Führen wie ein Kapitän "Die Ratten dürfen gar nicht erst an Bord kommen"

Industriekapitäne reißen das Ruder herum oder werfen den Anker aus: Im Management lassen sich nautische Metaphern kaum umschiffen. Kapitän a.D. Friedhold Hoppert erklärt, was Führungskräfte daraus lernen können.

Kennt sich aus mit großen Schiffen und mit Führungsaufgaben: Kapitän a.D. Friedhold Hoppert
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Kennt sich aus mit großen Schiffen und mit Führungsaufgaben: Kapitän a.D. Friedhold Hoppert

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    Der promovierte Ingenieur Friedhold Hoppert (69) ist mehr als 50 Jahre zur See gefahren und besitzt sein Kapitänspatent seit 1976. Zuletzt war er Kapitän auf dem Kreuzfahrtschiff Aidablu. Seit 2016 ist er im Ruhestand.

SPIEGEL: Chefs großer Unternehmen nennt man Industriekapitäne. Kann man eine Firma überhaupt führen wie ein Schiff?

Friedhold Hoppert: Es gibt große Unterschiede. Auf dem Schiff gibt es die Einzelverantwortlichkeit. Die liegt beim Kapitän. Da gibt es keinen Aufsichtsrat und keinen Vorstand. Ein Kapitän hat einen Anstellungsvertrag mit dem Reeder, aber für das Schiff ist er allein verantwortlich.

SPIEGEL: Also ist der Trend zum Abbau von Hierarchien sinnvoll?

Hoppert: Kollektive Führung kann gut sein, aber all diese endlosen Meetings - da wird auch vieles einfach zerredet, glaube ich. Wenn man weiß, dass man zwar kompetente Fachleute an Bord hat, mit denen man sich ausgiebig berät, aber dass man die Verantwortung letztlich alleine trägt, entwickelt man auch andere Kräfte.

SPIEGEL: Auf Schiffen und in Unternehmen läuft es ja manchmal auch schlecht. Soll man dann das Ruder herumreißen?

Hoppert: Unbedingt! Das ist zwar kein echtes nautisches Kommando, aber jeder weiß: Wer einer Gefahr ausweichen will, muss die Richtung wechseln. Aber auf einem großen Schiff haben Dinge, die ich jetzt tue oder unterlasse, erst mehrere Minuten später ihre Auswirkung. Wenn Sie das Ruder herumreißen, passiert erst einmal gar nichts. In der Schifffahrt lebt man immer ein bisschen in der Zukunft. Wer das Ruder in einem großen Unternehmen herumreißen muss, sollte das vor allem rechtzeitig tun.

SPIEGEL: Und genau wissen, wohin es gehen soll. Wie schlimm ist es, wenn der Lotse von Bord geht?

Hoppert: Wenn der Kapitän von Bord ginge, wäre das ehrlich gesagt schlimmer. Der Lotse hat nur beratende Funktionen, er trägt ja nicht die Verantwortung. In modernen Unternehmen meint man immer, dass man ohne Berater gar nicht auskommen kann. Aber wenn der Lotse von Bord geht, heißt das noch lange nicht, dass das Schiff dem Untergang geweiht ist. Der Kapitän hat ja schließlich auch Ahnung. Zumindest sollte er das haben.

SPIEGEL: Er muss auch wissen, was zu tun ist, wenn man ins Schlingern gerät.

Hoppert: Schlingern ist in der Seefahrt überhaupt nichts Außergewöhnliches. Es ist einfach eine Bewegung über die Längsachse des Schiffs. Letztlich muss Schlingern nicht beunruhigend sein, aber es kann einem natürlich auf den Magen schlagen. Dann muss man eben zusehen, dass man wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt.

SPIEGEL: Aber was tun bei heftigem Gegenwind, etwa durch aktivistische Investoren?

Hoppert: Grundsätzlich muss man sich auf See und wohl auch in Unternehmen mit den Gewalten arrangieren, mit denen man es zu tun bekommt. Man kann ohnehin nicht alles kontrollieren. Auch in schwerem Seegang kann man ein Schiff natürlich ordentlich bewegen. Man darf sich eben nur nicht der Illusion hingeben, dass man den Gewalten Paroli bieten kann, sondern muss sie beim Lenken berücksichtigen.

SPIEGEL: Da mag es als gute Idee erscheinen, im Kielwasser von jemandem zu schwimmen, der schon auf Erfolgskurs ist.

Hoppert: Das Kielwasser ist ja immer achteraus. Klar wird man da, wenn es gut läuft, mitgetragen auf einer Erfolgswelle. Aber wenn das Schiff vorne in Gefahr gerät, wird es schwierig. Insofern kann das Kielwasser dann doch eine gefährliche Zone sein. Es ist immer die bessere Idee, selbst zu navigieren.

SPIEGEL: Wenn wir von den Gefahren des Untergangs sprechen - verlassen die Ratten eigentlich sinkende Schiffe?

Hoppert: Diese Sache hat ja nun zwei Seiten. Die Hafenmeister haben Angst davor, dass Ratten von den Schiffen kommen. Aber Ratten sind ja Landtiere! Die krabbeln nicht von den Schiffen, die krabbeln über die Leinen auf die Schiffe. Ob Ratten sinkende Schiffe verlassen? Keine Ahnung. Ich weiß noch nicht mal, ob Ratten schwimmen können. Wichtig ist nur eines: Man muss dafür sorgen, dass sie gar nicht erst an Bord kommen.

SPIEGEL: Sollte der Kapitän als letzter von Bord gehen?

Hoppert: Wenn ein Unternehmen ins Schlingern gerät, ist das jedenfalls nicht die Zeit, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Dann hat man gefälligst alle Register zu ziehen. Es gab ja damals den Fall der Costa Concordia, deren Kapitän nach der Havarie das Schiff früh verlassen hat. Nach italienischem Seerecht darf der Kapitän erst zuletzt gehen. Im deutschen Seerecht ist das nicht festgelegt. Aber die juristische Seite ist ja nur ein Aspekt. Man hat eine moralische Verpflichtung, die viel schwerer wiegt.

SPIEGEL: Sollte man in kritischen Situationen erst einmal auf Sicht fahren?

Hoppert: Wer nur auf Sicht fährt, fährt leicht dem Untergang entgegen. Wenn Nebel aufkommt, ist man verloren ohne Radar oder andere Navigationshilfen. Wer auf Sicht fährt, hat nichts als die eigene Wahrnehmung. Es gibt viele Situationen, in denen das einfach nicht ausreicht.



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