe einkaufen zu gehen, wenn man sich abends an die Präsentation setzt – oder ist es für das Team wichtig, dass alle zur selben Zeit online sind?

SPIEGEL: Etliche Firmen machen das ja erstmal nur auf Zeit. Muss man da wirklich alles klären oder kann man jetzt einfach improvisieren?

Bauer: Diese grundlegenden Dinge muss man auch für kurze Phasen klären – schon, damit Sie nach der Krise nicht das Fazit ziehen müssen: Homeoffice klappt nicht. Sie müssen jetzt das Team zusammenhalten, und das geht am besten, indem Sie gute Strukturen schaffen. Als Führungskraft sollten Sie jedes Teammitglied einmal pro Woche zu einem Videocall treffen und darüber sprechen, wie es demjenigen geht, an welchen Aufgaben er arbeitet und welche Kapazitäten er oder sie hat. Das ist gut investierte Zeit und damit verschwindet auch der gefühlte Kontrollverlust! So merkt man schnell, wenn etwas nicht in Ordnung ist und nochmal nachjustiert werden muss. Und machen Sie je nach Bedarf täglich oder einmal pro Woche einen Videocall mit dem gesamten Team, um das Teamgefühl aufrecht zu erhalten und Projektfortschritte zu besprechen. Auch soziale Strukturen sind wichtig: Ich kenne ein Unternehmen, das jeden Tag von 14 bis 14.30 Uhr einen virtuellen Meetingraum bereitstellt, in dem alle, die wollen, sich zur bezahlten Kaffeepause einfinden können – denn im Firmenbüro finden solche Treffen ja auch während der Arbeitszeit statt. So behält man Kontakt.

SPIEGEL: Führung ist ja nicht immer nur eitel Harmonie. Man muss auch Konflikte anpacken.

Bauer: Ja, aber man muss nicht notwendig in einem Raum zusammensitzen, um das zu tun. Das geht auch mit Videocalls. Oft sind solche Schwellen nur gefühlte Hindernisse. Eine Führungskraft eines sonst komplett dezentral arbeitenden Unternehmens beorderte zum Jahresgespräch alle Mitarbeiter in die Zentrale, inklusive Hotelübernachtung – bis alle darauf kamen, dass das eigentlich nur mehr Stress für alle war.

SPIEGEL: Welche Stolpersteine gibt es für Führungskräfte, für die die Situation "Homeoffice für alle" neu ist?

Bauer: Viele Führungskräfte schließen von sich auf andere: Wenn sie selbst proaktiv kommunizieren, erwarten sie das auch von ihren Mitarbeitern. Davon können Sie aber nicht ausgehen. Die fehlende Präsenz durch vermehrte Kommunikation auszugleichen ist enorm wichtig, aber kein Automatismus. Dazu darf und sollte man ermutigen – und jedes Team, jedes Unternehmen muss da seinen eigenen Weg finden. Die Arbeitsform ist aber nicht für jeden optimal. Manche Menschen sind mit dieser Art der Selbstorganisation überfordert. Homeoffice braucht Einarbeitung, das müssen Sie Ihren Mitarbeitern zugestehen und Hilfe und Unterstützung anbieten. Wenn Sie regelmäßige Eins-zu-eins-Gespräche führen, bekommen Sie aber mit, wer was braucht. Und eins sollten Sie sich klarmachen: Coronakrise hin oder her, das Thema ortsunabhängiges Arbeiten kommt so oder so. Meine Prognose ist: In fünf Jahren werden Unternehmen, die das nicht anbieten, kaum noch Mitarbeiter finden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.