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G20-Gipfel in Hamburg: Laden entglast, Vertrauen verloren

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Ladenbesitzer in Hamburg "Danke, Olaf, für drei Tage Angst"

Eingeschlagene Scheiben, kaum Einnahmen und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein: Die Ladenbesitzer in der Hamburger Schanze sind nach dem G20-Gipfel wütend. Auf die Randalierer - und auf Bürgermeister Scholz.

"Danke, Olaf, für drei Tage Angst. Wann trittst zu zurück?" Diese Worte zieren gerade das Schaufenster des Wohngeschwisterchens in der Hamburger Schanze. Dag Lübke verkauft hier Dekorationsartikel, kleine Möbel und Kleidung. Er ist sauer auf Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, der den G20-Gipfel überhaupt erst nach Hamburg geholt hat.

Am Rande von Demonstrationen war es in der vergangenen Woche in der Hansestadt zu schweren Ausschreitungen gekommen. Randalierer schlugen bei mehreren Geschäften im Schanzenviertel die Scheiben ein, manche plünderten sie.

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G20-Gipfel in Hamburg: Laden entglast, Vertrauen verloren

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Auf den ersten Blick wirkt die Schanze mittlerweile fast wiederhergestellt. Nicht unbedingt aufgeräumt bis in die letzten Ecken, aber besenrein. Der Müll wurde beseitigt, hier und da fehlen noch einige Steine im Pflaster. Nur die notdürftig geflickten Scheiben in den Schaufenstern erinnern noch an die Krawalle.

Doch die Anspannung im linken Stadtteil ist spürbar. Daran ändert auch Scholz' Rede an diesem Mittwoch im Rathaus nichts, in der er die Verantwortung für die Ereignisse übernahm: "Dafür, dass das geschehen ist, bitte ich die Hamburgerinnen und Hamburger um Entschuldigung", sagte Hamburgs Bürgermeister.

"Wir wurden verraten und verkauft"

"Es ist ein Hohn, dass Scholz sagt, er sei überrascht von den Krawallen", kritisiert Lübke. Es seien schließlich nicht die ersten Ausschreitungen. Am 1. Mai ziehen regelmäßig Vermummte durch das linke Stadtviertel.

"Wir wurden verraten und verkauft", sagt Lübke. Seine Scheiben sind bei den Krawallen zwar "wie durch ein Wunder heil geblieben", wie er sagt. Finanzielle Schäden habe er dennoch. Die Kunden seien schon in der Woche vor dem G20-Gipfel ausgeblieben, Lieferanten seien nicht durchgekommen. Am Samstag habe er komplett schließen müssen. Mehrere Tausend Euro Umsatz fehlten ihm nun.

In einem offenen Brief kritisieren mehrere Ladeninhaber den rot-grünen Senat, der vollkommen abgetaucht sei. Die Kaufleute werfen der Landesregierung darin vor, "einer hochmilitarisierten Polizei das Management des G20-Gipfels auf allen Ebenen überlassen zu haben".

"Wir hatten Angst"

Bei den Krawallen wurden nicht nur Geschäfte größerer Ketten angegriffen, sondern auch kleine Läden: Ein Teegeschäft, ein Weinhändler, eine Apotheke. Die Geschäftsleute fragen sich, wer sie nun entschädigt.

Als die Randalierer durch die Schanze zogen, stand Mathias Fahrig vor seinem Weingeschäft Jaques'. Er wollte den Laden beschützen, gemeinsam mit Freunden und Anwohnern. Sie waren etwa zu zehnt. "Wir hatten Angst", sagt er.

Er musste zusehen, als drei Jugendliche seine Scheibe mit Steinen einschlugen. Schlimmeres konnte er aber verhindern. "Die haben hier gezielt Geschäfte angegriffen, die sie ausplündern können", sagt er. Als eine Gruppe junger Leute versuchte, seine Schaufenster endgültig zu zerstören, stellte er sich mit anderen Anwohnern vor sein Geschäft und rief: "Haut ab!". Er hatte Glück, die Jugendlichen zogen weiter.

Polizei kommt erst nach Stunden

Vier Stunden sei das so gegangen. Nachbarn hatten zwar die Polizei gerufen, aber die kam nicht. Die neue Glasscheibe wird ihn etwa 2000 Euro kosten, schätzt er. Ob die Versicherung zahlen wird, weiß er nicht. Hinzu kämen auch bei ihm Umsatzbußen von mehreren Tausend Euro, sagt er. Seit 17 Jahren hat er sein Geschäft hier, noch nie sei ihm etwas passiert.

Trotzdem bleibt Fahrig ruhig. Sorgen macht er sich eher um die Besitzerin des Teeladens am Schulterblatt, wo ebenfalls die Scheiben zerstört wurden. Er will helfen und plant eine Spendenaktion.

Teehändlerin Jutta Franck ist gerührt. Die 70-Jährige wird von ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem Enkel nur "Moma" genannt. Seit fast dreißig Jahren hat sie ihren Laden hier. Sie ist vor allem froh, dass die Randalierer nicht in den Laden eingedrungen sind. "Die schönen Holzregale hätten die sonst bestimmt verbrannt", so Franck.

Obwohl sie geschockt ist, welche Gewalt am Wochenende in ihrem Viertel herrschte, will Franck nicht, dass Scholz zurücktritt. "Ein Kapitän verlässt niemals das Schiff", sagt sie und lacht. Sie kennt Scholz seit Jahren, früher habe er bei ihr Tee gekauft.

Politik sichert Hilfe zu

Scholz sicherte am Mittwoch Hilfe für die Geschäftsleute in der Schanze zu. Zeitgleich kündigte das Bundesfinanzministerium an, der Bund werde die Hälfte der Entschädigungskosten für G20-Opfer tragen. Zudem werde eine Ansprechstelle für Betroffene eingerichtet.

Die Stadt Hamburg will sich um die Auszahlungen und eventuellen Rückforderungen kümmern, heißt es. Wie lange es dauern wird, bis die Geschäftsleute entschädigt werden, ist aber unklar. Die Handelskammer Hamburg will die Schadensmeldungen sammeln und dann mit den Forderungen an die Politik herantreten.

Auch Teehändlerin Franck weiß noch nicht, wie viel sie die Randale am Ende kosten wird. Die Glaserin habe bereits mehrfach angerufen und gefragt, wo sie die Rechnung hinschicken soll. "Am besten wohl erst mal zu mir", antwortete Franck. Eines wollen sie und die anderen Ladenbesitzer der Schanze definitiv nicht: noch einmal G20 in Hamburg.

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