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19. März 2018, 06:19 Uhr

Führung von unten

So steuern Sie Ihren Chef

Eine Kolumne von

Ihr Vorgesetzter ist unorganisiert und führt nicht richtig? Dann führen Sie doch zur Abwechslung mal ihn - unauffällig natürlich. Das nennt sich "Cheffing" und ist gar nicht so schwierig.

War ja klar, dass Herr Knobel die Präsentation versemmelt. Eine Woche lang hatte sich Andrea die Nächte um die Ohren geschlagen, um aus den wirren Vorgaben ihres Vorgesetzten eine Präsentation zu bauen, die den Kunden überzeugt. Eine super Präsentation, wie Andrea selbst fand.

Als Andrea gegen zwei Uhr in der Nacht von Freitag auf Samstag die finale Fassung abspeicherte und an Herrn Knobel schickte, da stimmte einfach alles: Der Look, die Zahlen, die Idee. Und eins stand fest: Nur ein Vierjähriger mit erheblichen Lern- und Ausdrucksschwächen wäre angesichts dieser Folienpracht noch in der Lage, das Ding gegen die Wand zu fahren und damit der Firma den lukrativen Auftrag zu vermasseln.

Ein Vierjähriger - und Herr Knobel. Andreas Chef schaffte es, mit seinem Auftritt beim potenziellen Kunden die geradezu magische Ordnung ihrer Argumente wieder in das irrlichternde Chaos zu verwandeln, das er ihr eine Woche zuvor als "Briefing" auf den Tisch geknallt hatte. Kunde geschockt, Auftrag futsch, Anschiss für Andrea.

Alle reden von Führung, dachte Andrea bitter, dabei müsste es eigentlich umgekehrt sein: Manche Führungskräfte brauchen selbst Führung, und zwar von ihren eigenen Mitarbeitern. Führung von unten. "Das gibt es doch schon", sagte Andreas Freundin Angela, die in der Strategieabteilung einer Unternehmensberatung arbeitet. "Nennt sich Cheffing."

Führen von unten - warum nicht?

Wenn Vorgesetzte keine Ahnung, keinen Überblick und kein Gespür fürs Geschäft haben, ist dies selbstverständlich ein Ärgernis, doch statt des üblichen Genörgels können Mitarbeiter aus der Not auch eine Tugend machen und versuchen, positiven Einfluss auf ihre Chefs zu nehmen.

Indem sie etwa Vorschläge so formulieren, dass sie auch bei Chefs mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne Gehör finden. Und indem sie auf den Feldern brillieren, die dem Vorgesetzten am Herzen liegen - und andere getrost ein wenig vernachlässigen. An den richtigen Stellen clever sein und initiativ werden - aber niemals dem Chef die Show stehlen, lautet das Geheimnis. Denn Cheffing ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Chef vertritt die Abteilung nach außen und heimst deshalb die ganze Anerkennung ein. Und wenn es gut läuft für die Abteilung, profitieren alle davon.

Und Mitarbeiter wie Andrea können an anderer Stelle eine Gegenleistung einfordern. Wobei man das meist gar nicht explizit tun muss: Gute Chefs wissen, wem sie ihren Erfolg verdanken und zeigen sich erkenntlich. Ein kluger Vorgesetzter wird solche Freiräume immer zulassen - denn er hat schließlich am meisten davon, wenn er höheren Orts mit den Ideen seiner Mitarbeiter brillieren kann.

Und was, wenn der Vorgesetzte ein Chaot ist, Termine und wichtige Fristen verpennt? Dann können Mitarbeiter ihn beim Organisieren dezent unterstützen. Oder der Chef kann sich nur schwer entscheiden und zögert oft zu lange? Warum nicht Alternativen so aufbereiten, dass es im Grund nur eine sinnvolle Option gibt, aber die Entscheidung formal trotzdem "Chefsache" bleibt? Der Chef ist zwar ein brillanter Denker, kann aber seine Erkenntnisse nicht gut aufbereiten und vorstellen? Warum nicht - unter dem Vorwand der persönlichen Weiterentwicklung - darum bitten, den nächsten Kundentermin selbst moderieren zu dürfen?

Nach dem Lunch mit Angela schreibt Andrea eine E-Mail an Herrn Knobel. Es sei ja doch sehr unglücklich gelaufen mit der Präsentation neulich. Vielleicht sei die Präsentation nicht ganz auf das Meeting beim Kunden zugeschnitten gewesen. Um ein besseres Gespür für solche Situationen zu bekommen, wäre es möglicherweise sinnvoll, wenn sie, Andrea, einmal selbst die Präsentation halte? Selbstverständlich nur unter der wachsamen Aufsicht von Herrn Knobel, der jederzeit einschreiten könne, sollte etwas in die falsche Richtung laufen. Ob man das nicht mal probieren könnte?

Tatsächlich: Andrea hielt die Präsentation, Herr Knobel tat sich an den belegten Brötchen gütlich, nickte dann und wann zustimmend und nahm anschließend huldvoll das Lob über seine kompetente und engagierte Mitarbeiterin entgegen. Und die ersehnte Auftragsbestätigung.

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